Armenien

Offene Arme in Jerewan

Der runde Tisch ist gedeckt, und in der Mitte steht eine Karaffe mit Granatapfelwein. Doch wer an diesem Abend hier Platz nehmen wird, wissen sie nicht genau. So wie an jedem Freitag, wenn sie sich zum Schabbat-Dinner treffen im Café »Mama Jan« in Jerewan, der Hauptstadt von Armenien.

Das Café liegt in einer Seitenstraße, nicht weit vom zentralen Platz vor dem Opernhaus. Es ist mit Vintage-Möbeln eingerichtet, an der Bar kann man Bier aus dem Libanon bestellen, viele der Gäste sprechen Russisch. Seit ihr Land die Ukraine überfallen hat, sind 100.000 Russen in das kleine Armenien ausgewandert. Das Café ist einer ihrer Treffpunkte.

Rezepte auf TikTok

Der Tisch steht im hinteren Raum, gleich neben der Küche, in der Maria mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt ist. Seit zwei Jahren kocht sie für das Schabbat-Dinner und ist stolz darauf, noch nie ein Gericht wiederholt zu haben. Sie ist Armenierin, selbst nicht jüdisch. Sie schaue sich ständig Rezepte auf TikTok an, auf der Suche nach Inspiration, sagt sie. Der Granatapfelwein sei koscher zertifiziert, sagt Nathaniel, Marias Freund und einer der beiden Gastgeber des Essens am Freitagabend. Vor vier Jahren kam er aus Moskau nach Jerewan, im März 2022, als einer der Emigranten, die Putins Krieg nicht mittragen wollten.

In Moskau hatte er als Journalist gearbeitet. In Jerewan traf er einen Freund aus der alten Heimat wieder. Samson war bereits im Januar 2022 nach Armenien gekommen, um den armenischen Wurzeln seines Vaters nachzuspüren. Ein halbes Jahr wollte er bleiben – wegen des Krieges blieb er ganz.

An diesem Freitag kommt er gerade von einer Stadtführung. Er arbeitet als Tourguide, führt Touristen auch durch die beeindruckenden Schluchten des Landes, ist Datenjournalist und Fotograf. »Ich wusste in Moskau gar nicht, dass Samson auch jüdische Wurzeln hat«, sagt Nathaniel. »Meine Großeltern haben mir geraten, das nicht jedem zu erzählen«, erinnert sich Samson.

Der Davidstern-Anhänger ist so groß, dass man ihn unter keiner Bluse verstecken könnte.

Sie waschen sich die Hände, so wie die anderen Gäste, die nach und nach eintreffen, und versammeln sich um den Tisch. Dann zündet Samson die Kerzen und spricht den Segen. Maria bringt duftende Challot aus der Küche. Am Tisch wird Russisch und Englisch gesprochen. Ein Ehepaar aus Moskau ist gekommen, eine Polin, die in Prag lebt und dienstlich in Jerewan ist, eine Amerikanerin, zu deren Vorfahren ungarische Juden sowie christliche Armenier gehören und die jetzt in Jerewan lebt, zwei Frauen aus Russland.

Die jüdisch-ungarisch-armenische Amerikanerin heißt Shoshana und trägt eine Davidstern-Kette um den Hals. Der Anhänger ist so groß, dass man ihn unter keiner Bluse und keinem Halstuch verstecken könnte. Das müsse sie auch nicht in Jerewan, sagt Shoshana. Anders als in Europa oder den USA. Hier in Armenien trage sie ihn immer. Ein einziges Mal habe ein Mann im Bus lange auf den Stern und auf sie geschaut. Sie habe sich innerlich darauf vorbereitet, dass er sie attackieren werde. »Dann bot er mir seinen Sitzplatz an.«

Es gebe hier keinen Antisemitismus, sagen sie

Diejenigen am Tisch, die auch in Jerewan leben, nicken. Es gebe hier keinen Antisemitismus, sagen sie. Und ja, sie wüssten, wie unwahrscheinlich das in diesen Zeiten klinge. Man werde höchstens darauf angesprochen, dass Israel das Nachbarland Aserbaidschan unterstütze, die Autokratie, die Armenien seit Jahren bedrängt, in einem Konflikt, der immer wieder zum Krieg wird. Es gab nur einen Vorfall, sagen Nathaniel und Samson.

Irgendwann im Jahr 2023 seien plötzlich Hamas-Poster in Jerewan aufgetaucht, am selben Tag habe jemand versucht, ein Feuer an der Synagoge zu legen, die etwas außerhalb liegt. Später habe es geheißen, ein Täter sei mutmaßlich für beides verantwortlich gewesen. Jemand, der nur wenige Stunden in der Stadt war. »Er kam aus Russland«, sagt Nathaniel. »Wir haben die Synagoge neu angestrichen, das war’s«, sagt Samson.

