Brooklyn

Modernes Schtetl

Wie ein Versuchslabor sieht das Café Manhattanville ganz und gar nicht aus. Vegane Sandwiches, Fünf‐Dollar‐Cappuccino, gerne auch mit Soja‐ oder Mandelmilchschaum statt mit Kuhmilch – das kleine Café am Eck in New York könnte auch in Berlin‐Friedrichshain oder Köln‐Sülz mit den dort beliebten Treffpunkten für Hipster konkurrieren, inklusive leuchtender Laptops auf fast jedem Holztisch. Trotzdem nennt Manoah Finston das Café Manhattanville ein Stück seines »Labors«.

Mit »Labor« meint der 33‐Jährige das Viertel rund um das Manhattanville, in dem er wohnt, Crown Heights, eine Nachbarschaft im New Yorker Stadtteil Brooklyn. »Nur hier kann ich wie in einem Labor ausprobieren, ob und wie ich am besten in zwei Welten gleichzeitig leben kann: in der säkularen Welt von New York mit all ihrem Fortschritt, hippen Cafés, Geschäften, Investmentbanken und Clubs, ihrer pulsierenden Verrücktheit, und in meiner sehr spirituellen, sehr jüdischen Welt des konservativen amerikanischen Judentums.«

Koexistenz Eben genau anders als viele ultraorthodoxe Juden, die hier in New York leben und die man von Fotos kennt, will er mit der modernen Welt da draußen möglichst gut koexistieren, aber eben auch die Regeln jüdischen Lebens beachten, sagt Finston, der in seinen Jeans, Carohemd und Turnschuhen perfekt in die Hipster‐Atmosphäre des Manhattanville passt.

»Für so einen Versuch gibt es im Moment in den USA keinen besseren Ort als hier in Brooklyn«, meint er. »Wir kreieren hier gerade mit unseren dutzenden unterschiedlichen Minjanim eine echte Bewegung, quasi ein neues, ein modernes Schtetl.«

Dieses neue Schtetl, das Minoah Finston mit seinen Freunden hier aufbauen will, hat mit traditionellen New Yorker Synagogen wenig gemeinsam. »Wir als junge Juden wollen nicht mehr Teil einer großen Synagogengemeinde sein, für die man zum Beispiel in Manhattan auf der Upper West Side oft Tausende Dollar Beitrag zahlen muss und deshalb so oft hingeht wie man kann, damit es sich lohnt«, erklärt Finston.

Man will auch nicht, dass das »Schtetl« für Nichtjuden abschreckend wirkt oder sie sich hier nicht mehr wohlfühlen, weil plötzlich alles in hebräischen Buchstaben geschrieben ist oder alle schwarz tragen.

strömungen »Wir bauen hier etwas auf, das Leute aus den unterschiedlichsten Schichten und Strömungen zusammenbringt, deshalb ist es auch nicht eine Gemeinde, sondern es sind viele kleine unabhängige Gruppen, die sich oft im selben Raum nur zu unterschiedlichen Zeiten zum Gottesdienst treffen und das Judentum alle ein kleines bisschen anders leben. Jeder kann verschiedenen Minjanim gleichzeitig angehören.«

Die meisten Gruppen treffen sich in einem Raum, den »Repair the World«, eine jüdische Jugendorganisation, kostenlos zur Verfügung stellt. Er ist dem Café Manhattanville gar nicht so unähnlich: sanftes Licht, graue Fußböden, die Wände dunkel angestrichen, sodass sie als Tafeln genutzt werden können – eine Coworking‐Space‐Atmosphäre. Der Raum soll einladend für jeden sein. »Repair the World« als Organisation versucht, im Viertel mit Arbeit in Suppenküchen und Gemeinschaftsgärten Gutes zu tun.

In den Dutzenden neuen Betergruppen, die sich seit zwei Jahren rund um »Repair the World« gegründet haben, stellen die Mitglieder sehr individuell Gebete und Komponenten so zusammen, wie es für sie spirituell gehaltvoll ist.

Im Minjan Kavod, den Manoah Finston mitgegründet hat, ist die Rolle von Frauen zum Beispiel eher an die konservativen Gemeinden im amerikanischen Judentum angelehnt. »Wir warten mit dem Beginn, bis wir zehn Männer und zehn Frauen als Quorum zusammen haben. Das bedeutet, es kommt wirklich auf das Engagement jedes Einzelnen an. Unsere Gruppe ist so klein, da kann es sein, dass wir sehr lange warten oder gar keinen Gottesdienst haben können, wenn ein paar Leute verschlafen«, sagt Finston und lacht.

Brennpunkt Die Welt vor den Fenstern des Betraums von »Repair the World« allerdings ist Manoah Finston, seiner Frau und den anderen Minjan‐Gründern nicht unbedingt freundlich gesinnt. Und das liegt nicht in erster Linie am Antisemitismus.

