Porträt

»Natürlich bin ich Polin«

Ging 1968 über Ostberlin nach Schweden ins Exil und lebt heute in Berlin: Katarzyna Weintraub Foto: ullstein bild - Martin Lengemann/WELT

Der Aschenbecher steht bereits auf dem runden Holztisch im Wohnzimmer. Katarzyna Weintraub schiebt ihren Stuhl beiseite und holt zwei Gläser Wasser aus der Küche. Sie bietet Kaffee an, Tee. Die Türen zum Balkon ihrer kleinen Wohnung in Berlin‐Neukölln stehen weit offen. Alles ist ausgeleuchtet wie auf einer Theaterbühne: der Computer vor dem Fenstersims, neben dem haufenweise Zeitungen, Magazine und Notizbücher liegen, der Schrein mit den Familienfotos, eingequetscht zwischen Bücherwänden, polnische, deutsche, englische, hebräische und jiddische Titel auf den Einbänden.

»Wer will denn schon meine Geschichte hören?«, fragt Weintraub und winkt einmal kurz mit ihrer Hand nach unten. »Vergiss es« oder »Niemand« soll das heißen. Es ist eine dieser Gesten, die nur Polen verstehen, Deutsche aber nicht. Eine andere: Wenn Weintraub von Empfängen oder schönen, langen Abenden mit alten Freunden erzählt und sich mit der Handkante gegen den Hals tippt, dann bedeutet das wiederum »betrunken«. Im Polnischen muss nicht immer alles ausgesprochen werden. »Meine Geschichte ist nichts Besonderes«, sagt sie, bevor sie schließlich doch ausholt.

herkunft Weintraub gehört zu den polnischen Juden oder Polen jüdischer Herkunft, die infolge der sogenannten März‐Unruhen von 1968 aus ihrem Land gedrängt wurden. Etliche Tausend Menschen verloren ihre Anstellungen, ihre Positionen in der Partei, der Armee oder an Universitäten. Einige versteckten fortan ihr Jüdischsein, für andere begann das Abschiednehmen am Danziger Bahnhof in Warschau, der zu einem Symbol des Exodus nach Israel oder Schweden werden sollte – so auch für Katarzyna Weintraub.

Die antisemitische Kampagne der Polnischen Kommunistischen Partei PZPR des Frühjahrs 1968 hatte jedoch eine Art Präludium, das mindestens neun Monate vorher gespielt wurde.

Weintraub steckt sich in ihrer Wohnung die dritte Zigarette an. Ohnehin raucht sie fast immer, manchmal mit so einer schwarzen Zigarettenspitze, wie man sie aus Filmen über die wilden Zwanziger Jahre kennt. Weintraub ist klein, zierlich, eine schöne Frau mit einer rauen Stimme, die leiser wird, wenn sie lacht.

Im März 1968 wurden Juden »die zionistische fünfte Kolonne« genannt.

Damals im Warschauer Stadtteil Mokotow sei zwei Stationen nach ihr auf dem Weg zur Universität, wo Weintraub Philosophie studierte, immer ihr Freund Henryk Szlajfer in den Bus gestiegen. Auch am 6. Juni 1967, einen Tag nach Ausbruch des Sechstagekriegs zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Weintraub ist gerade einmal 20 Jahre alt.

Szlajfer steht also vorne im Bus, sie sitzt hinten auf der letzten Bank. »Kaska!«, ruft er freudig. »Hast du schon gehört, wie unsere Jungs die Araber auf dem Sinai fertiggemacht haben?« Die Fahrgäste jubeln und klatschen. »Das war die Stimmung bei uns«, erzählt Weintraub. »In Polen herrschte Solidarität mit den Juden.« Viele Polen hatten Bekannte, Freunde oder Familie in Israel. Die erste Generation israelischer Politiker stammte aus Polen, sogar der erste Ministerpräsident David Ben Gurion. Diese Nähe freilich war kein Widerspruch zum Antisemitismus in der polnischen Gesellschaft.

parteiführung Die Sowjetunion genauso wie die Volksrepublik Polen verurteilten das Vorgehen Israels. Der Parteiführung in Warschau stießen die Solidaritätsbekundungen in der Bevölkerung auf, erst recht nicht sollte sich die Stimmung gegen Moskau drehen. Als Parteichef Wladyslaw Gomulka in einer seiner Reden auch noch offen gegen Juden hetzte und von einer »zionistischen fünften Kolonne« im Land sprach, hätte eigentlich jedem klar sein müssen, dass das der Anfang einer orchestrierten antisemitischen Kampagne ist.

Aber so einfach sei das nicht gewesen, sagt Weintraub. »Zwar hörten wir immer mal wieder davon, dass jemand seine Arbeit verloren hat, aber Sorgen machten wir uns nicht.« Weintraub und ihre Freunde engagieren sich weiter kritisch an der Uni, sie streiten weiter für einen demokratischeren Sozialismus. »Für Reformen, nicht für ein anderes System«, sagt sie. Und einige glauben, dass Polen nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs gegen Antisemitismus immunisiert sein muss.Jeder zweite der sechs Millionen von den Deutschen im Holocaust ermordeten Juden war Pole – der Großteil der polnischen Gemeinschaft.

