Singapur

Neuanfang vor Publikum

Liebe verloren, Comedy gefunden: Sasha Frank (39) ist Stand-up-Comedienne in Singapur. Foto: Sasha Frank

Singapur

Neuanfang vor Publikum

Wie das schüchterne jüdische Mädchen Sasha Frank auf der Bühne ein neues Zuhause fand

von Alicia Rust  14.03.2024 10:15 Uhr

»Für mich ist Singapur der beste Ort der Welt«, sagt Sasha Frank. Seit rund sechs Jahren lebt die gebürtige Britin im asiatischen Stadtstaat, der rund 5,5 Millionen Einwohner zählt, 1,2 davon Arbeitsmigranten wie Frank selbst. Ein Multikulti-Land, in der Gesamtfläche kaum größer als Hamburg. Singapur gilt als eine der sichersten und saubersten Metropolen der Welt. Aber es ist auch ein Staat, in dem es noch eine Prügel- und Todesstrafe gibt.

»Singapur ist auch der einzige Ort auf der Welt, an dem ich nicht zögere, anderen zu sagen, dass ich Jüdin bin. Hier sind alle interessiert und akzeptieren die verschiedenen Religionen«, sagt die alleinerziehende Mutter einer Tochter. Egal, ob Jude, Hindu, Muslim, Buddhist oder Christ, man lebt in einem kulturellen Mosaik friedlich nebeneinander.

1,50 Meter große Powerfrau

Und Sasha Frank ist ein besonders schillernder Stein. Tagsüber arbeitet die 39-Jährige als Risikoanalystin bei einer großen Bank, und an sechs Abenden pro Woche steht sie als Stand-up-Comedienne auf der Bühne. Zum Beispiel im The Lemon Stand Comedy Club oder in der East Coast Comedy, wo sie einst ihre ersten Erfahrungen sammeln durfte. »Das ist jedes Mal wie eine Heimkehr«, sagt die nur 1,50 Meter große Powerfrau. Manchmal ist sie auch Gastgeberin und moderiert. Daneben hat sie Gastauftritte wie im Siao Char Bors, einem Klub, der vor allem für seine LGTBTQ+-Nächte mit Drag-Comedy-Shows berühmt ist. »Die Szene ist bunt und international«, sagt Frank.

Keine Witze mehr über das Jüdischsein seit dem 7. Oktober.

Das Triple-Leben als Bänkerin, Stand-up-Comedienne und Working-Mom verlangt strenge Organisation, die Frank sehr gut beherrscht. Ihre Woche ist exakt durchgetaktet, und auch ihr Zuhause ist auffallend ordentlich. Kein Stäubchen, keine herumfliegenden Kinderklamotten in ihrem loftartigen Haus, dessen Großzügigkeit kaum jemand hinter der unscheinbaren Holztür im ehemaligen Rotlichtviertel der Stadt vermuten würde. »Ich habe eine Haushälterin«, gibt Frank zu. Ohne die Hilfe würde sie das alles kaum schaffen. Denn nebenbei arbeite sie auch ständig daran, ihre Fähigkeiten auszubauen. »Dazu besuche ich auch andere Shows und Festivals.« Für die internationalen Touren spart sie sich den Jahresurlaub auf.

In ihrem Comedy-Act spielt sie mit sämtlichen Klischees des Single-Daseins. Mal gibt sie sich glamourös, mal frech, dabei immer urkomisch. Anhänger von Dating-Apps bekommen ihr Fett weg, und sämtliche Irrungen und Wirrungen paarungswilliger Großstädter werden so lange persifliert, bis das Publikum johlt. Frank plaudert ungezwungen über die Herausforderungen einer alleinerziehenden, datenden Mutter, über die Unterschiede von Balzritualen und grundverschiedene Auffassungen von Zweisamkeit zwischen Männern und Frauen. Punktlandungen sind immer wieder ihre Pointen gegen besonders platte Anmachversuche. Das kommt auch international sehr gut an.

