USA

Keine Schecks mehr

Vermeintliches Idyll: Studenten und Besucher im Old Yard der Harvard University Foto: picture alliance / Sergi Reboredo

Es waren keine schönen Bilder, die dieser Tage auf dem Campus so mancher Hochschule in den USA zu sehen waren. So mussten sich jüdische Studierende der Cooper Union, eines Colleges in New York, in der Bibliothek verbarrikadieren, weil pro-palästinensische Demonstranten Jagd auf sie machten. In der Tulane University in New Or­leans wurden israelische Flaggen verbrannt und jüdische Studierende angegriffen. Und auf dem Online-Forum der Cornell University tauchten Posts mit folgendem Text auf: »Wenn ihr eine jüdische Person auf dem Campus seht, folgt ihr nach Hause und schneidet ihr die Kehle durch.« In einem weiteren drohte der Verfasser damit, »ein Sturmgewehr auf den Campus zu bringen und alle Schweinejuden zu erschießen«. Das FBI wurde eingeschaltet und bald darauf ein 21-jähriger Student verhaftet.

Die Liste solcher Vorfälle wird von Tag zu Tag länger. Zugleich veröffentlichten Universitäten, Hochschullehrer und Studierendenverbände zu dem Hamas-Massaker in Israel Stellungnahmen, die viel Verständnis für die Terroristen zeigen, aber wenig Empathie für die israelischen Opfer. »Wir, die unterzeichnenden Studenten­organisationen, machen das israelische Regime in vollem Umfang für alle Gewalt­taten verantwortlich«, heißt es beispielsweise in einem Schreiben von 34 Studierendenorganisationen in Harvard. »Das Apartheid­regime ist der einzige Schuldige.«

Die überall wiederkehrende Opfer-Täter-Umkehr sowie die Bezeichnung des Pogroms vom 7. Oktober als »legitimen Widerstand« oder als »antikoloniale Erhebung« rufen bei vielen Ehemaligen und Sponsoren der Hochschulen Entsetzen hervor.

Die Sponsoren vermissen den Widerspruch von Seiten der Universitätsleitung.

Ebenso der ausbleibende Widerspruch seitens mancher Universitätsleitung. »Das Direktorium von Harvard, einer der ältesten und angesehensten akademischen Institutionen der Welt, hat es von Anfang an versäumt, gegen den Terrorismus Stellung zu beziehen – oder überhaupt eine Erklärung abzugeben –, bis die Reaktionen auf diesen Pro-Hamas-Brief es zum Handeln zwangen«, so der Harvard Club of Israel. »Erst dann verfassten Präsidentin Claudine Gay und einige andere leitende Verwaltungsangestellte eine halbherzige Verurteilung von ›Tod und Zerstörung‹.«

Geldgeber der Universitäten in den USA, die fast alle privat finanziert werden, gehen nun reihenweise auf Distanz. So verabschiedeten sich unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Schreibens aus Harvard der israelische Milliardär Idan Ofer und seine Frau Batia aus Protest aus dem Vorstand der Elite-Institution. »Leider wurde unser Vertrauen in die Leitung der Universität erschüttert, und wir können Harvard und seine Gremien nicht mehr mit gutem Gewissen unterstützen«, gaben sie bekannt.

Auch die Wexner Foundation, eine Stiftung, die zahlreiche Stipendien vergibt und Universitätsprogramme finanziert, zog den Stecker, »weil das Direktorium von Harvard es versäumt hat, klar und deutlich gegen die barbarischen Morde an unschuldigen israelischen Zivilisten durch Terroristen am vergangenen Samstag Stellung zu beziehen«. Man werde mit Harvard nicht mehr zusammenarbeiten.

Ähnliches Ungemach droht nun ebenfalls der University of Pennsylvania. Dort hatte im September unter dem Titel »Palestine Writes« ein Literaturfestival stattgefunden, an dem Autoren teilnahmen, die den »Tod Israels« forderten.

Marc Rowan, Chef des Unternehmens Apollo Global Management und ein jüdischer Absolvent der Hochschule, sprach von einem Skandal, »dass Präsidentin Liz Magill es zuließ, dass die University of Pennsylvania mit dieser Konferenz in Verbindung gebracht wurde, und es zugleich versäumt hat, diesen hasserfüllten Aufruf zu einer ethnischen Säuberung zu verurteilen«. So ein Verhalten würde die Gewalt gegen jüdische Studierende vor Ort sowie den Terror in Israel nur legitimieren.

Deshalb fordert Rowan, der 2018 seiner Alma Mater 50 Millionen Dollar gespendet hatte, Geldgeber auf, der University of Pennsylvania so lange »keine Schecks mehr auszustellen«, bis die Leitung der Hochschule zurücktritt. Ronald Lauder tat es ihm gleich. Der Erbe des gleichnamigen Kosmetikkonzerns und Präsident des Jüdischen Weltkongresses wird der University of Pennsylvania auch erst einmal keine Mittel mehr zur Verfügung stellen.


Viele Spender erklärten, sie hätten die Pflicht, sich einzumischen.


Es sind aber nicht nur jüdische Sponsoren, die den Geldhahn zudrehen. Kenneth Griffin, ein Hedgefonds-Manager und Investor, der Harvard in den vergangenen Jahren mehr als eine halbe Milliarde Dollar gespendet hatte, verlangt, dass sich die Universitätsleitung anders, sprich eindeutiger, gegen Terrorverherrlichung und Antisemitismus positioniert. Die »New York Times« sprach mit ihm sowie zahlreichen weiteren Spendern der Elite-Universitäten aus der Finanzwelt zu diesem Thema. Sie alle erklärten, dass sie das Recht und die Pflicht hätten, sich einzumischen. Aus Furcht vor Morddrohungen wollten manche von ihnen in diesem Kontext namentlich aber lieber nicht genannt werden.

Manche Sponsoren haben Angst vor Morddrohungen.

Auch gibt es unter den Sponsoren unterschiedliche Meinungen darüber, was die angemessenen Reaktionen sein sollen. Am weitesten preschte wohl der Hedgefonds-Manager William Ackman, ein Harvard-Absolvent und Chef von Pershing Square Capital Management, vor. Er appellierte an andere Führungskräfte, Personen, die den Gruppierungen in Harvard angehörten, die das unsägliche Statement zu dem Massaker vom 7. Oktober unterzeichnet hatten, keinen Job mehr zu geben. Zugleich forderte Ackman auf der Plattform X die Universität dazu auf, deren Namen zu nennen, um sicherzustellen, dass man nicht »versehentlich einen von ihnen einstellt«. Unwidersprochen ist diese Haltung nicht. Aber mit Gewissheit kann man sagen, dass die Diskussionen dazu nicht abbrechen werden.

Bonn/Berlin

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