Spanien

Magnet Madrid

Offen, freundlich, sicher: Viele Menschen aus aller Welt würden gern in Madrid leben. Foto: Getty Images

Die jüdische Gemeinde von Madrid wächst. »Unsere Stadt ist sehr offen, freundlich und wunderschön, international und sauber, ein sicherer Ort – man muss keine Angst haben, überfallen zu werden«, sagt Gemeindechefin Estrella Bengio. »Die jüdische Gemeinschaft fühlt sich sehr wohl hier.« Madrid ziehe Menschen aus aller Welt an.

Bengio selbst stammt aus einer sefardischen Familie aus Marokko und kam als Zehnjährige mit ihren Eltern nach Spanien. Doch erst als Studentin verschlug es sie nach Madrid, wo sie seither lebt. Ihre erfolgreiche Einwanderungsgeschichte ist eine von vielen. Mit dem Zuzug sefardischer Juden aus Marokko wuchs die jüdische Bevölkerung in Spanien – nach einer langen Abwesenheit im Land.


Das Vertreibungsedikt von 1492 wurde erst Ende der 1960er-Jahre für ungültig erklärt.

Ende des 15. Jahrhunderts waren alle Juden im Land gezwungen worden, sich taufen zu lassen. Wer sich weigerte, Christ zu werden, wurde getötet oder per Edikt vertrieben. Danach gab es jahrhundertelang kein jüdisches Leben mehr im Land, nur vereinzelt im Verborgenen.

Erst 1968 wurde das Vertreibungsedikt für ungültig erklärt. Daraufhin gründeten sich erneut jüdische Gemeinden, und in Madrid entstand in der Calle Balmes im Stadtviertel Chamberí eine neue Synagoge. Heute leben rund 45.000 Juden in Spanien, die meisten in Madrid und Barcelona, den beiden größten Städten des Landes.

VORFAHREN Jedes Jahr kommen viele Juden aus den Vereinigten Staaten oder Israel als Touristen nach Spanien, sei es auf Spurensuche nach ihren Vorfahren oder aus Interesse am Land. Manche von ihnen bleiben in Spanien. Etliche kommen für ein paar Jahre, um zu studieren. Und so wächst die jüdische Gemeinschaft im Land.

Seit dem Frühjahr 2022 kommen auch etliche Juden aus Osteuropa, vor allem Geflüchtete aus der Ukraine. Wie viele es sind, ist schwierig zu schätzen, da etliche von ihnen auf der Durchreise sind und nach Ende des Krieges wieder in ihre Heimat zurückkehren wollen.

Die größte Gruppe der jüdischen Zugezogenen sind die sogenannten Rückkehrer aus Südamerika. Gelegentlich wird gar von einer Einwanderungswelle gesprochen, denn nach Schätzungen der Federación de Comunidades Judías de España (Föderation jüdischer Gemeinden Spaniens) sollen es in den vergangenen Jahren rund 20.000 Menschen gewesen sein.

Einer von ihnen ist der Argentinier Diego, der eigentlich anders heißt, aber nicht möchte, dass sein wirklicher Name in der Zeitung steht. Er kam vor anderthalb Jahren das erste Mal nach Madrid – motiviert durch ein Angebot des spanischen Staates, allen Nachkommen von Sefarden, die 1492 aus dem Land vertrieben wurden, das Rückkehrrecht einzuräumen.

Bevor er sich im Land niederließ, reiste der Unternehmer, der in Buenos Aires sein Brot als Immobilienmakler und zeitweise auch in der Modebranche verdiente, zunächst vier- bis fünfmal nach Spanien. »Ich habe mich in Ruhe umgeschaut«, sagt er. Am Ende sei die Wahl auch wegen der guten jüdischen Schule auf Madrid gefallen, denn Diego hat drei Kinder.

