Sankt Petersburg zeigt sich Ende Februar nicht unbedingt von seiner freundlichsten Seite. Während ein heftiger Schneesturm die Stadt fest im Griff hat, beginnt in einem Hinterhof mitten im Zentrum ein neues Kapitel zum Gedenken an die jüdischen Opfer des deutschen Vernichtungskrieges und an den unbändigen Überlebenswillen derer, die später von ihrem Schicksal aus erster Hand berichten konnten – und es auch wollten.
Rund drei Dutzend geladene Gäste, darunter der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Sankt Petersburg, Mark Grubarg, haben sich an diesem Nachmittag bei der jüdischen Sozialeinrichtung »Eva« eingefunden. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist sie in der offenen Altenarbeit tätig. Aber es geht »Eva« nicht allein darum, alte Menschen bei alltäglichen Dingen zu unterstützen und sie vor Einsamkeit zu bewahren.
Kinder und Jugendliche
Es ist der Organisation ein wichtiges Anliegen, die jüdische Kultur auch an die jüngere Generation weiterzugeben, weshalb Kinder und Jugendliche gleichfalls zu ihren Zielgruppen gehören. Insbesondere an sie richten sich Angebote der historischen Bildungsarbeit, die mit der heutigen Eröffnung einer bis ins kleinste Detail durchdachten und umgesetzten Dauerausstellung neue Akzente setzt.
»Unser Ziel ist es, junge Menschen zu erreichen«, betont ebenfalls Jelena Amirjan, die Direktorin, zum Auftakt der Veranstaltung vor versammelter Runde. Für März hätten sich bereits mehrere Gruppen angemeldet, dabei habe es noch nicht einmal eine offizielle Ankündigung gegeben. »Muzej Holokost« – unter diesem Titel läuft die Ausstellung, die streng genommen gar kein Museum ist. In gewisser Weise handelt es sich um eine Neukonzeption dessen, was Überlebende einst selbst geschaffen haben.
Überlebende hatten 1998 angefangen, Fotos und historische Artefakte zugänglich zu machen.
1998 hatten sie im selben Raum erstmals aus ihren geretteten Familienbeständen Fotos und andere historische Artefakte für Außenstehende zugänglich gemacht. Die Entscheidung, was und wie sie ihre Geschichte präsentieren wollten, lag bei ihnen. Einer der Initiatoren war seinerzeit Pawel Rubintschik, langjähriger Vorsitzender des jüdischen Häftlingsverbandes von Sankt Petersburg.
Seither ist viel Zeit vergangen, Sehgewohnheiten haben sich verändert, die zeitliche Distanz zur Zeit des Nationalsozialismus hat weiter zugenommen. Auf nur rund 30 Quadratmetern versucht die neue Ausstellung diesen Umständen gerecht zu werden und Aspekte zu berücksichtigen, die zuvor wenig oder gar nicht bekannt waren.
Dazu brauchte es vor allem ein Konzept, das auch sehr junge Menschen anspricht und dazu anregt, sich mit den vielen Texten, Tafeln, Fotos und anderen Gegenständen zu beschäftigen – eine riesige Herausforderung. Zumal nur wenig Vorwissen vorausgesetzt werden kann, da die Ermordung der europäischen Juden im Schulunterricht bestenfalls als Randnotiz vorkommt. Auch dominieren im russischen Erinnerungsdiskurs weiterhin die vielen Millionen sowjetischer Kriegsopfer im Zweiten Weltkrieg.
Versteck von Anne Frank nachgestellt
In drei Gruppen – eine davon auf Englisch in internationaler Besetzung, da unter anderem der deutsche und der französische Generalkonsul der Einladung gefolgt waren – durchlaufen die Gäste mehrere Stationen. Dabei treffen sie auch auf Zeitzeuginnen. Im Ausstellungsraum präsentiert Tanya Lvova, stellvertretende Direktorin und Programmleiterin, stolz die Ergebnisse penibler Recherchen. Zudem hatten Profis aus der Museumsarbeit sich Gedanken darüber gemacht, wie die begrenzte Fläche am effektivsten genutzt werden kann.
Die Anwesenden zeigen sich sichtlich beeindruckt. Grundlegende Informationen über das Judentum, die jüdische Bevölkerung in Europa, NS-Ideologie und Episoden des jüdischen Widerstands fanden ebenso Platz wie die eingeschlagene Vitrine eines jüdischen Geschäfts in Deutschland. Dieses lässt sich sogar als Schrankwand öffnen, hinter der das weltberühmte Versteck von Anne Frank nachgestellt ist.
