USA

Kiddusch im Kongress

Jüdisch unter der Kuppel: Feiertage werden parteiübergreifend begangen. Foto: Thinkstock

Was haben Joe Lieberman, Ari Fleischer, Debbie Wasserman Schultz und Eric Cantor gemeinsam? Sie alle waren oder sind Mitglieder des Capitol Jewish Forum, der mittlerweile größten jüdischen Organisation auf dem Capitol Hill. Das Forum, nicht zu verwechseln mit dem – fast – gleichnamigen Capital Jewish Forum, feiert sein 20-jähriges Jubiläum.

Begonnen hat die Geschichte der Gruppe bei einer Chanukka-Party in Washington. »Bei einem Empfang im Senat habe ich jedem Büro auf dem Capitol Hill eine Einladung zukommen lassen«, erinnert sich Rabbiner Levi Shemtov, der Begründer des Capitol Jewish Forum. »Wir dachten, wenn 100 Leute kommen, können wir uns freuen.« Es kamen 300 – eine neue Organisation war geboren.

überparteilich Die Chanukka-Party ist heute – neben Feiern zu Sukkot, Purim, Pessach und den Hohen Feiertagen – fester Bestandteil des Programms. Die jüdischen Feste stehen im Zentrum der Veranstaltungen, doch das Forum organisiert auch Bibliotheksführungen, Lesungen, Vorträge und vieles mehr. Überparteilich und ganz ohne politischen Einschlag. »Wir sind die größte jüdische nichtpolitische Gruppe auf dem Capitol Hill«, erklärt Shemtov stolz.

Die Unparteilichkeit des Forums ist es auch, die Thomas Kahn, Büroleiter des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus und seit 15 Jahren Mitglied im Forum, fasziniert: »Wir sprechen gewöhnlich nicht über Politik – wenn wir es täten, würden wir sicherlich streiten«, sagt Kahn. Stattdessen nutzen die Forumsmitglieder die Gelegenheit, über das Judentum zu lernen und gemeinsam die Feiertage zu begehen. »Das gibt unserer täglichen Arbeit Sinn und Perspektive«, sagt Kahn.

gemeinschaft Rabbiner Shemtov ist sich seiner Verantwortung durchaus bewusst. »Die Mitarbeiter und Mitglieder des Kongresses sind rund um die Uhr beschäftigt und haben kaum Zeit, sich um ihre jüdische Identität zu kümmern. Unsere Aufgabe ist es deshalb, ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu vermitteln«, erklärt der Rabbiner. Um ihr Ziel zu erreichen, berücksichtigen Shemtov und sein Organisationskomitee den Zeitplan der Kongressmitarbeiter und versuchen, ihnen die Teilnahme an den Veranstaltungen so leicht wie möglich zu machen. Die Räume im Capitol-Komplex werden ihnen dabei kostenlos zur Verfügung gestellt, der Caterer des Senats besorgt sogar koscheres Essen.

Auch Familienangehörige der Forumsmitglieder werden eingeladen – »manche kommen, manche nicht«, sagt Shemtov. Bietet das Forum eine geldwerte Leistung an, müssen die Veranstaltungen für die Öffentlichkeit zugänglich sein. So sind auch Mitglieder der Botschaften oder Thinktanks auf dem Capitol Hill gelegentlich Gäste des Forums.

Republikaner wie Demokraten unterstützen die Arbeit. »Wir bringen Menschen aller Überzeugungen zusammen«, betont Shemtov. Ob orthodox oder Anhänger des Reformjudentums – alle sind im Capitol Jewish Forum willkommen. »Jeder Jude gehört zu uns und ist eingeladen, mit uns zu feiern«, sagt der Rabbiner. »Wir sprechen sogar auch Nichtjuden an, um ihnen etwas beizubringen oder einfach mit ihnen eine Verbindung herzustellen.«

Obwohl es auf dem Capitol Hill auch Gruppen anderer Religionen gibt, hält Shemtov das Forum und seine Veranstaltungen für ziemlich einzigartig: »Wo sonst als auf unserer Chanukka-Party«, fragt der Rabbiner, »kann man Debbie Wasserman Schultz und Eric Cantor so einträchtig beieinander erleben?« Doch nicht nur Parteigrenzen werden im Capitol Jewish Forum aufgehoben, sondern es werden auch noch engere Bande geknüpft. Halie Soifer, Beraterin für Außenpolitik im Senat, kam ihrem Ehemann Andrew bei einer der legendären Chanukka-Partys des Forums näher. »Wir arbeiteten damals beide im Repräsentantenhaus und kannten uns flüchtig, aber unser erstes richtiges Date hatten wir nach der Chanukka-Party«, erzählt Soifer.