SCHULE Das 1965 gegründete Centro de Estudios Ibn Gabirol deckt sämtliche Altersbereiche ab – vom Kindergarten bis zum internationalen Bachillerato. Derzeit spielen und lernen dort rund 300 Kinder und Jugendliche. Die jüdische Schule von Madrid ist jedoch viel mehr als nur eine Bildungseinrichtung. Sie gilt als verbindendes Element. Die jüdische Gemeinde bestand bis 1970 überwiegend aus Aschkenasen und hielt andere eher auf Abstand. Die Integration der argentinischen Juden galt daher zunächst als Herausforderung. Doch im Centro Ibn Gabi­rol kamen die Gemeindemitglieder unterschiedlichster Herkunft über ihre Kinder miteinander in Kontakt. »Wir wurden sehr herzlich von der Gemeinde empfangen und lernten schnell andere Mitglieder kennen«, sagt Diego.

Der 45-Jährige hat seine Wahl für Madrid nicht bereut. Heute engagiert er sich für andere, die neu in die Gemeinde kommen. »Wir fühlen uns gut aufgehoben in der Stadt«, sagt er. In Argentinien habe er keine Zukunft mehr für seine Kinder gesehen. Und die Pandemie habe die schwierige Situation des Landes noch verstärkt. Viele Juden verlassen Südamerika – vor allem die jüngere Generation.

»Die Infrastruktur in Madrid ist ausgezeichnet«, sagt Diego. Eine stabile politische Situation, eine solide Wirtschaft, Sicherheit im Alltag, Toleranz gegenüber anderen – für viele Zuwanderer sind all dies Gründe, um nach Spanien und speziell nach Madrid zu kommen.

TREFFPUNKT Dass jüdisches Leben in Madrid nach außen hin sichtbar wird, dafür sorgt vor allem das Centro Sefarad-Israel im pittoresken Palacio de Cañete in der Calle Mayor mitten im alten Zentrum der Stadt. Die 1977 gegründete Einrichtung ist im Laufe der Zeit zu einem Treffpunkt für die jüdischen Gemeinden und Organisationen Spaniens sowie für Juden aus aller Welt geworden. Im Palacio de Cañete finden Konzerte, Lesungen und Theateraufführungen statt, es werden Ausstellungen gezeigt, und es gibt Vortragsreihen.

Die jüdische Gemeinde ist in der Stadt gut verankert und wird wertgeschätzt. Bürgermeister José Luis Martínez-Almei­da Navasqüés erregte unlängst Aufmerksamkeit, als er sich gegen die antisemitischen Töne seiner linken Amtskollegin Ada Colau aus Barcelona zur Wehr setzte. Sie hatte auf Anraten BDS-naher Kreise die Städtepartnerschaft der katalanischen Hauptstadt mit Tel Aviv ausgesetzt, und Madrid hatte sie an deren Stelle übernommen.

Martínez-Almei­da Navasqüés macht sich für die jüdischen Einwohner seiner Stadt stark. Rund 6000 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde in Madrid offiziell, Schätzungen zufolge leben aber rund 10.000 Juden in der Stadt.

Das Rückkehrrecht für Nachfahren vertriebener Sefarden zeigt erste Auswirkungen.

Ein Symbol für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens in der Stadt ist auch das Holocaust-Mahnmal, das 2007 eingeweiht wurde. Die monumentale rostfarbene Skulptur im sogenannten Garten der drei Kulturen im Juan-Carlos-Park wurde von dem Künstler Samuel Nahon in Zusammenarbeit mit dem Architekten Alberto Stisin entworfen.

Im vergangenen Jahr öffnete in Madrid das erste jüdische Geschichtsmuseum des Landes. Direkt neben dem Gemeindezentrum gelegen, bildet es mehr als 3000 Jahre jüdische Geschichte ab und zeigt, was spanische Juden früher und heute zur Gesellschaft beitrugen. Zu sehen sind Bilder, schriftliche Dokumente und Informationen über die Juden im Land, einschließlich der Aufzeichnungen über ihre Rückkehr auf die Iberische Halbinsel rund 400 Jahre nach der Vertreibung ihrer Vorfahren.

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