Michelangelo Mazzotta kommt dem Besucher am Eingang des Museo Ebraico di Lecce mit einem Akkuschrauber entgegen. Es ist Sonntag, und er kann keinen Handwerker finden. Die Beleuchtung in einem der Ausstellungsräume und der ehemaligen Mikwe funktioniert gerade nicht. Und Mazzotta, einer der Gründer des Jüdischen Museums von Lecce, muss selbst Hand anlegen, um das Licht im Innern wieder zurückzubringen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wer heute durch die engen Gassen der Altstadt von Lecce schlendert, ahnt kaum, dass hier einst eine blühende jüdische Gemeinde lebte. Erst seit wenigen Jahren wird dieses weitgehend ausgelöschte Kapitel ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgeholt.
Eine multikulturelle Stadt
Im Mittelalter war Lecce eine multikulturelle Stadt im Königreich Neapel, das später Teil Süditaliens wurde. Die jüdische Gemeinde lebte offen im Viertel »Giudecca«, nicht abgeschottet, wie es in den späteren Ghettos der Fall sein sollte. Die Juden waren integriert, viele von ihnen arbeiteten als Kaufleute, Handwerker, Ärzte und Hebammen.
Jüdische Familien waren in der Seifenproduktion oder Lederverarbeitung tätig, führten kleine Betriebe in den »case palazziate« – Wohnhäuser mit Werkstatt im Erdgeschoss – und prägten den Handel rund um die heutige Piazza Sant’Oronzo, dem damaligen Marktplatz. Das Viertel lag strategisch klug in der Nähe der Stadttore, um am florierenden Mittelmeerhandel teilzunehmen.
Doch im Jahr 1541 ließ Kaiser Karl V. alle Juden aus dem Königreich Neapel vertreiben – und damit auch aus Lecce. Die Synagoge war bereits 1495 entweiht worden. An ihrer Stelle entstand die Kirche »Santa Maria dell’Annunziata«, später eine Privatkapelle und dann ein Palazzo. Nur ein hebräischer Inschriftstein (»Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes«) blieb als stummer Zeuge übrig – eingemauert in einem anderen Gebäude der Stadt, vergessen. Mit der Vertreibung verschwanden nicht nur Menschen, sondern auch Erinnerungen und Zeugnisse.
Spät wurde jüdisches Leben hier wiederentdeckt. Michelangelo Mazzotta, ein Bürger Lecces und Geschäftsführer des Jüdischen Museums, erwarb im Jahr 2009 ein Haus in der Via della Sinagoga – und fragte sich, warum die Straße diesen Namen trägt. Möglich wurde die Rekonstruktion der Geschichte durch das Engagement zweier Familien: der Familien Mazzotta und De Giorgi.
In den engen Gassen der Altstadt ahnt man kaum, dass hier eine blühende jüdische Gemeinde lebte.
Weder jüdisch noch akademisch gebildet, trieben sie die Gründung und schließlich 2016 die Eröffnung des Museo Ebraico di Lecce mit großem persönlichen Einsatz voran. Unterstützt wurden sie von dem italienischen Professor für Hebräische Sprache und Literatur, Fabrizio Lelli, und dem Archäologen Fabrizio Ghio.
Unterirdisch in einem privaten Gebäude
Das Jüdische Museum befindet sich unterirdisch in einem privaten Gebäude, dem Palazzo Taurino. Zu sehen sind dort die einstige Mikwe, architektonische Reste und Spuren sowie Ritualobjekte und Artefakte des einstigen jüdischen Lebens. Besonders faszinierend: ein Raum mit sechs Wasserbecken – möglicherweise diente er nicht der rituellen Reinigung von Menschen, sondern dem Kaschern von Küchenutensilien, wie Forscher vermuten.
Ein bisher einzigartiger Befund in Süditalien. Die oberen Räume wurden zwischenzeitlich und lange Zeit ohne Wissen um die Geschichte als Weinkeller oder Restaurant genutzt, ein Gebäudeteil desselben Grundstücks, wohl die ehemalige Synagoge, wird als privates »Bed and Breakfast« mit dem Namen »Sinagoga« vermarktet.
Wenig bekannt ist, dass Lecce nach 1945 zum Zufluchtsort für Schoa-Überlebende wurde. Die Museumsausstellung widmet sich auch diesem Teil lokaler Geschichte. In dem sogenannten DP-Camp von Lecce wurden die Schoa-Überlebenden untergebracht und lebten hier zusammen mit der lokalen Bevölkerung. Viele Kinder wurden geboren, Familien gegründet, bevor es weiterging – nach Israel, in die Vereinigten Staaten oder nach Australien.
Einer der Überlebenden war Abramo Ben Zvi, ein polnischer Jude, der 1945 in Lecce ankam. Sein Schicksal wird in einem der Ausstellungsräume des Museums geschildert. Auch ein Dokumentarfilm der Schwestern Shuni, Rivka und Ester ist zu sehen, Töchter einer ehemaligen Bewohnerin des DP-Camps. Ihr Film In the Light of Memory ist Mahnung und Hoffnung zugleich.
Einer der berühmtesten Söhne der Stadt
Aus Lecce stammt auch der jüdische Arzt und Hebraist Abramo Balmes (um 1440–1521). Er floh vor der Vertreibung in den Norden Italiens, zählt zu den berühmtesten Söhnen der Stadt und wurde auch aufgrund seiner Hebräisch-Lateinischen Grammatik Mikneh Avram bekannt. In Lecces Altstadt trägt eine Straße seinen Namen, das Werk lebt in Sammlungen Norditaliens weiter.
Heute ist das Museo Ebraico di Lecce ein stiller, würdevoller Raum der Erinnerung – ohne aktive Gemeinde, aber mit umso größerer Bedeutung. Außer am Schabbat werden Führungen angeboten. Der Erhalt und die Vermittlung jüdischer Geschichte werden vom Einsatz einzelner engagierter Bürger getragen. Die Besucher erwartet ein Ort der Erkenntnis – über das, was war, und das, was wieder sichtbar gemacht wurde.
Lecce hat sein jüdisches Erbe fast verloren – doch durch Erforschung, Erinnerung und Kunst lebt es neu auf. Und vielleicht ist es gerade dieses Licht der Erinnerung, das die Geschichte hier so besonders macht.