Flüchtlinge

Mit zweierlei Maß

In der spektakulären Luftbrückenaktion »Operation Fliegender Teppich« wurden 1949 rund 50.000 Juden aus dem Jemen nach Israel gebracht. Foto: JA

»Ich schreibe, um den Schmerz, die Trauer und die Verletzung zu zeigen, die der Verlust des Zuhauses bedeuten«, sagt Eli Amir, preisgekrönter israelischer Schriftsteller, der 1937 in Bagdad geboren wurde und 1950 nach Israel emigrierte. In seinen Büchern werden die Schicksale jüdischer Familien geschildert, die nach der Staatsgründung Israels 1948 aus ihren arabischen Heimatländern vertrieben wurden.

Was in der Komplexität der Geschichte des Nahen Ostens oft vergessen wird: Fast eine Million Juden aus arabischen Ländern wurden im Nahostkonflikt zu Flüchtlingen. Das sind fast eine Million Schicksale des Schmerzes, der Trauer und der Verletzung – wie das von Eli Amir.

Die Last der Integration trug der junge jüdische Staat ganz alleine.

Mit dem Gedenktag an die vertriebenen 850.000 jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern und dem Iran, der in Israel immer am 30. November begangen wird, erinnern wir uns an dieses von der Welt ignorierte Flüchtlingsdrama.

BABYLON Juden lebten schon seit Jahrtausenden in den arabischen Ländern, und viele der Gemeinden reichten in die vorislamische Zeit zurück. Diese jüdischen Gemeinschaften, die sich vom Irak im Osten bis nach Marokko im Westen erstreckten, waren fester Bestandteil der Gesellschaften. Es handelte sich um blühende, wohlhabende Gemeinden, die einen wesentlichen kulturellen und wirtschaftlichen Beitrag leisteten. Es gab Juden in allen Berufszweigen und Gesellschaftsbereichen. Die jüdische Gemeinde im Irak existierte zum Beispiel seit über 2500 Jahren. Sie war ein kulturelles Zentrum des Judentums und die Wiege des Babylonischen Talmuds.

Mit dem Aufstieg des arabischen Nationalismus und dem Konflikt um das britische Mandatsgebiet Palästina Mitte des 20. Jahrhunderts begannen die neuen arabischen Regime eine Kampagne gegen die jüdischen Bürger ihrer Länder, wobei deren Menschenrechte massiv verletzt wurden. Die einheimischen Juden wurden enteignet, ihr Vermögen wurde beschlagnahmt, ihre Bankkonten eingefroren und Eigentum im Wert von Millionen von Dollar verstaatlicht. Juden wurden in ihrer Arbeit im öffentlichen Dienst stark eingeschränkt, und viele verloren ihre Lebensgrundlagen. Es wurde ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen, jüdischer Besitz, jüdische Geschäfte und Synagogen wurden geplündert und niedergebrannt, Hunderte von Juden wurden ermordet und Tausende verhaftet, eingesperrt und gefoltert.

POGROME Die Berichte der Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran unterscheiden sich je nach Land und nach Familienschicksal im Detail, doch im Kern gleichen sie sich. Sie stehen in scharfem Kontrast zu den ungefähr 700.000 arabischen Flüchtlingen aus dem britischen Mandatsgebiet.

Das palästinensische Narrativ, welches die Geschichte umzuschreiben versucht, ignoriert Tatsachen.

Denn nach der Staatsgründung Israels 1948 wurden in nahezu allen jüdischen Gemeinden im Nahen Osten und Nordafrika Pogrome verübt. Nach 1948 wurden viel mehr Juden im Nahen Osten zu Flüchtlingen als arabische Bewohner des britischen Mandatsgebiets. In den ersten beiden Jahrzehnten nach der Gründung des Staates Israel wurden zwischen Marokko und dem Irak fast alle jüdischen Gemeinden zerstört. Von den mehr als 850.000 Juden, die dort vor 1948 lebten, waren im Jahre 2001 nur knapp 7800 übrig. Etwa 200.000 jüdische Flüchtlinge suchten Zuflucht im Westen, doch die Mehrheit kam nach Israel und wurde in die israelische Gesellschaft integriert. Die Last der Aufnahme und Integration dieser großen Zahl Neueinwanderer trug der sich noch im Aufbau befindliche Staat Israel ganz alleine, ohne die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.