Walerij Dymschiz, Übersetzer aus dem Jiddischen, Literaturwissenschaftler, Ethnograf und Anthropologe, stellt die Frage, was dieses neue Ausstellungsprojekt eigentlich Neues bieten könne. Schließlich würden die großen etablierten Museen wie etwa Yad Vashem alles Wesentliche bereits vermitteln. Prompt liefert er die Antwort gleich mit: Das Besondere sei der lokale Bezug und die Menschen, um die es hier geht, die in dieser Stadt, in Leningrad und später Sankt Petersburg gelebt haben.
Allen voran gemeint ist damit die 2016 verstorbene Schriftstellerin Mascha Rolnikaitė, der ein zentraler Ausstellungsteil gewidmet ist. Als Mascha Rolknik 1927 im litauischen Klaipėda der Zwischenkriegszeit geboren und in Plungė aufgewachsen, überlebte sie das Ghetto in Vilnius und zwei deutsche Konzentrationslager. Was sie durchmachte, hielt sie in ihrem auf Jiddisch verfassten Tagebuch fest, das erstmals in den 60er-Jahren als literarisch überarbeitete Autobiografie unter dem Titel Ich muss erzählen in etlichen Übersetzungen erschienen ist.
Ihren Wohnsitz hatte sie damals nach Leningrad verlegt, wo sie einen entscheidenden Beitrag dazu leistete, dass die Ermordung der Juden nicht in Vergessenheit geriet. An dem zwischen 2007 und 2021 jährlich durchgeführten »Festival der Toleranz« nahm Rolnikaitė regen Anteil. Das Gespräch mit der jungen Generation machte sie sich zur Lebensaufgabe.
Auch Pawel Rubintschiks Geschichte – ein Leningrader, der dem Minsker Ghetto entkam und sich zu einer Partisaneneinheit rettete – findet sich in dem kleinen Saal. So wie er von sich berichtete, taten es ihm weitere Mitglieder seiner Organisation gleich. Ljudmila Fjodorowna, die gemeinsam mit ihrem Bruder in einem Versteck in Minsk überlebt hatte, führte jahrelang durch die alte Ausstellung. Inzwischen sei ihr das mit ihren fast 89 Jahren aber zu anstrengend. Von dem neu gestalteten Raum ist sie äußerst angetan. »Da gibt es Dinge zum Anfassen, wie gemacht, um junge Leute zu erreichen.« Natalja Adolfowna, die als Kind aus Leningrad evakuiert worden war und im Nordkaukasus nur durch Glück überlebte, betrachtete die alte Ausstellung dagegen stets als »ihre«, als die der Überlebenden. Deshalb fremdelt sie mit dem neuen Konzept etwas.
Dafür, dass die Überlebenden auch in Zukunft gehört werden, sorgt eine Webseite, die noch im März online gehen soll. »Golosa«, zu Deutsch: Stimmen, heißt ein weiteres von Tanya Lvova koordiniertes Projekt. Der Untertitel verrät, um was es geht: »Jüdische Schicksale während des Krieges«. 96 Erzählungen, insgesamt 48 Stunden Material, werden dann auf Russisch mit englischen Untertiteln abrufbar sein.
»Das Besondere ist der lokale Bezug und die Menschen, die hier
Walerij Dymschiz
gelebt haben.«
Lvova betont, hier stünden die Menschen und ihre Geschichten im Zentrum, wobei nicht nur die deutsche Besatzung, sondern auch die Leningrader Blockade und die Evakuierung zur Sprache kämen. »Auf diese Weise haben wir ganze Familiengeschichten zusammengetragen, denn es gibt jüdische Familien, in denen zwar niemand den Holocaust überlebt hat, aber einzelne Angehörige die Evakuierung.«
Ohne das Vertrauen, das die Interviewten »Eva« entgegenbringen, wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen, so Lvova weiter. Nur so sei es gelungen, die Erlaubnis der Befragten zur Veröffentlichung der Interviews zu erhalten. Denn viele alte Menschen trauten dem Internet nicht. »Hier geht es auch um Selbstüberwindung«, fügt sie hinzu. Nicht wenige seien überzeugt, dass ihre persönliche Geschichte keine Relevanz besitze und niemanden interessiere. Umso größer also ist die Verantwortung, ihre Erzählungen weiterzutragen, und sei es nur virtuell.