Maria serviert Hühnchen mit Backkartoffeln und Salat. Nathaniel hält eine spontane, ernste Rede über Israel. »Das ist mehr als ein Land, das ist die Antwort auf Pogrome und Verfolgung«, sagt er. Nathaniel ist 44, seine Vorfahren stammten aus der Ukraine, hätten dort religiös gelebt. Er selbst ist in Moskau aufgewachsen, seine Eltern nennt er »absolut sowjetische Menschen«. Seine Oma habe ihr Judentum an ihn weitergegeben.

Eine neue, offene Community

Als er 2022 in Jerewan angekommen sei, habe er nur Samson gekannt. Aber er habe schnell festgestellt, dass es hier viele Menschen gibt, die einen Bezug zum Judentum haben. Auch trafen immer mehr alte Bekannte aus Russland ein. Es gab eine kleine, offizielle Gemeinde in Jerewan, der habe er sich nicht anschließen wollen, es passte nicht. Er wollte eine neue, offene Community schaffen.

Samson war sofort dabei. Sein Vater stamme aus Georgiens Hauptstadt Tiflis, sei aber Armenier, sagt er. Seine Mutter entstamme einer jüdischen Familie aus Aserbaidschan, für die Hochzeit mit seinem Vater habe sie sich christlich taufen lassen. In Jerewan fand der 28-Jährige auch zu seinen jüdischen Wurzeln zurück.

Nathaniel gründete eine Chatgruppe, in der schnell 100 Leute zusammenkamen. Sie organisierten Feste, trafen sich zu den jüdischen Feiertagen. »Zu unserem ersten Pessachfest kamen 500 Leute«, sagt er. Das Café Mama Jan gab es schon. Die Betreiberin, stellte sich heraus, stammt von der Krim und hat 25 Jahre in Israel gelebt. Es wurde ihr Treffpunkt. Sie veranstalten Filmabende, Ausstellungen, Sprachkurse für Armenisch und Hebräisch.

In Jerewan fand der 28-jährige Samson zu seinen jüdischen Wurzeln zurück.

Um mehr über die Geschichte der Juden in Armenien zu erfahren, luden sie einen Professor aus Tel Aviv zu einem Online-Vortrag ein. Von Lasha Shakulashvili erfuhren sie, dass es bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine sefardische und eine aschkenasische Gemeinde im Land gegeben habe, deren Mitglieder zum größten Teil aus der Ukraine stammten. Anfang des 20. Jahrhunderts seien etwa 400 sefardische Familien zum armenischen Christentum übergetreten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden dann etwa 40.000 Juden aus anderen Teilen der Sowjetunion nach Armenien evakuiert.

Auch nach dem Ende der Sowjetunion wuchs die Gemeinde noch einmal. Juden aus Russland zogen nach Armenien, weil sie dort weniger Antisemitismus ausgesetzt waren. Dann brach 1994 der erste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan aus, und das Leben in Armenien, einem Land mit drei Millionen Einwohnern, die Sommer heiß und die Winter eisig, wurde zur Herausforderung. Die Versorgung war katastrophal, Strom gab es oft nur stundenweise. Viele Juden wanderten nach Israel aus. Die Gemeinschaft in Armenien schrumpfte. Aber: Bis vor zehn Jahren gab es immer noch eine jüdische Schule in Jerewan.

Das Schabbat-Dinner endet mit einer Biskuitrolle

Das Schabbat-Dinner endet mit einer Biskuitrolle, die Maria gebacken hat. Die Gäste am Tisch reden in ihren vielen Sprachen durcheinander. Nathaniel erzählt, dass ihre Chatgruppe inzwischen 600 Mitglieder habe – aus Russland, der Ukraine, aus Belarus, den USA und Kanada, dem Iran, und seit dem 7. Oktober 2023 seien auch russischsprachige Israelis hinzugekommen.

Als Aserbaidschan vor zwei Jahren die Armenier aus der Region Berg-Karabach vertrieb, in der diese seit Jahrhunderten leben, die aber völkerrechtlich zum Nachbarland gehörte, und der Flüchtlingsstrom schließlich auch Jerewan erreichte, haben Nathaniel, Samson und ihre Gemeinschaft schnell Hilfe organisiert. Jedes Jahr am 24. April gedenken sie mit dem ganzen Land des Völkermordes, den die Türken in den Jahren 1915 und 1916 an den Armeniern verübt haben.

Es gehe ihnen aber nicht nur darum, eine neue Gemeinde für Juden in Armenien zu schaffen, sagt Nathaniel, »es geht um die Freundschaft von zwei Völkern«.

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