Ungarn

Offene Türen

Podiumsgespräch bei Limmud in Budapest Foto: György Polgár

Manche Menschen fühlen sich da wohl schnell überfordert. Was, wenn man aus heiterem Himmel erfährt, dass die eigene Familie jüdisch ist? Wie geht man mit diesem überraschenden wie auch schwierigen »Erbe« um? Und was, wenn man sich der Tatsache seines Jüdischseins durchaus bewusst ist, sich aber bisher nicht wirklich dafür interessiert hat, das nun aber ändern möchte? Wie stellt man das richtig an?

Themen wie diese standen vor Kurzem bei Limmud Ungarn auf dem Programm. Zum einen wollte man mithilfe von Experten, Rabbinern und Aktivisten Türen zur jüdischen Welt öffnen, zum anderen den üblichen Rahmen sprengen und nicht wieder von Antisemitismus oder jüdischen Geistesgrößen in der Geschichte sprechen. Im Mittelpunkt sollten vielmehr das jüdische Leben der Gegenwart, die vielfältigen Traditionen und das bunte Gemeindeleben stehen. Die Gastgeber erhofften sich, dass mancher dazu inspiriert würde, durch genau diese Türen zu gehen.

Ziel der in den 80er-Jahren in Großbritannien gegründeten Limmud-Bewegung ist es, weltweit Lernveranstaltungen zu organisieren, bei denen jeder etwas über das jüdische Erbe lernen kann. Das ist gerade für Ungarn von großer Wichtigkeit, denn von rund 140.000 Menschen mit mindestens einem jüdischen Elternteil nehmen gerade einmal zehn Prozent in diesem Land aktiv am Gemeindeleben teil. Dafür gibt es handfeste historische Gründe. Viele Überlebende der Schoa haben ihren Kindern gegenüber entweder verheimlicht, dass sie Juden sind, oder diese in dem Bewusstsein erzogen, dass man sein Jüdischsein besser nicht öffentlich macht. Das religionsfeindliche und antisemitische Klima der sozialistischen Ära tat ihr Übriges.

All das hat sich nach 1989 zwar verändert, aber bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Gerade deshalb gab es auch regen Zulauf für das Limmud-Seminar »Oh, mein Gott, ich bin jüdisch!«. So berichtete die 55-jährige Mária Kemenes davon, dass sie erst im Alter von 25 Jahren von ihren jüdischen Wurzeln erfuhr, sich in Teenagertagen aber zum Katholizismus bekannt hatte. Der 67-jährige József Weisz erzählte, dass er zwar schon immer von seinem Jüdischsein gewusst, aber nun erst beschlossen habe, sich damit richtig auseinanderzusetzen. Ein dritter Teilnehmer wiederum sprach von dem Schock, den er verspürte, als er erfuhr, Jude zu sein, weil das Judentum mit so vielen negativen Attributen behaftet sei. Laut der Psychologin und Mitorganisatorin von Limmud, Antónia Szenthe, gibt es in Ungarn viele Jüdinnen und Juden mit ähnlichen Sorgen.

Zwar habe man sich angesichts der Ereignisse in Israel gefragt, ob man die Veranstaltung nicht besser absagen soll, aber dann eine klare Antwort gefunden. »Nein!«, sagte Szenthe in ihrer Eröffnungsrede. »Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und Flagge zeigen.«

So wurde im Gespräch mit Genetikern und einem Psychologen die Frage gestellt, wer überhaupt als Jude betrachtet werden könne. Die Antworten gingen weit auseinander. Einige bemühten die Biologie, andere wiederum die Halacha, wonach die Herkunft der Mutter entscheidend ist. Wieder andere betonten, dass diese Entscheidung auch eine ganz persönliche und individuelle sein könne.

Diskutiert wurde, wie man das Judentum am besten kennenlerne. Was erwartet einen, wo lassen sich offene Türen finden? Rabbiner István Darvas, der diese Fragen gut kennt, empfahl Interessenten, sich entweder einer Gemeinde anzuschließen, oder auch die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen und selbstverständlich reichlich Lektüre zum Einlesen in die Thematik. »Jüdischsein kann viele Formen annehmen«, betonte die Aktivistin Edina Wéber. »Das Schöne am Judentum ist ja auch seine Vielfalt.«

Wer sich beispielsweise nur für die Traditionen interessiert, findet ebenso ein riesiges Angebot wie all diejenigen, die sich eher mit den religiösen Aspekten auseinandersetzen möchten. Allerdings mit einer Einschränkung: Das funktioniert nur in Budapest – außerhalb der Hauptstadt ist das Angebot sehr überschaubar.

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026

Österreich

Hamas-Narrative im ORF?

Für die Österreichische Medienbehörde ist klar, dass der ORF den Krieg im Gazastreifen in einer ausgestrahlten TV-Dokumentation verzerrt hat

von Nicole Dreyfus  30.03.2026

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvollen Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026