In Israel hat das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge mit dem im Februar 2010 verabschiedeten »Gesetz zur Wahrung der Rechte auf Entschädigung der jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern und dem Iran« Anerkennung erfahren. Mit dem Gesetz wird der Staat Israel verpflichtet, sicherzustellen, dass bei allen Friedensverhandlungen im Nahen Osten das Thema der Entschädigung für die jüdischen Flüchtlinge auf die Agenda kommt.

URSACHE Das palästinensische Narrativ, welches die Geschichte umzuschreiben versucht, ignoriert eine einfache Tatsache: Die unmittelbare Ursache des arabischen Flüchtlingsproblems war die arabische Zurückweisung der Resolution 181 der UN-Vollversammlung im Jahr 1947 – wonach das britische Mandatsgebiet Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat aufgeteilt werden sollte. Die Staaten der Arabischen Liga, die 1948 zum Krieg und zur Zerstörung Israels aufriefen, sind für die Schaffung der Flüchtlingsprobleme auf beiden Seiten verantwortlich.

Die Vereinten Nationen tragen seither zu der ungleichen Bewertung und Behandlung der jüdischen und der arabischen Flüchtlingsproblematik bei. Trotz der Bemühungen Israels, dies zu ändern, wird die Frage der jüdischen Flüchtlinge noch immer an den Rand der internationalen Agenda gedrängt.

Zwischen den Jahren 1949 und 2009 gab es 163 Resolutionen in der Generalversammlung der Vereinten Nationen, die sich mit den palästinensischen Flüchtlingen beschäftigten. In derselben Zeit gab es keine einzige Resolution, die sich mit den jüdischen Flüchtlingen beschäftigte.

RESOLUTIONEN Auch der UN-Menschenrechtsrat hat seit 1968 insgesamt 132 Resolutionen zum Thema palästinensische Flüchtlinge verabschiedet. Es gab bis heute allerdings keine einzige Resolution zum Thema der jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern und dem Iran, auch wenn das UNHCR (das Flüchtlingshilfswerk der UN) bei zwei Gelegenheiten – im Februar 1957 und im Juli 1967 – verlauten ließ, dass die Juden, die aus arabischen Ländern geflohen waren, nach internationalem Recht als Flüchtlinge angesehen werden.

Es gibt 132 UN-Resolutionen zu palästinensischen Flüchtlingen – und keine zu den jüdischen.

Dem gegenüber steht das 1949 gegründete Hilfswerk UNRWA, das einzig für die palästinensischen Flüchtlinge zuständig ist und bis heute deren Flüchtlingsstatus über Generationen aufrechterhält.

Mindestens ein Flüchtlingsproblem wäre nie entstanden, wenn Israel von den arabischen Staaten kein Krieg aufgezwungen worden wäre. Bis heute wird jedoch ausschließlich Israel dafür verantwortlich gemacht. Zur Lösung des Problems wird Israel zudem mit einem angeblichen »Rückkehrrecht« in die alleinige Pflicht genommen.

Das Recht auf Gründung eines palästinensischen Staates neben einem jüdischen Staat hat Israel bereits mit der Annahme des UN-Teilungsplans 1947 anerkannt. Im längst überfälligen Umkehrschluss ist es an den Palästinensern, den arabischen Staaten und Iran, Israels Existenzrecht als jüdischer demokratischer Nationalstaat anzuerkennen.

Der Autor leitet die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft des Staates Israel in Berlin.

UNRWA

Mandat von Palästinenserhilfswerk verlängert

Die USA und Israel votierten dagegen

 14.12.2019

Vorwurf des Judenhass

Karneval in Aalst nicht mehr Kulturerbe

UN-Kulturorganisation verurteilt »alle Formen von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit«

 14.12.2019

USA

Angriff auf Koscher-Markt wird als Terrorfall behandelt

Die Täter stehen der in weiten Teilen antisemitischen Gruppe der »Schwarzen Hebräer« nahe

 13.12.2019

Großbritannien

Jüdische Gemeinschaft erleichtert über Corbyns Niederlage

Große Mehrheit der Briten straft umstrittenen Labour-Politiker ab – und schenkt Boris Johnson das Vertrauen

 13.12.2019

BDS

Trump unterzeichnet Dekret gegen Judenhass an Hochschulen

Unis, die Antisemitismus auf ihrem Campus nicht konsequent genug bekämpfen, müssen mit Einbußen rechnen

 12.12.2019

Antisemitismus

»Eine globale Bedrohung«

Liebe Geft über Judenhass, US-Präsident Donald Trump und die Wirkung von Schoa-Erziehung

von Ayala Goldmann  12.12.2019