Feiertage Heute ist sie seit sieben Jahren verheiratet, hat einen Sohn, ist mit Zwillingen schwanger – und der Besuch der Chanukka-Party ist zum festen Ritual geworden. »Das Forum bringt die Mitarbeiter auf dem Capitol Hill zusammen, vor allem an den Feiertagen«, sagt Soifer. »Rabbiner Shemtov garantiert uns eine wunderbare Erfahrung.«

Soifer ist nicht die einzige begeisterte Anhängerin des Forums. Es hat mittlerweile 400 bis 500 Mitglieder, und die Veranstaltungen, die auf Facebook, per E-Mail oder in der Zeitung des Capitol Hill angekündigt werden, sind regelmäßig gut besucht. Trotzdem sieht Shemtov Herausforderungen für die Zukunft: »Das Programm wiederholt sich immer wieder«, sagt der Rabbiner, »es ist schwer, das Interesse wachzuhalten.«

Jerusalem

Gedenkstätte Yad Vashem verweigerte Selenskyj Rede

Kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine wollte Selenskyj in Yad Vashem sprechen. Aber durfte nicht. Der Gedenkstätten-Vorsitzende nennt nun dafür klare Gründe

 07.01.2026

Venezuela

Kraft für den Neuanfang?

Trotz der spektakulären Festnahme des Diktators Nicolás Maduro durch die USA blickt die jüdische Gemeinde des Landes in eine ungewisse Zukunft

von Michael Thaidigsmann  07.01.2026

Schweiz

Trauer um Alicia, Diana und Charlotte

Bei der Brandkatastrophe im Nobel-Skiort Crans-Montana sind auch drei junge jüdische Frauen ums Leben gekommen

von Nicole Dreyfus  07.01.2026

Irland

Der Jahrhundertmann

Josef »Joe« Veselsky wuchs in der Slowakei auf, kämpfte gegen die Nazis, überlebte die Schoa und führte gleich zwei Tischtennis-Nationalteams an. Jetzt ist er mit 107 Jahren verstorben

von Michael Thaidigsmann  06.01.2026

Blumen und Kerzen sind als Zeichen des Gedenkens an die Opfer nach dem Brand in der Bar und Lounge »Le Constellation« in Crans-Montana.

Schweiz

Drittes jüdisches Mädchen tot

Bei der tödlichen Katastrophe im Nobelskiort Crans-Montana sind drei junge jüdische Frauen ums Leben gekommen

von Nicole Dreyfus  06.01.2026

Venezuela

Ist Nicolás Maduro jüdisch?

Immer wieder erklärte Maduro, sefardische Wurzeln zu haben. Die Geschichte zwischen dem Diktator und den Juden ist komplex

 05.01.2026

Nachruf

Anne Franks Stiefschwester Eva Schloss mit 96 Jahren gestorben

Mit ihrer Mutter überlebt sie Auschwitz – im Gegensatz zu ihrem Bruder und Vater, die dort ermordet werden. König Charles würdigt die Verstorbene

von Imanuel Marcus  05.01.2026

Portugal

Ende einer Rückkehr

Zehn Jahre lang konnten sefardische Juden, deren Vorfahren einst von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden, einen Pass beantragen. Nun soll Schluss sein

von Michael Ludwig  04.01.2026

Basel

Ein alt-neuer jüdischer Raum

Das wiedereröffnete Jüdische Museum Schweiz erstrahlt in frischem Glanz an einem anderen Ort

von Nicole Dreyfus  04.01.2026