Filmprojekt

Noch einmal im Gefängnis

Die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (M.) mit Jugendlichen vor dem Bahnhof in Wroclaw Foto: Gabriele Lesser

»Wir hatten uns Zyankali besorgt. So wie die meisten Juden in Breslau«, erzählt die heute 90-jährige Anita Lasker-Wallfisch. »Und als die Gestapo uns 1942 verhaftete, gab ich meiner Schwester die Hälfte des Giftes. Dann zählten wir bis drei und schluckten das Zeug.« Eindringlich sieht sie den jungen Zuhörern aus Polen und Deutschland in die Augen – bis ein schlaksiger Abiturient es nicht mehr aushält: »Und dann?«

Nach 1945 wurde Breslau zu Wroclaw. »Pociag ekspresowy do Szczecina odjezdza z peronu …«, hallt eine der Durchsagen über den Bahnsteig. Die Musikerin, die die Nazi-Todeslager Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte, wartet bis zum Ende der Durchsage: »Statt tot umzufallen, marschierten wir weiter hinter der Gestapo her. Ein Freund hatte das Gift gegen Zucker ausgetauscht.«

Nach dem Holocaust traf sie den Freund in Lüneburg auf dem ersten großen Kriegsverbrecherprozess wieder. »Ich habe ihm für den Zucker gedankt«, sagt sie. »Denn natürlich wollten wir leben.« Die Jugendlichen aus Bremen und Wroclaw nicken. Einige von ihnen haben ihr Buch Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz gelesen. Da weder in Deutschland noch in Polen Wissen über die deutschen Juden in Niederschlesien vermittelt wird, haben alle einen intensiven Workshop im Berliner Museum des Holocaust-Mahnmals und in der Breslauer Synagoge zum Weißen Storch durchlaufen.

Klappe Karin Kaper, eine ausgewiesene Dokumentarfilmerin, klatscht laut in die Hände und ruft: »Bahnhof, Klappe 2«, und Dirk Szuszies, ebenfalls Filmregisseur, klappt das Stativ zusammen und informiert: »Wir machen noch ein paar Aufnahmen vor dem Bahnhof, dann fahren wir zum Gefängnis.« Für das Filmprojekt mit dem Arbeitstitel »Die letzten Juden aus Breslau« sind ein halbes Dutzend Zeitzeugen – ehemalige Breslauer Juden – aus Deutschland, den USA, Israel und Großbritannien nach Wroclaw gekommen. An Originalschauplätzen erzählen sie ihre Geschichte und antworten auf die Fragen der Jugendlichen. Die Filmpremiere ist für das Jahr 2016 geplant, wenn Wroclaw Kulturhauptstadt Europas sein wird.

»Wir haben Ende 2014 mit der Suche nach Sponsoren begonnen«, erzählt die Slawistin und Buchautorin Maria Luft. »Begonnen hat alles mit einer Idee von Barbara Pendzich, die vor Jahren ein Filmprojekt mit polnisch-jüdischen Breslauern durchführte und danach von einem ähnlichen Film mit deutsch-jüdischen Breslauern träumte.«

Doktorarbeit Die Idee nahm konkrete Form an, als Maria Luft neben den Filmemachern Kaper und Szuszies auch die Wissenschaftlerin Katharina Friedla von der Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem kennenlernte. Friedla hatte gerade ihre Doktorarbeit zum Thema »Juden in Breslau/Wroclaw 1933–1949« publiziert und erklärte sich bereit, die Leitung des Workshops für die Jugendlichen und die wissenschaftliche Beratung des Filmteams zu übernehmen. Barbara Pendzich von der Bente-Kahan-Stiftung, die den Stein ins Rollen gebracht hatte, organisierte dann den polnischen Part des Projekts in Wroclaw.