Nach Ausbruch des Krieges kam ihre Mutter nach Ravensbrück, sie war die Einzige ihrer Familie, die überlebte. Der Vater war in Auschwitz. »Er war Kommunist, genau wie meine Mutter, und kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg. Er kam zurück nach Polen und wurde sofort von den Deutschen geschnappt«, sagt sie salopp und lacht ihr leises Lachen. Das einzige Mittel gegen die grausame Erinnerung. Katarzyna Weintraub wurde nach dem Krieg 1947 in Szczecin geboren.

BERUFSVERBOTE 1956 wurde der Vater in Polen als sogenannter Spanien‐Kämpfer rehabilitiert und Vizegeneral im Generalstab der Armee. Für Weintraub sollte das noch wichtig werden, denn 1968 durfte sie deswegen nicht ausreisen – aus Sorge vor Geheimnisverrat.

Im Januar 1968 wird angekündigt, dass das Stück Dziady, auf Deutsch »Totenfeier«, des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz am Nationaltheater in Warschau abgesetzt werden solle. Der Grund: Es sei antisowjetisch. Die elfte und letzte Vorführung findet am 30. Januar statt. Das Publikum besteht weitgehend aus Studenten, vor dem Theater sammeln sich noch mehr junge Leute, die gegen die Absetzung protestieren. Die Stimmung ist aufgeladen – und mit dabei Katarzyna Weintraub – für eine freie Kunst. Sie marschieren mit Transparenten zum Mickiewicz‐Denkmal, wo sie von der Miliz mit Schlagstöcken zusammengeknüppelt werden. Die Folge: 35 Festnahmen, etliche Verurteilungen.

Das Schlimmste war der Abschied am Danziger Bahnhof.

»Mir ist damals schon aufgefallen, dass die Milizionäre sich vor allem Studenten mit semitischem Aussehen rausgepickt haben. Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich mir«, erzählt Weintraub.

Sie bläst den Zigarettenrauch lange durch die Nase. Die Schachtel ist halb leer. Es fällt Weintraub nicht leicht, über all das zu sprechen. Es tut weh, dass ihre Heimat sie loswerden wollte. Auch wenn Israel ihr wichtig ist, leben wollte sie dort nie. »Natürlich bin ich Polin«, sagt sie trotzig.

universität Weintraubs Freund Henryk Szlajfer und Adam Michnik, der spätere Gründer der Zeitung Gazeta Wyborcza, werden der Universität verwiesen, weil sie mit einem französischen Journalisten gesprochen haben. In Warschau und anderen polnischen Städten kommt es zu Studentenunruhen. Fakultäten werden geschlossen, Berufsverbote ausgesprochen. Die Partei organisiert Arbeiterproteste und versucht so, Studenten und Arbeiter gegeneinander auszuspielen. Am 19. März bezeichnet Gomulka die Studenten als »antisozialistisch«, er spricht von »Volksfeinden« und vom »Kampf gegen den Zionismus« und betont die jüdische Herkunft vieler Protestierender.

Antreiber dieser Kampagne ist Innenminister Mieczyslaw Moczar. Er nutzt die antisemitische Stimmung für Machtkämpfe in der Partei. Kurz darauf werden auch Professoren entlassen, wie etwa der berühmte Soziologe Zygmunt Bauman. Als Weintraub zu der Zeit während eines Vorstellungsgesprächs nach ihrer jüdischen Herkunft gefragt wird, wird ihr klar, dass sie das Land verlassen wird. Jedoch liegt ihr Vater im Sterben. Erst 1970, nach dessen Tod und drei abgelehnten Anträgen, bekommen sie und ihr Mann die blauen Ausreisedokumente, ihre Staatsbürgerschaft verlieren sie.

Das Schlimmste sei für sie der Abschied von ihrer Mutter am Danziger Bahnhof gewesen, erzählt Weintraub. Gerade wenn es schwierig ist in der Heimat, gehe man nicht. Man bleibe und versuche etwas zu ändern, habe sie gesagt. »Ich habe mich immer schlecht gefühlt«, sagt Weintraub.

EXIL Bis zu 30.000 polnische Juden verlassen in Folge der März‐Ereignisse das Land. Über Ostberlin kommen Weintraub und ihr Mann nach Schweden, wo die erste Tochter geboren wird. Die Weintraubs ziehen nach London, Brüssel, München, Köln. Die zweite Tochter wird geboren. Er arbeitet als Informatiker und wechselt oft den Arbeitsplatz, sie kommt mit. Beide sind mittlerweile schwedische Staatsbürger. Nach der Wende 1989 werden sie wieder polnische Staatsbürger. Der damalige Botschafter in Köln sagt ihnen, sie hätten die Staatsbürgerschaft. eigentlich nie verloren. Das sei nicht rechtmäßig gewesen. Ein kleiner Trost für Weintraub. Sie zieht nach Berlin, wo sie als erste Deutschlandkorrespondentin des Magazins »Newsweek« arbeitet, schreibt Bücher.

Berlin ist sie bis heute treu geblieben – genau wie Polen, trotz all der Demütigungen und Verletzungen. Die Ereignisse vom März 1968 hallen bis heute nach.

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