USA

Lost Generation

Protest für Gaza: Ein jüdischer Aktivist demonstriert in New York gegen »Birthright«, eine Organisation, die junge Juden zu kostenlosen Reisen nach Israel einlädt. Foto: Getty Images

Israel hat Nachwuchssorgen – doch damit ist nicht die demografische Entwicklung im jüdischen Staat gemeint. Das Problem liegt vielmehr gut 11.000 Kilometer weiter westlich. Amerikas Millennials, die jungen Leute im Alter zwischen etwa 20 und 30 Jahren, gehen Israel zusehends von der Fahne.

In einer Umfrage in der San Francisco Bay, dem viertgrößten Siedlungsgebiet von Juden in den USA nach New York, Südflorida und Los Angeles, gab nur eine Minderheit jüdischer junger Erwachsener an, Israel sei ihnen wichtig. Und nur noch ein Drittel der Befragten hat mehr Sympathie für Israel als für die Palästinenser.

Woran liegt das – und stimmt das überhaupt? Steven M. Cohen, Studienleiter der Umfrage und Professor am Hebrew Union College in Jerusalem, erläuterte die Ergebnisse der Umfrage gegenüber der israelischen Tageszeitung Haaretz: »Wir kategorisieren Leute automatisch in pro-israelisch und anti-israelisch«, sagte er. »Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass es eine wachsende Zahl von Menschen gibt, die sich ›entisraelisiert‹ haben.« Wenn man sich den Vergleich zwischen Jungen und Alten anschaue, dann entfernten sich die Jungen in wesentlich größerer Zahl von einer »Pro-Israel-Position«, so Cohen. »Sie haben sich dabei nicht in Richtung einer Verurteilung Israels oder auf die andere Seite bewegt, aber sie bewegen sich auf eine neutrale Haltung zu.«

Palästinenser Von den befragten 18- bis 34-Jährigen gaben nur elf Prozent an, sich Israel sehr verbunden zu fühlen. 37 Prozent meinten, die Existenz eines jüdischen Staates sei sehr wichtig, 40 Prozent sagten, das Konzept eines jüdischen Staates sage ihnen sehr zu, und 30 Prozent waren der Ansicht, dass sie mehr Verständnis für Israel als für die Palästinenser hätten.

Die klassischen Vorkämpfer für Israel wie die Lobby-Organisation AIPAC oder die Bildungseinrichtung »Birthright« bemühen sich seit Jahren zusammen mit großen Sponsoren, junge Leute für Israel zu begeistern. Seit seiner Gründung 1999 hat »Birthright« weltweit mehr als 600.000 junge Juden auf kostenlose Zehntagesreisen nach Israel geschickt, eine Gesamtinvestition, die sich der Milliarden-Dollar-Marke nähert.

Andere Sponsoren setzen mehr auf den Innovationssektor und versuchen, mit Is­raels Cyber-Faszination zu locken. Doch bei all den Gratisreisen und Lockangeboten bleibt die bange Frage: Reicht dies, um junge Leute von einem oberflächlichen En­gagement zu einem aktiven jüdischen Leben und zu fundiertem Wissen zu bringen?

Umfragen Die Tatsache, dass immer mehr Umfragen eine stark abnehmende Bindung zum Judentum feststellen, hat Amerikas jüdische Organisationen alarmiert. Dass dazu auch eine laxere Einstellung gegenüber der Einhaltung religiöser Regeln und eine stärkere Distanz gegenüber Israel gehören als bei früheren Generationen, macht die Sache nicht einfacher.

Zum einen ist da die generelle Abnahme religiöser Bindungen in den USA. Und zum anderen hat unter Donald Trump eine politische Kultur Einzug gehalten, die viele junge Leute abschreckt. Wenn sich dann dieser Präsident und seine Regierungsinstitutionen dezidiert für Israel aussprechen – eine Haltung, auf die die alteingesessenen und eher konservativen jüdischen Organisationen seit Langem ge­wartet haben –, dann sorgt schon allein das für eine oppositionelle Grundhaltung, weil es eben die Meinung des Trump-Ap­parates ist.

Auch dass AIPAC und andere große jüdische Organisationen als republikanerfreundlich gelten, dürfte auf die jungen, gut ausgebildeten und liberalen Juden eher abschreckend wirken. Da zieht man sich lieber zurück in die neue Innerlichkeit oder rebelliert mit plötzlich erwachender Empathie für Palästina und Co. gegen das ei­gene Establishment.

antipoden Das mag eine Erklärung für die Umfrageergebnisse in Kalifornien sein. Denn die Studie stellt auch fest, dass Konservative grundsätzlich wesentlich stärkere Bindungen an Israel haben als Liberale – die beiden Antipoden amerikanischer Politüberzeugungen.

Hinzu kommt, dass sich junge amerikanische Juden durch manche Medienberichte in ihrer distanzierten Haltung gegenüber Israel bestätigt fühlen mögen. So wurde kürzlich bekannt, dass die jüdische Schauspielerin Natalie Portman eine Reise zu einer Preisverleihung nach Israel abgesagt hat, weil sie Premier Benjamin Netanjahu nicht unterstützen wolle, der bei der Festveranstaltung gesprochen hätte.

Initiativen Vielleicht helfen ja Initiativen wie »Moishe House« – ein Netzwerk aus 58 Häusern, die quer über die USA verteilt sind und Programme anbieten, die auf junge Erwachsene zugeschnitten sind. Moishe House bezuschusst Mieten für Bewohner, Schabbat-Abendessen, soziale Interaktion zwischen Juden sowie Studienzirkel oder Purim-Partys. Die meisten Teilnehmer, berichtet der »Pittsburgh Jewish Chronicle«, führen sonst kein traditionell jüdisches Leben.

Durch das Judentum wieder an Israel heranführen, das möchte auch OneTable, eine weitere Organisation, die junge Juden unter dem Motto »Find Your Friday« zum Schabbat-Essen zusammenbringt. Eine »Social Dining App« hilft ihnen, am Schabbat gemeinsam zu Abend zu essen.

Bei diesen Begegnungen kommt das Gespräch häufig auch auf die innovative Start-up-Szene, die viele amerikanische Großstädte mit Israel verbindet. Und über ihr eigenes Business kommen etliche junge Juden durch die Vermittlung anderer Organisationen zum Arbeits- und Gedankenaustausch sehr schnell wieder näher an Israel heran – oder gar dorthin.

Amerikas junge Juden sind also noch nicht verloren für Israel – man muss es wohl nur etwas geschickter anstellen, sie dafür zu gewinnen.

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