USA

Konflikt auf dem Campus

Studieren nicht in »israelfreundlicher« Umgebung: junge Uni-Absolventen

Bis vor Kurzem hatten nur wenige schon einmal von der American Studies Association (ASA) gehört, einem Klub mit etwa 5000 Mitgliedern, die sich der Erforschung der amerikanischen Geschichte und Kultur widmen. Nun hat es die ASA in die Schlagzeilen geschafft: Sie rief im Dezember zu einem Boykott akademischer Institutionen in Israel auf. Die Reaktion kam sofort, und sie war deutlich: Mindestens fünf Universitäten (Bard College, Brandeis University, Indiana University, Kenyon College und die Pennsylvania State University) haben ihre ASA-Mitgliedschaft gekündigt.

Überdies verurteilten 134 Kongressabgeordnete – 69 Demokraten und 65 Republikaner – den Boykott israelischer Universitäten in einem Offenen Brief: »Dieser Boykott fördert den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern nicht, sondern verstärkt nur gefährliche Stereotype, die das gegenseitige Verständnis und die Kooperation behindern – zwei Dinge, die das Kernstück unserer akademischen Bemühungen bilden sollten«, heißt es in dem Schreiben. »Wir können diese ignorante Schmutzkampagne darum nicht tolerieren, deren Ziel es ist, Israel zu isolieren und die historischen israelisch-amerikanischen Beziehungen zu verschlechtern.«

Übrigens sind nicht nur amerikanische Politiker gegen diesen Boykott. Selbst Mahmud Abbas, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, hat sich gegen ihn ausgesprochen.

Resolution Doch während der Streit um diese Kampagne noch tobt, geht schon der nächste Streit los: Die Modern Language Association (MLA) hat eine Resolution verabschiedet, in der sie sich über »diskriminierende Grenzkontrollen« beschwert, mit denen Israel es ihren Mitgliedern unmöglich mache, Universitäten im palästinensischen Westjordanland zu besuchen. Die MLA ist kein obskurer kleiner Verein. Es handelt sich um eine 150 Jahre alte Organisation mit rund 28.000 Mitgliedern. Selbstverständlich beschwert sie sich nur im Falle von Israel, nicht im Falle irgendeiner anderen Nation.

Die Hillel-Foundation, die größte jüdische Studentenorganisation der Welt, hat überdies auf die nackten Zahlen hingewiesen: Es ist viel einfacher für Amerikaner, Israel und die Palästinensergebiete zu besuchen, als umgekehrt für Israelis die USA. Im Jahr 2012 wurden nur 0,023 Prozent der Ersteren, aber 5,4 Prozent der Letzteren an der Grenze zurückgewiesen.

Zionismus Allerdings hat die Hillel-Foundation unterdessen ein eigenes Problem. Die Studentenorganisation wurde 1923 an der Universität Illinois von einem Rabbiner gegründet, 1925 wurde sie Teil der B’nai B’rith. Sie verstand sich als jüdisches Pendant zu den katholischen und protestantischen Studentenklubs und war wie diese vollkommen unpolitisch, auch was die Frage des Zionismus betraf. Das änderte sich spätestens mit Israels Sieg im Sechstagekrieg von 1967, den Hillel begrüßte, und dem Jom-Kippur-Krieg 1973, als Hillel für Israel Geld sammelte.

Heute heißt es in den Richtlinien des Vereins: »Hillel wird keine Organisationen, Gruppen oder Sprecher beherbergen oder sich mit ihnen verbrüdern, die prinzipiell oder in der Praxis Folgendes tun: Israels Recht leugnen, als jüdischer und demokratischer Staat mit sicheren und anerkannten Grenzen zu existieren; Israel dämonisieren, delegitimieren oder doppelte Standards an Israel anlegen; den Boykott oder Sanktionen gegen den Staat Israel unterstützen; ein Muster störenden Benehmens gegenüber Aktivitäten auf dem Uni-Campus oder Gastrednern an den Tag legen und eine Atmosphäre der Unhöflichkeit begünstigen.«

Dieser Konsens wird nun aus den eigenen Reihen heraus radikal infrage gestellt. Im Zentrum des Konflikts steht das (ziemlich linke) Swathmore College, das mitten im tiefsten ländlichen Pennsylvania liegt. Der Sprecher der dortigen Hillel-Organisation, Joshua Wolfsun, hat erklärt, man habe sich eigentlich sowieso nie an diese Richtlinien gehalten. Jetzt aber distanziert sich die Hillel-Organisation in Swathmore auch öffentlich von ihnen. Sie erklärt sich zu »Open Hillel«, einem jüdischen Forum, in dem ausdrücklich auch Antizionisten willkommen sind.

Petition Die Richtlinien der Dachorganisation seien »kontraproduktiv, wenn man auf dem Campus echte Gespräche über Israel führen will«, heißt es in einer Online-Petition. »Sie verhindern, dass Hillel-Organisationen auf dem Campus zum Dialog ... mit Palästinensern einladen, da beinahe alle palästinensischen Gruppen auf dem Campus den Boykott von oder die Sanktionen gegen Israel unterstützen.« Die Petition wurde immerhin von 1271 Personen unterzeichnet.

Der Vorstandsvorsitzende von Hillel International – Eric Fingerhut, der früher einmal demokratischer Kongressabgeordneter aus Ohio war – antwortete auf die Provokation aus Pennsylvania in einem Offenen Brief. In seinem Schreiben an den »lieben Joshua« bedankt er sich höflich für dessen Wortmeldung, wird dann aber sehr deutlich: »In deiner Resolution heißt es: ›Alle sind willkommen, die bei uns zur Tür hereinkommen, in unserem Namen und unter unserem Dach zu sprechen, seien sie Zionisten, Antizionisten, Postzionisten oder Nichtzionisten.‹ Das ist ganz einfach nicht der Fall. Lass es mich sehr klar sagen: Es ist nicht erwünscht, dass Antizionisten den Namen Hillel verwenden oder unter dem Dach von Hillel sprechen – unter gar keinen Umständen.«

Dieser Streit hat mittlerweile die größeren Medien erreicht. John B. Judis etwa hat dem Fall einen langen Artikel in der Zeitschrift »The New Republic« gewidmet. Er streitet dort Hillel nicht das Recht ab, selbst zu entscheiden, wer auf Veranstaltungen der Organisation sprechen darf, findet den Bann gegen Antizionisten aber unklug: Auf diese Weise verliere man die Unterstützung der jungen Generation. 92 Prozent der amerikanischen Juden im Alter zwischen 18 und 29 Jahren sagen heute laut Umfragen, es sei für Juden völlig in Ordnung, wenn sie gegenüber Israel »sehr kritisch« eingestellt seien.

Folgen Von Weitem gleicht das Schauspiel einem Koch, der sich in seiner Küche redlich müht, die Deckel auf verschiedenen Töpfen zu halten: Kaum kocht weiß schäumend der kleine Pott über, auf dem »American Studies Association« steht, meldet sich, während man ihn mühselig eindämmt, scheppernd schon der nächstgrößere Kochtopf zu Wort: die »Modern Language Association«.

Klar ist dabei, dass die Stimmung gegen Israel an amerikanischen Universitäten schon seit längerer Zeit sehr feindselig war. Unklar ist, ob dies auf lange Sicht die amerikanische Gesellschaft beeinflussen wird.

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