USA

Nach DNA-Test: Holocaust-Waise trifft erstmals Verwandte

Ann Meddin Hellman mit Shalom Korai in North Charleston (South Carolina) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Schalom Korai kennt weder seinen echten Namen noch seinen Geburtstag. Er war im Zweiten Weltkrieg als Kleinkind von der Straße des in Flammen stehenden Warschauer Ghettos gerettet worden. Der Rest seiner Familie wurde von den Nationalsozialisten in Polen ermordet.

Korai wuchs in Israel auf und wusste nichts von seiner Vergangenheit. Er kannte keine Umarmung eines oder einer Blutsverwandten – bis Mittwoch. An diesem Tag stieg Korai im US-Staat South Carolina aus einem Flugzeug und schloss Ann Meddin Hellman in die Arme. Deren Großvater war der Bruder von Korais Großvater, damit sind beide Großcousin und -cousine.

Möglich wurde die Zusammenführung der beiden durch moderne DNA-Forschung und einen Gentest, den Korai von einem Psychologen bekommen hatte, der sich mit Holocaust-Waisen beschäftigt.

»Ich muss ihn beschützen«

Hellmans Vorfahren waren in die USA ausgewandert, während Korais Angehörige in Polen blieben, wo sie ein Familienunternehmen führten. Jahrzehnte später gehörten Korais Verwandte zu den sechs Millionen jüdischen Männern, Frauen und Kindern, die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg systematisch ermordet wurden.

»Ich habe das Gefühl, als hätte ich jemandem ein neues Leben gegeben. Er ist zu meinem Kind geworden. Ich muss ihn beschützen und mich um ihn kümmern«, sagt Hellman, obwohl sie einige Jahre jünger ist als ihr etwa 83-jähriger Großcousin.

Sie strahlt über das ganze Gesicht und nimmt Korai noch einmal in den Arm, während beide auf sein Gepäck warten. Sie hat in den kommenden Tagen in ihrem Haus in Charleston mehrere Feste mit Dutzenden weiteren Angehörigen geplant.

Ins Kloster gebracht

Auch Korai, der vor allem Hebräisch spricht, kann nicht aufhören zu lächeln, während Kamerateams die Zusammenführung filmen. Seit das Ergebnis des DNA-Tests vorliegt, hatten Hellman und er schon oft miteinander Kontakt. Zunächst schrieben sie sich Briefe, dann folgten Videotelefonate mehrmals in der Woche.

Als Hellman auf dem Flughafen auf Korai wartete, sagte sie nervös zu ihrem Bruder und ihrer Schwester: »Ich kann es nicht abwarten, ihn in die Arme zu nehmen.«

Von Korais Geschichte ist Folgendes bekannt: Er wurde im brennenden Warschauer Ghetto auf der Straße von einem Polizisten aufgegriffen und in ein Kloster gebracht. Dort wurde der Junge von Nonnen getauft und mit mehreren anderen Waisen aufgezogen.

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Drei Kinder und acht Enkelkinder

Die jüdische Widerstandskämpferin Lena Küchler-Silberman hörte von den Kindern. Sie rettete etwa 100 jüdische Jungen und Mädchen, die sie entweder selbst verlassen vorfand und in Obhut nahm oder die sie aus nichtjüdischen Waisenhäusern holte.

Korai wurde zunächst in ein jüdisches Internat in Polen gebracht, dann nach Frankreich und schließlich 1949 nach Israel. Dort arbeitete er 35 Jahre als Kraftfahrer, bekam drei Kinder und acht Enkelkinder. Und er verdrängte die Tatsache, dass er niemals erfahren würde, wann und unter welchem Namen er geboren wurde, wie sich seine Eltern kennenlernten und womit seine Großväter ihr Geld verdienten.

»Man kann nicht anfangen, nach etwas zu suchen, über das man nichts weiß«, sagte Korai auf Hebräisch der Website von MyHeritage, dem Unternehmen, mit dessen DNA-Test er schließlich seine Verwandten fand.

»Das Foto hat es verraten«

MyHeritage bot Korai und anderen Holocaust-Waisen den Test im Sommer vergangenen Jahres an. Wenige Monate später erhielt Hellman die Nachricht über eine Übereinstimmung ihrer DNA-Probe, die sie im Zuge von Ahnenforschungen abgegeben hatte: Es war ein unbekannter Cousin zweiten Grades.

Der Name und weitere Informationen klangen nicht vertraut. Hellman bat eine andere Cousine darum, ebenfalls eine DNA-Probe abzugeben. Auch diese ergab eine Übereinstimmung. Hellman wandte sich an MyHeritage und bat um ein Foto und mehr Informationen. Beim Anblick von Korais Bild habe ihr der Atem gestockt, erinnert sie sich: Er sah genauso aus wie ihr Bruder. »Das Foto hat es verraten«, sagt Hellman.

Die Verbindung nahm sofort Gestalt an. Hellman wusste, dass ein Zweig ihrer Familie vonseiten ihres Großonkels im Holocaust ermordet wurde. Nun wurde ihr klar, dass es einen Überlebenden gab. Hellman kennt den Namen von Korais Tante. »Aber es ist mir nicht gelungen, die Namen seiner Eltern herauszufinden«, sagt sie. »Das ärgert mich am meisten.«

»Brandneue Familie«

Über ihren Großcousin hat Hellman inzwischen viel erfahren. Er ist ein schüchterner und stiller Mensch. Korais Reisebegleiter und Übersetzer Arie Bauer sagt, langsam werde diesem die Neuigkeit bewusst: »Er gewöhnt sich Schritt für Schritt an eine brandneue Familie, von der er nichts wusste.«

Am Flughafen in South Carolina wurde Korai nicht nur von Hellman empfangen, sondern von mehr als einem Dutzend weiteren Verwandten: Hellmans Bruder und Schwester, ihrem Ehemann und ihren Söhnen, einer Nichte, einer Schwägerin und weiteren Cousins und Cousinen. In Hellmans Haus versammelten sich Dutzende weitere Angehörige.

Korai lächelt, während alle ihn umarmen. In ruhigeren Momenten lässt er den Blick über die Familienschar schweifen. Für ihn sei das eine völlig neue Situation, sagt Hellman: »Wir können jemandem eine Familie geben, der niemals dachte, dass eine solche existiert.«

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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