Das »Repair the World«-Büro und das Café Manhattanville liegen in einem sozialen Brennpunkt. Manhattan und seine Wolkenkratzer sind von hier aus kaum noch zu erahnen. Bis zum Empire State Building fährt man mit der U‐Bahn mehr als eine Stunde, nur hier und dort lugt seine Spitze zwischen den Straßenzügen hervor. Touristen verirren sich nicht hierher.

Das hippe und teure Café Manhattanville wirkt in seiner Nachbarschaft völlig fehl am Platz. Ringsum stehen heruntergekommene Wohnsilos, teils mit verbarrikadierten Fenstern. Manche verwaiste Hauseingänge sind die dauerhaften Schlafplätze von Obdachlosen.

Laut Statistik können sich hier viele nicht einmal ihre Miete, geschweige denn im Manhattanville einen Fünf‐Dollar‐Cappuccino leisten. Die meisten Einwohner von Crown Heights sind Schwarze und Einwanderer aus der Karibik, christlich oder muslimisch geprägt. Dass junge, weiße Juden wie Manoah Finston jetzt plötzlich in Scharen hierher ziehen, obwohl sie dank ihres Einkommens hier nicht wohnen müssten, macht sie nicht gerade beliebt.

Finston zum Beispiel ist promovierter Romanist mit einem Job an der renommierten Columbia University in Manhattan. »Erst kommen die Kippas, dann die Coffeeshops und dann die Immobilienhaie, die uns hier rausdrängen, weil sie das Viertel sanieren und hohe Mieten kassieren wollen«, sagt Elaine, die in einem Kiosk in der Nähe des Manhattanville arbeitet und ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Der kleine Laden ist neben dem Café Manhattanville das einzige Geschäft weit und breit und verkauft nur Filterkaffee für einen Dollar statt Barrista‐Cappuccino für fünf.

Juden und Crown Heights – das ist eine lange, spannungsreiche Geschichte. Nur sieben Minuten zu Fuß von der Hipster‐Welt des Café Manhattanville ist der Bürgersteig an diesem Freitag über hunderte Meter komplett besetzt von schwarz gekleideten Männern, die der chassidischen Gemeinde Chabad Lubawitsch angehören. Dicht gedrängt warten sie vor dem Hauptquartier der Bewegung am Eastern Parkway auf einen bedeutenden Rabbi, der heute Abend hier spricht. Es herrscht Feierlaune, man tanzt und singt.

Für eine junge schwarze Frau mit Einkaufstüten und Kinderwagen haben die fröhlichen Männer keinen Blick und lassen sie nicht durch. Vollbeladen muss sie die Straßenseite wechseln. »Typisch!«, schimpft sie laut.

protest Chabad Lubawitsch dominiert seit Jahrzehnten das jüdische Leben in diesem Teil Brooklyns und hat sich dabei nicht immer Freunde gemacht. In den 90er‐Jahren gab es sogar einmal drei Tage lang gewaltsame Proteste gegen die Gemeinde, nachdem ein siebenjähriger schwarzer Junge von dem Auto eines Rabbis getötet wurde.

Aus diesem Grund ist es den Minjan‐Gründern auch so wichtig, erkennbar Teil der Community von Crown Heights zu sein und sich auch optisch von den Chabadniks zu unterscheiden.

Die meisten Mitstreiter von Manoah Finston sehen aus wie klassische Hipster, mit Bärten, Turnschuhen, Piercings, einige tragen bunte Kippot. Sie möchten aktiv als jüdische Stimme an den Diskussionen teilnehmen, die das Viertel bewegen, von sexuellen Übergriffen und #MeToo bis zu Märschen der Bewegung #BlackLives‐Matter gegen die Diskriminierung von Schwarzen.

Das breite Spektrum sorgt allerdings auch für Spannungen untereinander. Nicht alle Minjan‐Gründer und -Gründerinnen sind begeistert über zu viel liberale Auslegung von jüdischen Bräuchen. »Die Leute kommen zwar zu uns, weil sie mehr Auswahl haben möchten als in einer traditionellen Synagoge«, meint denn auch Manoah Finston. »Nach Brooklyn ziehen junge Juden, die experimentieren und explizit jüdische Werte ins tägliche Leben übertragen wollen. Aber das bedeutet für mich auch, dass wir sehr deutlich sagen müssen, wer wir und was unsere Werte und Bräuche sind, sodass es nicht zu beliebig wird.«

So bleiben Crown Heights, das Café Manhattanville und das Zentrum »Repair The World« wohl noch eine Weile ein Versuchslabor für modernes Judentum, genauso wie Manoah Finston es gerne möchte.

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