Italien

Leichenraub im Ghetto

Das oberitalienische Padua gilt bis heute als Stadt der Bildung und Gelehrsamkeit. Immerhin lebten hier der Astronom Galileo Galilei und der mittelalterliche Dichter Francesco Petrarca. Auch Goethe weilte einst im berühmten botanischen Garten der Stadt. Die Universität, gegründet 1222, ist nach der in Bologna die zweitälteste Italiens.

Kaum zu glauben, dass sich an der Medizinischen Fakultät einst schreckliche Dinge zugetragen haben sollen. So zumindest hat es die Erfurter Erziehungswissenschaftlerin Susanne Zeller herausgefunden, als sie in den Archiven stöberte.

Archiv Nach langem Bitten und unter den strengen Blicken des Rabbiners durfte sie in den alten Folianten der jüdischen Gemeinde blättern. Alte Handschriften der Dogen und der Stadtvögte von Padua mussten mühsam entziffert und übersetzt werden.

In Norditalien gab es gegenüber Juden eine bemerkenswerte Toleranz. Die liberale Kulturpolitik und Gesetzeslage erlaubten es ihnen, sowohl in Padua als auch in Venedig zu studieren – allerdings ausschließlich Medizin. Etliche Absolventen wurden später zugleich Ärzte und Rabbiner. Doch hatten Juden in Padua Studiengebühren in doppelter Höhe zu bezahlen. Bestanden sie das Examen, mussten sie – anders als ihre christlichen Kommilitonen – die ganze Fakultät zur Abschlussfeier einladen. Ein kostspieliges Unterfangen, das die ganze jüdische Gemeinde belastete.

Wirtschaftliche Grundlage für viele Gemeindemitglieder war der Geldverleih. Doch setzten ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts weitere Bedrückungen ein, vor allem durch die Franziskaner. Sie wollten ihre eigenen Pfandleihgeschäfte Monte di Pietà (deutsch: »Berg der Barmherzigkeit«) einrichten und die vermeintliche jüdische Konkurrenz ausschalten.

Die von den Franziskanern in vielen Städten etablierten Pfandleihhäuser waren nicht am Gewinn orientiert und bekamen ihr Geld aus Stiftungen und Spenden. Dieses Geld sollte an Bedürftige und Arme verliehen werden. Es war die frühe Form eines mittelalterlichen Mikrokreditwesens.

Zwar kam man sich im Grunde gar nicht in die Quere, denn Juden liehen viel größere Summen vor allem an den Adel und an das in die Klemme geratene Großbürgertum. Doch das eigentliche Ziel war vielmehr die Ausschaltung der Juden aus dem gesamten Wirtschaftsleben.

enge Nicht nur wirtschaftlich, auch räumlich wurden die Juden Paduas weiter bedrängt. Anfang des 17. Jahrhunderts mussten sie in ein eigens für sie eingerichtetes Ghetto ziehen. Dort wurde es mit wachsender Bevölkerung immer enger. Das führte dazu, dass die vormals niedrigen Häuser des Ghettos immer weiter aufgestockt werden mussten. Dadurch entstanden die typischen einsturzgefährdeten hohen, eng stehenden Gebäude, die Sopralzi. »Die engen Gassen verdunkelten sich noch mehr«, sagt Zeller. »Die Räume waren feucht, und es herrschte drangvolle Enge, was schlechte hygienische Bedingungen zur Folge hatte.«

Damit nicht genug, kam es noch schlimmer. Padua galt als Reformuniversität. Die angehenden Ärzte sollten nicht nur medizinische Bücher lesen, sondern praktische Erfahrungen sammeln, im Teatro Anatomico. Das elliptisch konstruierte zwölf Meter hohe Amphitheater im Herzen der Fakultät bot Platz für rund 500 Zuschauer. Die Medizinstudenten lernten an echten Toten, auch gegen den anfänglichen Widerstand der Kirche.

An Tieren zu üben, war erlaubt. Menschenleichen hingegen wurden eher heimlich geöffnet. Susanne Zeller fand heraus, dass es im Teatro Anatomico einen Kippmechanismus gab, der beim Erscheinen eines Klerikers die menschliche Leiche auf dem Seziertisch verschwinden und ein totes Tier erscheinen ließ.

Woher aber sollte man all die menschlichen Leichen nehmen? Hingerichtete oder Selbstmörder, die auf dem Schindanger landeten, reichten nicht aus. Auch gibt es Berichte von Friedhofsschändungen. Doch brauchte man Leichen, bei denen die Verwesung noch nicht weit fortgeschritten war. Zeller hat herausgefunden, dass man sich menschliche Körper gewaltsam besorgt hat – bei denen, die in der Stadt die wenigsten Rechte besaßen, den Juden. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden auf ihrem Weg zum Friedhof geraubt. Es muss immer wieder zu einigem Tumult gekommen sein. Doch die wenigen jüdischen Studenten werden ihre mehrheitlich christlichen Kommilitonen kaum vom Stehlen der Leichen haben abhalten können.

Sanktionen »Um den Raubzügen zu entgehen, verlegte die jüdische Gemeinde die Trauerzüge zunehmend auf die frühen Morgenstunden, wenn die Studenten meist noch schliefen«, sagt Zeller. Die Universitätsleitung verbot diese Raubzüge und drohte den Rädelsführern dieses Unwesens mit Prügel und Strafgebühren. »Doch die Studenten hielten sich nicht daran, denn sie wollten ihre Forschungsobjekte haben.«

Zellers Entdeckung ist ungeheuerlich. Doch in Padua will man bislang davon nicht viel wissen. Touristen werden bis heute nicht über den Leichenraub aufgeklärt. »Das Teatro Anatomico ist eine der großen Sehenswürdigkeiten in Padua«, sagt Zeller. »Bei den Führungen wird nicht auf die ungeheuerliche Geschichte eingegangen, die sich ungefähr zwei Jahrhunderte lang an der Medizinischen Fakultät zugetragen hat.«

Nun will Zeller weiter forschen und ihre Erkenntnisse publizieren. Vielleicht findet sie heraus, ob diese schreckliche Praxis im alten Padua einzigartig war, oder ob es auch an anderen Universitäten üblich war, jüdische Leichen für die Wissenschaft zu rauben.

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