Brüssel

Multikulti trifft Werte

Rabbiner und Parlamentarier sprechen über die Zukunft des Judentums in Europa

von Andreas Dietl  21.06.2011 16:57 Uhr

Treffpunkt: EU-Parlament in Brüssel Foto: Archiv

Rabbiner und Parlamentarier sprechen über die Zukunft des Judentums in Europa

von Andreas Dietl  21.06.2011 16:57 Uhr

In seiner israelischen Heimat gilt Rabbiner Yona Metzger vielen als ein Mann der Verständigung. Der mit 57 Jahren ungewöhnlich junge und zudem schon seit zehn Jahren amtierende aschkenasische Oberrabbiner Israels steht selbst zwar den nationalreligiösen Haredim nahe, hat aber stets den gemeinsamen Nenner mit nichtjüdischen religiösen Gemeinschaften gesucht, darunter immer wieder auch mit Muslimen.

Man durfte also gespannt sein auf Metzgers Ausführungen, als das Rabbinical Centre of Europe (RCE) am Montag nach Brüssel einlud. Der Oberrabbiner sollte Antwort geben auf die Frage, welche Aussichten der Multikulturalismus im Europa des 21. Jahrhunderts hat.

Neue alte Probleme Das ist natürlich, kaum verbrämt, die ganz große Frage nach der Zukunft des Judentums in Europa. Anlässe, diese Frage zu stellen, gibt es dem Anschein nach zuhauf: Vom wachsenden Antisemitismus vor allem islamischer Jugendlicher bis zu Forderungen rechtspopulistischer Parteien nach einem Verbot des Schächtens sehen sich Juden in Europa neuen alten Problemen gegenüber.

Das Rabbinical Centre, das es sich seit zehn Jahren zur Aufgabe gesetzt hat, europäischen Rabbinern in halachischen Fragen zur Seite zu stehen, ist mit diesen Herausforderungen ständig konfrontiert. Unter den annähernd einhundert Rabbinern, die sich in einem der Sitzungssäle des Europäischen Parlaments versammelt hatten, herrschte also Spannung: Würde der angesehene Kollege aus Israel dem CDU-Europaabgeordneten Elmar Brok zustimmen? Dieser hatte eingangs ein begeistertes Bekenntnis zur Multikulturalität abgelegt und betont, dass sie fast zwangsläufig mit einem Prozess der europäischen Integration einhergehe.

Ganz so einfach machte es Rabbi Metzger seinen Zuhörern nicht. Er antwortete auf gut rabbinische Weise – und auf Hebräisch – mit einem Gleichnis: dem vom Maler, der von zu Hause auszog, um die Menschen zu befragen, was sich wirklich zu malen lohne. Nach einem guten Jahr hatte man ihm Frieden, Glaube und Liebe vorgeschlagen, die er alle für nicht malbar befand. Erst als er wieder bei seiner geliebten Frau und seinen Kindern war, verstand er, dass er gleich zu Hause hätte bleiben können, um dort zu malen, was am wertvollsten ist.

anderssein Der Appell an die traditionellen religiösen und Familienwerte, die direkte Verbindung zum harmonischen Funktionieren der Gesellschaft, fand bei den versammelten Geistlichen, wenig überraschend, viel Beifall. Und auch als Rabbiner Metzger ausführte, die Menschen glichen sich eben nicht wie eine Euro-Münze der anderen, und daraus ein Recht auf Anderssein ableitete, konnte er sich der Zustimmung seiner Kollegen sicher sein.

Vereinzeltes Stirnrunzeln gab es später, als einige Europaabgeordnete darlegten, welche Antworten sie auf die Kernfrage des Treffens bereithielten. Da erteilte etwa der Italiener Mario Mauro von der Berlusconi-Partei PDL dem Konzept der Multikulturalität, das vorher durchweg als Notwendigkeit bezeichnet worden war, eine klare Absage: Multikulturalität sei ein Kind der Beliebigkeit. Er, Mauro, sei dagegen für klare Werte.

Früher, bekannte er, sei er überzeugt gewesen, dass die ganze Welt katholisch werden müsse wie er selbst. Heute sei er schon zufrieden, wenn ein Katholik ein guter Katholik, ein Muslim ein guter Muslim und ein Jude ein guter Jude sei. Beifall bei etwa der Hälfte der Versammelten, betretenes Schweigen beim Rest. Ähnlich war die Stimmung im Saal bei den Ausführungen József Szájers von der ungarischen Fidesz oder des polnischen Rechtskatholiken Michal Kaminski.

Bedrohung Am Schluss blieb es dem Pariser Rabbiner Yirmiyah Menachem Cohen vorbehalten, die Diskussion in den aktuellen Kontext zu stellen. Er legte dar, welche Bedrohung von Plänen in den Niederlanden ausgehe, das Schächten, angeblich aus Tierschutzgründen, zu verbieten.

Rabbi Cohen erklärte, dass das Hauptaugenmerk beim Schächten auf der Minimierung des Leidens beim Tier liege, und erinnerte daran, dass es ein Schächtverbot mit ganz ähnlicher Begründung schon unter den Nazis gegeben habe. Zwar werde das Verbot nach der jüngsten Abstimmung der niederländischen Sozialdemokraten wohl zunächst nicht kommen, aber »diese Schlacht ist noch nicht gewonnen«, warnte Rabbi Cohen.

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