Frankreich

»Man ist schließlich französisch«

Fragt man Juden in Paris nach ihrem Interesse an den Olympischen Spielen, die gerade Frankreichs Hauptstadt umkrempeln, schwanken die Antworten zwischen einem lapidaren »Aber wir sind doch schon in den großen Ferien!«, dem sorgenvollen »Wir haben gerade ganz andere Probleme« und einem stolzen »Natürlich, man ist schließlich französisch!«. Letzteres wäre die gewünschte gute Nachricht für den »Wir-Effekt«, den die Regisseure der spektakulären Eröffnung am Freitag erzeugen wollen.

Dem allerdings hat gerade Thomas Portes, Abgeordneter einer der linken Wahlgewinner-Parteien, der anti-israelischen und immer wieder auch antisemitischen La France Insoumise (LFI), den Garaus gemacht, indem er eine Woche vor der großen Gala an der Seine auf einer Kundgebung ins Mikrofon rief: »Die israelische Delegation ist in Paris nicht willkommen! Die israelischen Sportler sind bei den Olympischen Spielen in Paris nicht willkommen!« Man müsse die Zeit, die bis zur Eröffnung bleibe, nutzen, gegen sie zu mobilisieren.

Zur Erinnerung: In den ersten 48 Stunden nach der zweiten Runde der Parlamentswahlen, aus der die Nouveau Front Populaire (Neue Volksfront), zu der die LFI gehört, als Sieger hervorging, registrierte die Jewish Agency fast 2000 neue Anträge auf Alija, wie die »European Jewish Press« berichtete.

45.000 Polizisten und, wenn die nicht reichen, 100.000 Soldaten sollen für Sicherheit sorgen.

Der Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF) reagierte noch am selben Tag voller Empörung: Portes’ Worte würden Zielscheiben auf die Rücken der israelischen Athleten heften, die ohnehin schon »die meist bedrohten Athleten der Olympischen Spiele sind«, schrieb CRIF-Präsident Yonathan Arfi auf der Plattform X und erinnerte daran, dass bei den Olympischen Spielen 1972 in München elf Israelis von palästinensischen Terroristen ermordet wurden.

Frankreichs Außenminister Stéphane Séjourné ließ sich Zeit bis nach dem Wochenende, um am Montagvormittag »im Namen Frankreichs zu sagen, dass die israelische Delegation in Frankreich willkommen ist«. Portes’ Aussagen seien »unverantwortlich und gefährlich«, und er werde gleich mit seinem israelischen Amtskollegen telefonieren, so der Minister.
Tatsächlich sind die Sicherheitsvorkehrungen in der Stadt des Lichts und der Liebe exorbitant, um sie zum »sichersten Ort der Welt« zu machen, wie Tony Estanguet, Präsident des Organisationskomitees, Paris gegenüber der Nachrichtenagentur AP nannte.

Streng kontrollierte Sicherheits­zonen und Barrieren, 45.000 Polizisten und, wenn die nicht reichen, auch noch 100.000 Soldaten, QR-Codes für Anwohner, Backgroundchecks für Mitarbeiter und Ticketkäufer, KI gegen Cyberattacken, Kampfjets und Überwachungsdrohnen, eine Flugverbotszone mit einem Durchmesser von 150 Kilometern am Tag der Eröffnung und ein dichtes Netz von Polizeieinheiten, Nachrichtendiensten und Ermittlern sollen verhindern, dass sich so etwas wie der islamistische Angriff auf Paris im November 2015 wiederholt.

88 israelische Athleten

Nach den Erfahrungen beim Eurovision Song Contest in Schweden wird das israelische Team außerdem zusätzlich vom Schin Bet bewacht. Israels Regierung habe das Sicherheitsbudget für die Olympiamannschaft verdoppelt, berichtete die »LA Times«. Jede einzelne Person, die Israel repräsentiere, werde geschützt, weiß der »Jewish Insider«.

88 israelische Athleten treten an. »Sie sollen Israel repräsentieren und das beste Gesicht Israels zeigen«, sagte die ehemalige Olympionikin Yael Arad, Präsidentin des nationalen Olympischen Komitees, auf einer Pressekonferenz in Tel Aviv. »Wir wollen, dass unsere Athleten kommen und arbeiten, um sich zu messen.« Sie prognostiziert vier Medaillen.

Gute Chancen hätten laut israelischen Medien der 27-jährige Bodenturner Artem Dolgopyat, der bereits Gold bei Olympia, aber auch bei Welt- und Europameisterschaften und den Maccabiah Games gewonnen hat; die 18-jährige Daria Atamanov, die die Nachfolge der ebenfalls Gold-verwöhnten 25-jährigen Star-Gymnastin Linoy Ashram antritt; die 24-jährige Judoka Inbar Lanir, die 2020 in Tokio Bronze holte; wie auch die 22-jährige Taekwondo-Kämpferin Avishag Semberg. Leider muss auch erwähnt werden, dass Bayern-München-Torhüter Daniel Peretz für Israels Fußballteam, das erstmals seit 1976 wieder mit dabei ist, wegen einer Oberschenkelverletzung ausfällt.

Unter den insgesamt etwa 10.500 olympischen Sportlern aus rund 200 Ländern, die in 32 Sportarten und 329 Disziplinen antreten werden, befinden sich natürlich auch Dutzende jüdische Sportler. Darunter Amit Elor, mit 20 Jahren die jüngste Ringerin in der olympischen Geschichte der USA; die 19-jährige Luftpistolenschützin Ada Korkhin, ebenfalls aus den Vereinigten Staaten wie auch die 17-jährige Schwimmerin Claire Weinstein; der Volleyballer Sam Schachter aus Kanada. Und die australische Geherin Jemima Montag.

Schoa-Überlebender trägt olympische Flamme

Einen besonderen Gang hat bereits zwölf Tage vor Eröffnung der Spiele der Auschwitz-Überlebende Léon Lewkowicz unter begeistertem Anfeuern und Applaus zahlreicher Zuschauer zurückgelegt. Der 94-jährige ehemalige französische Meister im Gewichtheben trug die olympische Flamme durch das 15. Arrondissement von Paris, von der Métro-Station Bir-Hakeim bis zum Gedenkgarten der Kinder vom Vélodrome d’Hiver, der an die 4115 Kinder erinnert, die aus der französischen Hauptstadt verschleppt und in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

»Bei solchen Großveranstaltungen muss man eben ein bisschen aufpassen.«

Am Mémorial de la Shoah gegenüber der Île Saint-Louis bringt derweil eine Ausstellung die schwierige Situation und das nervöse Klima in Zeiten von täglichen Angriffen gegen Juden unter dem Vorwand des Krieges im Gazastreifen und dem beunruhigenden Ausgang der Parlamentswahl am 7. Juli auf den Punkt: »Les Jeux Olympiques, miroir des sociétés« (Die Olympischen Spiele als Spiegel der Gesellschaft) macht die Ambivalenz des olympischen Geistes schnell deutlich, nämlich dass hinter Höchstleistung und Sportlichkeit durchaus auch internationale Konflikte und eine Instrumentalisierung zu Propagandazwecken stehen können.

Übersetzt in die aktuelle jüdische Lebenspraxis in Paris heißt das: »Bei solchen Großveranstaltungen muss man eben ein bisschen aufpassen«, wie der Inhaber eines koscheren Feinkostgeschäfts sagt. »Aber natürlich sind die Olympischen Spiele auch ein Grund zum Feiern. Man muss doch leben.«

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