»Es hat sich nicht viel verändert seit 1943«, stellt Anita Lasker-Wallfisch fest, als die schweren Eisentüren des Gefängnisses hinter ihr krachend ins Schloss fallen. Sie zieht die Nase kraus: »Der Essensgeruch hängt heute wie damals in den Korridoren. Und auch die Schlüssel knirschen wie damals in den Schlössern. Ich hoffe, dass ich das letzte Mal in diesen Mauern bin.« Sie schaut hoch zum Turm des Gefängnisses: »Durch eine Spalte meines Zellenfensters konnte ich die Turmuhr sehen und habe jeden Tag 1000-mal draufgeschaut.«

Mädchenorchester Ein Strafverfahren wegen Dokumentenfälschung bewahrte sie vor dem Vernichtungslager Auschwitz. Doch am Ende rief eine Wärterin: »Anita Sarah Lasker mit allen Sachen!« Sie musste ihre Habseligkeiten zusammenpacken und wurde als Kriminelle nach Auschwitz gebracht. »Das hat mir die Selektion an der Rampe erspart«, sagt sie trocken, »denn ich kam ja nicht mit einem ›Judentransport‹ an.« Im Mädchenorchester von Auschwitz spielte sie dann als Cellistin jeden Tag um ihr Leben.

»Nach der Befreiung in Bergen-Belsen«, erzählt sie den Jugendlichen, »war die Rückkehr nach Breslau unmöglich geworden. Alle waren tot, die Heimat verloren.« So ging Lasker-Wallfisch 1945 nach London, wo sie auch heute noch lebt.

Rotterdam

Brandanschlag auf Synagoge: Vier Personen festgenommen

Die niederländische Polizei hat am Freitag vier Personen im Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf eine Synagoge festgenommen

 14.03.2026

Amsterdam

Explosion an jüdischer Schule

Nach einem nächtlichen Angriff auf eine jüdische Schule betonen Stadt und Regierung: Antisemitismus darf keinen Platz haben. Die Überwachung jüdischer Einrichtungen bleibt verstärkt

 14.03.2026

Rotterdam

Wieder Brandanschlag auf Synagoge - diesmal in Holland

Erneuter Terrorakt gegen die jüdische Gemeinschaft: Am Freitagmorgen wurde am Eingang des Gotteshauses der jüdischen Gemeinde Rotterdam ein Feuer gelegt

 13.03.2026

Michigan

Anschlag auf Synagoge: »Gezielter Gewaltakt gegen die jüdische Gemeinschaft«

Der Täter fährt mit einem Fahrzeug in die Synagoge »Temple Israel«. Dort wird er erschossen, bevor er Gemeindemitglieder ermorden kann

 13.03.2026

Trondheim

Vorfall vor Synagoge in Norwegen

Im norwegischen Trondheim drang ein bewaffneter Mann in die Synagoge ein. Die Polizei konnte ihn festnehmen

 13.03.2026 Aktualisiert

Michigan

Antisemitischer Anschlag: Amokläufer fährt mit Truck in Synagoge

Ein Amokläufer hat ein jüdisches Gemeindezentrum angegriffen, in dem sich auch ein Kindergarten befindet. Donald Trump spricht von einer »schrecklichen Sache«

 13.03.2026 Aktualisiert

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  12.03.2026

Belgien

Steckt der Iran hinter dem Terroranschlag von Lüttich?

Ein Bekennervideo, das die Explosion vor der Lütticher Synagoge am frühen Montagmorgen zeigt, deutet auf einen islamistischen Hintergrund der Tat hin

 12.03.2026

Supercentenarians

Älteste Holocaust-Überlebende Mollie Horwitz wird 110 - oder gar 113

Mit 110 Jahren steigen Hochbetagte auf in die Gruppe der »Supercentenarians«, von denen es nicht viele auf der Welt gibt. Gehört Mollie Horwitz jetzt dazu oder schon seit drei Jahren, wie Wissenschaftler vermuten?

von Christiane Laudage  11.03.2026