Argentinien

Lauschangriff

(Noch-?)Bürgermeister Mauricio Macri Foto: JA

Argentinien

Lauschangriff

Der Bürgermeister von Buenos Aires soll Telefonate der jüdischen Gemeinde abgehört haben

von Jürgen Vogt  06.09.2010 15:33 Uhr

Stolpert der Bürgermeister der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, Mauricio Macri, über eine Abhöraffäre? Fakt ist, dass die Mobiltelefone von elf Personen angezapft wurden. Doch Macri bestreitet jede Beteiligung. Unter den Abgehörten findet sich auch Sergio Burstein von der Vereinigung »Angehörige und Freunde der Opfer des AMIA-Anschlags«.

Burstein brachte die Affäre im September 2009 ins Rollen, nachdem er – von einem anonymen Anrufer gewarnt – den Hinweis bekam, dass die Gespräche auf seinem Mobiltelefon seit einem Monat abgehört werden. Burstein erstattete Anzeige. Die Ermittlungen ergaben, dass zwei Richter in der nordargentinischen Provinz Misiones das Anzapfen seines Handys genehmigt hatten. Weil sie Burstein mit einem Mord in Verbindung gebracht hatten, erlaubten sie dem argentinischen Geheimdienst SIDE, die Gespräche mitzuschneiden.

Den Antrag bei den Richtern stellte Ciro James, ehemaliges Mitglied der Geheimdienstabteilung der Bundespolizei und Angestellter im Bildungsdezernat von Buenos Aires. Dort stand James zwar auf der Gehaltsliste, war aber für den Polizeikommissar Jorge Palacios tätig. James holte die aufgezeichneten Gespräche regelmäßig beim Geheimdienst ab.

verschleierung Mit dem Aufbau einer Stadtpolizei hatte der seit 2007 amtierende Macri eines seiner Wahlversprechen eingelöst. Palacios war von Macri für den Chefposten auserkoren worden und hätte das Amt am 1. Oktober offiziell antreten sollen. Die beiden sind Freunde, seit der reiche Unternehmerssohn Macri in den 90er-Jahren entführt worden war und Palacios die Ermittlungen leitete. Gegen den früheren Chef der Antiterroreinheit der Bundespolizei läuft jedoch ein Ermittlungsverfahren. Palacios wird der Verschleierung bei den Ermittlungen wegen des Attentats auf das Gebäude des jüdischen Hilfswerkes AMIA am 18. Juli 1994 beschuldigt.

Palacios soll den Halter des vor dem AMIA-Gebäude abgestellten Kleinbusses, auf dem die Bombe installiert war, per Telefon vor einer anstehenden Hausdurchsuchung gewarnt haben. Bei dem Anschlag wurden 85 Menschen getötet.

angriff Kritik an Macris Entscheidung kam sofort aus der jüdischen Gemeinde. Sergio Burstein hatte Macri im August 2009 in seiner Rede auf der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des AMIA-Anschlags äußerst scharf angegriffen. Im September lehnte Palacios den Chefposten »aus persönlichen Gründen« ab.

Dass sein Telefon abgehört wurde, hat für Burstein aber nicht nur damit zu tun. Seiner Ansicht nach geschah alles auf Macris Geheiß. Der habe persönliche Daten über Personen sammeln lassen, die ihm für eine mögliche Präsidentschaftskandidatur 2011 hinderlich werden könnten. Damit hätte er sie erpressen wollen, so Burstein.

Die Affäre hat inzwischen zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Israel und der Stadtregierung von Buenos Aires geführt. In seiner Suche nach Unterstützung behauptete Macri, die israelische Botschaft habe Palacios als Polizeichef empfohlen. Nachdem Macri aufgefordert wurde, zu sagen, mit wem von der Botschaft er gesprochen hätte und wer Palacios empfohlen habe, erklärte sein Generalsekretär, Marcos Peña, der damalige Botschafter Rafael Eldad habe sich »für die anstehende Ernennung von Palacios verbürgt«. Eldad, von 2004 bis 2009 israelischer Botschafter in Argentinien, meldete sich Ende August aus Jerusalem zu Wort: »Weder kenne ich ihn, noch weiß ich, wer Palacios ist.«

untersuchung Ciro James und Jorge Palacios sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Die Anklage lautet auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die beiden Richter sind ihrer Ämter enthoben. Gegen sie und fünf Polizisten der Provinz Misiones sowie eine Sekretärin läuft ein Ermittlungsverfahren. Gegen Mauricio Macri ermitteln sowohl Justiz als auch ein parla- mentarischer Untersuchungsausschuss.

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026

New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt

von Hannes Stein  14.06.2026

Boy George

Kein Chamäleon

Der britische Sänger positioniert sich schon seit Beginn seiner Karriere klar gegen Antisemitismus. Am 14. Juni wird der Popstar 65 Jahre alt

von Leon Stork  13.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026