Schweiz

Nur relativ in Sicherheit

Stacheldraht vom Grenzzaun bei Basel Foto: Historisches Museum Basel, Natascha Jansen

Ältere jüdische Besucher sind vermutlich überrascht: Mitten in der Ausstellung Grenzfälle – Basel 1933–1945 sieht man ein großes Porträt des früheren Koscher-Metzgers Hermann Hess bei der Arbeit. Die Metzgerei Hess nahe der Großen Synagoge war viele Jahre lang eine Art Fixpunkt des jüdischen Lebens in der Stadt.

Es sei den Ausstellungsmachern ausdrücklich auch darum gegangen, bei diesem Thema die Befindlichkeit der jüdischen Gemeinde in jener kritischen Zeit zu dokumentieren, heißt es. Deshalb wandten sie sich an jüdische Zeitzeugen, um Gegenstände und Dokumente zu bekommen.

brief So findet sich in der Ausstellung beispielsweise neben dem Hess-Porträt auch ein Brief jüdischer Flüchtlinge an den Verwalter des »Sommer-Casinos«. Dort waren in jenen Jahren die jüdischen Flüchtlinge untergebracht, meist unter rigiden, manchmal unwürdigen Bedingungen.

Aus Anlass des Chanukkafestes 1939 bedankten sie sich beim Verwalter dafür, »dass die Schweizerische Eidgenossenschaft in Ausübung der alten traditionellen Gastfreundschaft und menschlichen Güte, politischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren, auch uns die Möglichkeit geschenkt hat, bis zu unserer Weiterwanderung vor Not und Elend geschützt zu sein«.

Die Dankbarkeit der geretteten Menschen mag echt gewesen sein. Doch angesichts des heutigen Wissens um die nicht über alle Zweifel erhabene Flüchtlingspolitik der Schweiz wirkt das Dokument beklemmend.

Nazis Dies gilt auch für viele andere Ausstellungsstücke, die noch bis Ende Mai im Basler Historischen Museum zu sehen sind. So beschreibt die Ausstellung, wie gut und effizient die deutschen Nazis in der Grenzstadt vernetzt waren und zusammen mit ihren Schweizer Gesinnungsgenossen die »Machtergreifung«, spätestens nach dem »Endsieg«, minutiös planten.

Ein Vorgeschmack waren Hakenkreuz- und andere Schmierereien an einem jüdischen Lehrhaus, die 1934 jedoch zu einem Prozess und mehreren Verurteilungen führten. Immerhin fand die Basler jüdische Gemeinde bei ihrem Kampf gegen Ausgrenzung und Rassismus in den Behörden oft einen wichtigen Verbündeten.

Immer wieder wurden Veranstaltungen der Schweizer Nazis in Basel von mutigen Sportlern des Jüdischen Turnvereins (JTV) gestört. Dabei spielten auch die guten Kontakte der jüdischen Gemeinde zur Basler Polizei eine Rolle. Denn die wusste in der Regel im Vorfeld von solchen Veranstaltungen und informierte die jüdische Gemeinde oft darüber.

machthaber Auf der anderen Seite zeigt Grenzfälle auch längst Bekanntes: zum Beispiel, dass Teile der Basler Wirtschaft sich gut mit den Machthabern in Berlin zu arrangieren wussten. So versicherte die Basler Pharmafirma Sandoz den deutschen Behörden bereits 1934 schriftlich, man sei nun »judenfrei«. Auch andere Basler Pharmafirmen entließen, teilweise nach anfänglichem Widerstand, nach und nach in ihren Tochterfirmen in Deutschland sämtliche jüdischen Mitarbeiter.

Und als die Nazis ab 1936 begannen, jüdische Versicherungsguthaben zu enteignen, zahlte beispielsweise die Gesellschaft »Basler Leben« den deutschen Finanzbehörden die Einlagen jüdischer Kunden widerstandslos aus. Häufig geschah dies, ohne dass von NS-Seite Policen oder andere Dokumente vorgelegt werden mussten.

widersprüche Auch diese ruhmlose Seite zeigt die Ausstellung, ebenso wie die bereits erwähnten Widersprüche in der Flüchtlingspolitik. Letztere scheint die Besucher der Ausstellung noch immer zu bewegen. Denn am Ende von Grenzfälle hängen an einem Zettelbaum die Eindrücke vieler Gäste.

Auf einem Zettel heißt es dort: »Im Gedenken an unsere liebe Cousine Claudine, die als 10-Jährige nach Basel flüchtete, zwei Jahre später wieder ausgeschafft wurde. Sie lebt, 89-jährig, immer noch.«

Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Mai im Historischen Museum Basel, Barfüsserkirche, zu sehen.
www.hmb.ch

USA

Top-Cop im Dilemma

Jessica Tisch, New Yorks erste jüdische Polizeipräsidentin, bleibt auch unter dem antizionistischen Bürgermeister Zohran Mamdani im Amt – zumindest vorerst

von Katja Ridderbusch  18.01.2026

USA

Old Shul

Bundesrichter Alvin K. Hellerstein leitet das Verfahren gegen Venezuelas Ex-Präsidenten Nicolás Maduro. Er ist 92 Jahre alt und orthodoxer Jude

von Michael Thaidigsmann  18.01.2026

Italien

Licht der Erinnerung

Die Juden Lecces wurden 1541 aus dem Königreich Neapel vertrieben. Fast 500 Jahre später wird ihre Geschichte in dem kleinen »Museo Ebraico« zu neuem Leben erweckt – dank zweier engagierter Familien

von Lydia Bergida  17.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  16.01.2026

England

Maccabi-Fan-Bann: Ministerin entzieht Polizeichef das Vertrauen

Ein Bericht zum Agieren der West Midlands Police beim Ausschluss von Fans des israelischen Vereins Maccabi Tel Aviv vom Spiel gegen Aston Villa hat schwere Fehler zutage gefördert

 15.01.2026

Irak

Humor als Waffe

Elizabeth Tsurkov berichtet über ihre 903 Tage als Geisel einer pro-iranischen Terrormiliz und was ihr beim Überleben half

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  13.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Zwei Torarollen hat das Feuer vollständig zerstört. Der Verdächtige wurde vom FBI gefasst. Er bezeichnete das Gebäude während eines Verhörs als »Synagoge Satans«.

 12.01.2026 Aktualisiert