Im April geht es ins australische Melbourne zum International Comedy Festival. »Letztes Jahr war ich in den USA unterwegs, in England, Australien und in Bangkok«, erzählt Frank. Nur eines habe sich inzwischen verändert: »Früher habe ich manchmal auch über meine jüdische Herkunft Witze gemacht, das lasse ich jetzt.« Nach dem 7. Oktober sei sie vorsichtiger geworden. Nicht nur der äußere, auch der innere Weg war lang und steinig. »In meiner Jugend war ich ganz anders«, sagt Frank. »Ich habe immer nur funktioniert und war total sensibel.« Es habe gedauert, bis alle Wunden verheilt waren, »bis ich wurde, wer ich heute bin«. 2016 kam sie mit Mann und ihrer kleinen Tochter aus Großbritannien nach Singapur, »2019 war ich geschieden«, erzählt sie. Seitdem erzieht sie ihre inzwischen zehnjährige Tochter überwiegend allein.

Es sei ihr wichtig, dass ihre Tochter im jüdischen Glauben groß wird, so Frank. »Wir feiern immer den Sederabend, Rosch Haschana und Chanukka zu Hause.« Dann kämen jüdische wie nichtjüdische Freunde zu Besuch. Ihre Tochter sei stolz darauf, Jüdin zu sein, und lerne gerade Hebräisch. »Ihre Duolingo-Strähne ist ungebrochen. Und dadurch merke ich selbst, wie viel Hebräisch ich noch parat habe«, sagt die stolze Mutter.

Erste Anlaufstelle jüdische Community

Nach ihrer Ankunft in Singapur sei die jüdische Community, insbesondere die Reformgemeinde, eine ihrer ersten Anlaufstellen gewesen. Rund 2000 Juden leben gegenwärtig in Singapur. Einige von ihnen seit mehreren Generationen, andere nur vorübergehend. »Ich war total erstaunt, wie vielfältig und offen die Community ist«, sagt Frank. »Beim ersten Seder gingen alle um den Tisch herum, und jeder sagte in seiner eigenen Sprache: ›Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?‹« Eine der unglaublichsten Erfahrungen, die sie je gemacht habe.

Die Trennung von ihrem Mann sei total überraschend für sie gekommen und habe sie in eine tiefe Krise gestürzt. »Er ließ mich spüren, dass ich ohne ihn nichts wäre, dass ich ohne ihn nicht klarkommen würde«, erinnert sie sich. Inzwischen könne sie darüber lachen. »Ich war am Boden«, sagt Frank. »Aber irgendwann dachte ich mir: Wenn der sich da mal nicht täuscht!« Als ihre Mutter aus Großbritannien kam, um der Tochter bei der Rückkehr zu helfen, habe sie sich eines Abends gefragt, was eigentlich andere Alleinerziehende machen. Es gibt doch so viele, die schaffen das doch auch, nur wie? Eine Frage, mit der sie sich an Facebook wandte. Die Flut der Antworten sei überwältigend gewesen. Und sie entschied, in Singapur zu bleiben.

Neben der Arbeit begann sie, Schauspielunterricht zu nehmen. »Und plötzlich wurde mir klar, dass ich eigentlich schon immer Comedy machen wollte. Ich habe dieses Trauma, ich habe Lebenserfahrung, und ich habe etwas zu sagen!« Das Thema »Single-Dasein« sei abendfüllend spannend. »Fast jeder hat so etwas schon einmal erlebt und kann sich da hineinfühlen, vor allem Frauen«, sagt die Performerin.

»Ich wollte nicht zurück in dieses kalte Europa.«

Sasha Frank

Comedy als Therapie? »In der schlimmsten Zeit besann ich mich auf die Träume meiner Kindheit. Mir wurde klar, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Ich mache genau, was ich immer wollte, mich vorher aber nie getraut habe. Und ich wollte nicht zurück in dieses kalte Europa.«

Für Frank ist Comedy ein Instrument, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Humor als Pflaster für die Seele. »Als kleines jüdisches Mädchen habe ich immer das Gefühl gehabt, anders zu sein. In Singapur habe ich meine Heimat gefunden.« Hier sei jeder irgendwie anders. Mit dieser Erkenntnis habe sie ihr Leben in vollen Zügen nachgeholt. Bis zu drei Dates habe sie manchmal an einem einzigen Tag gehabt. Anfangs getrieben von der Idee, einen neuen Mann finden zu müssen. Es kam anders. »Andere finden einen Mann, ich fand die Comedy.« Und Frank ist sehr glücklich damit.

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