USA

Kritische Millennials

Zu Besuch in Israel: junge Diaspora-Juden bei einer Taglit-Veranstaltung in Jerusalem (2017) Foto: Flash 90

Das Werben Israels um die sogenannten Millennials – die Kinder der 2000er-Jahre – in der Diaspora ist schon seit vielen Jahren ein mühsames Geschäft. Eine zunehmende Säkularisierung sowie die eher progressive politische Einstellung der 20- bis 30-Jährigen hat zu einem hohen Akzeptanzverlust des jüdischen Staates bei der jüdischen Jugend geführt.

Jetzt schlägt ausgerechnet die Zeitung »Haaretz« Alarm – sonst nicht gerade die lauteste Verfechterin der Taglit-Bewegung, deren »Birthright Israel«-Programm es jungen Juden – vornehmlich aus den USA und Kanada, aber auch aus Deutschland – ermöglicht, kostenfrei Israel zu erkunden.

Obergrenze »Birthright« erfahre, so Haaretz, einen Absturz der Teilnehmerzahlen bei jungen Amerikanern. In dieser Wintersaison sei mit einem Schwund zwischen 20 und 50 Prozent gegenüber 2017 zu rechnen, so geben es fünf Veranstalter an, die Reisen organisieren und die anonym bleiben wollen. Zwar hätten die Zahlen, so Haaretz, auch schon in früheren Zeiten geschwankt, etwa nach größeren Terroranschlägen oder Gewaltausbrüchen in Nahost, doch einen derartigen Absturz der Zahlen habe es noch nie gegeben.

In der Wintersaison schwanken die Zahlen erwartungsgemäß.

Ein Grund für den befürchteten extremen Rückgang der Zahlen könnte die Tatsache sein, dass Taglit die Teilnahmekriterien für die Reisen gelockert hat. War die Altersspanne vor einigen Jahren noch auf 18 bis 26 Jahre beschränkt, so ist mit der jetzigen Obergrenze von 32 Jahren der Zeitdruck für junge Leute nicht mehr so hoch, sich für die Reisen zu bewerben.

VERBUNDENHEIT Doch dies scheint nur ein Teil der Wahrheit zu sein. Denn aktuelle Studien weisen nach, dass sich die »Jewish Millennials« weniger als ihre Eltern und Großeltern mit Israel verbunden fühlen, weil sie die Politik des Landes als ihren ethischen Vorstellungen zuwiderlaufend empfinden. Speziell wird Israels Umgang mit Palästinensern und Asylsuchenden genannt.

Anfang Dezember wurde eine von 1500 Unterzeichnern signierte Petition der jüdischen Studenten-Dachorganisation »Hillel« übergeben, die die Aufnahme palästinensischer Repräsentanten in die »Birthright«-Programme fordert, damit die Teilnehmer sich »ein Bild von den Rea­litäten der Besatzung« machen könnten. Diese Petition wurde an 30 Universitäten den »Hillel«-Direktoren zugestellt.

»Die Ausgrenzung palästinensischer Stimmen und palästinensischer Bürger Israels aus dem ›Birthright‹-Programm ist nicht mit unseren Grundwerten vereinbar«, heißt es in der Petition, die von der linken Organisation »J Street« organisiert wurde. »Während einer Reise nach Israel sollten wir Geschichte und Kultur des Landes erleben, aber wir sollten auch etwas über Israels Besetzung des Westjordanlandes erfahren und die Stimmen von Palästinensern hören, die unter dieser Besatzung leben.«

Im vergangenen Jahr hatte »Birthright« entschieden, diese Treffen, die bis dato durchaus auf dem Programm standen, vorläufig auszusetzen, da »eine tiefergehende Analyse dieses Reisemoduls im Gesamtkontext des pä­dagogischen Auftrags der Reise« nötig sei.

Diese etwas verschwurbelte Begründung hatte den ohnehin gut organisierten akademischen Protest gegen die vorgeblich zu unkritischen »Birthright«-Besuchsprogramme verschärft und schließlich zu der Petition geführt. Dabei gibt es durchaus »Social Diversity«-Module bei den Reisen, die etwa israelische Araber, Drusen, äthiopische Juden, Charedim und andere Minderheiten in Israel thematisieren.

Quote Für die etwa zehn Reiseanbieter, die mit »Birthright« zusammenarbeiten, könnte sich der Teilnehmerschwund, sofern er sich bewahrheitet, zu einem bedrohlichen Problem auswachsen. Denn sie sind verpflichtet, eine gewisse Teilnehmerquote zu erfüllen, um ihren Status als Anbieter von »Birthright«-Reisen zu behalten. Verfehlen sie diese Quote zwei Saisons hintereinander, verfällt ihr Vertrag automatisch.

Seit 1999 hat »Birthright« Reisen für mehr als 500.000 junge Juden nach Israel organisiert. 2017 waren es nach Angaben von »Birthright«-Sprecherin Yarden Avriel Lato 48.000 Teilnehmer. Dieses Jahr, so ihre Begründung für die zu erwartenden schlechteren Winterzahlen, sei die Registrierung während der Hohen Feiertage angelaufen, man habe deshalb wesentlich weniger Arbeitstage zur Verfügung gehabt, um Teilnehmer zu rekrutieren.

Zudem, sagte Lato der Online-Zeitung »Times of Israel«, erwarte man bei den Teilnehmerzahlen lediglich einen Rückgang um sieben bis zehn Prozent. Und die aktuellen Zahlen für die Wintersaison würden erst im März veröffentlicht. Man erwarte aber ähnliche Zahlen wie 2018, also einen weiteren Rekord.

Rekord »Birthright«-Geschäftsführer Gi­di Mark versucht, den Widerspruch aufzulösen: »Für 2018 erwarten wir einen Rekord von mehr als 48.000 Teilnehmern, die das Geschenk einer lehrreichen Erfahrung mit ›Birthright‹ Israel erleben durften. Das wäre unsere höchste Teilnehmerzahl seit Einführung des Programms und widerlegt die irreführenden Zahlen des kürzlich erschienenen Zeitungsartikels.«

Tatsächlich schwanken die Winteran­mel­dungen und lassen nur bedingt Rück­schlüsse auf die jährliche Teilneh­merzahl zu. 2015 waren es 13.593 Teil­nehmer, 2016 stieg die Zahl auf 15.043, 2017 kamen 16.214, und 2018 waren es 15.557.

Deshalb lässt sich Yarden Avriel Lato auch nicht beirren und fasst noch einmal zusammen: »Selbst unter den ungünstigsten Umständen können wir während des Winters nur einen Rückgang von sieben bis zehn Prozent der Teilnehmerzahlen feststellen.«

ZIELGRUPPE Es steht also Aussage gegen Aussage. Das wird sich wahrscheinlich eingedenk der politischen Entfernung zwischen dem eher Hasbara-nahen »Birthright« und den kritischen Stimmen von »J Street« nicht ändern.

Ändern ließen sich allerdings die Wege, wie man Israel der Zielgruppe einer kritischen jüdischen Jugend in der Diaspora wieder näherbringen könnte: durch zukunftsorientierte Begegnungen, etwa mit Start-ups oder Wissenschaftlern. Die historisch-spirituelle Ergriffenheit folgt dann gewiss auf dem Fuße, sobald die kritischen Millennials israelischen Boden betreten.

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