Italien

Kein Tod in Venedig

Kanalfahrt durchs Ghetto: Wegen der vielen Touristen verlassen immer mehr Gemeindemitglieder Venedig. Foto: imago

Venedig gehört immer weniger den Venezianern. Jedes Jahr wird die Stadt von rund 22 Millionen Touristen besucht und wandelt sich immer mehr zu einem großen Freiluftmuseum und Vergnügungspark. Ein normales Leben ist für viele Einwohner kaum mehr möglich, seit Langem nehmen Tausende Venezianer Reißaus. Nach offiziellen Angaben wohnten 2016 nur noch etwa 55.000 Menschen in der Innenstadt, 1951 waren es noch 174.000.

Die Stadtverwaltung versucht, mit Krediten und Vergünstigungen neue Bewohner anzuwerben – doch nur mit mäßigem Erfolg. Vor allem illegale Beherbergungsstrukturen und ein wilder Mietmarkt breiten sich aus.

infrastruktur Die venezianische Unternehmerin Emanuela Dina, die selbst mit ihrer Familie aufs Festland gezogen ist, klagt: »In Venedig lassen die Infrastruktur und die Sicherheit zu wünschen übrig. Man sieht kaum Polizisten. Meine Mutter, die noch in Venedig wohnt, vermeidet es, abends aus dem Haus zu gehen.«

Der Historiker Gadi Luzzatto Voghera glaubt, dass viele nicht wegen der hohen Preise Venedig den Rücken kehren, »sondern weil sehr viel für Touristen, aber kaum etwas für junge Paare mit Kindern geboten wird. Eine Turnhalle, ein Treffpunkt für Jugendliche sind schwer zu finden.« Die Krise Venedigs trifft auch die jüdische Gemeinde. Rabbiner Scialom Bahbout, seit drei Jahren Venedigs Oberrabbiner, sieht dies mit Sorge – vor allem, weil die jungen Mitglieder oftmals nicht nur aufs Festland, sondern gleich ganz wegziehen.

Doch Bahbout möchte, wie er sagt, »die Seele der venezianischen Juden retten«. Er wünscht sich »eine sesshafte Gemeinde«, die ihre Mitgliederzahl in den nächsten Jahren mindestens verdoppelt, um eine jüdische Grundschule und die ersten drei Jahre Gymnasium anbieten zu können. Ansporn haben Bahbout die Feierlichkeiten zum 500-jährigen Jubiläum des Ghettos im vergangenen Jahr gegeben.

Heute hat die jüdische Gemeinde Venedig, die auch die Nachbarstädte Treviso und Belluno umfasst, nur etwa 450 Mitglieder. Der Historiker Luzzatto Voghera präzisiert zwar: »Es werden mehr sein, denn die Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde ist keine Pflicht.« Doch im Vergleich zu den insgesamt rund 35.000 Juden Italiens ist der Anteil, den die Gemeinde in Venedig ausmacht, immer noch äußert gering.

Geschichte Seit mehr als 1000 Jahren ist jüdisches Leben in Venedig bezeugt. In der Blütezeit kamen Juden aus halb Europa und errichteten fünf Synagogen in der Lagunenstadt. »Noch vor 40 Jahren zählte die jüdische Gemeinde etwa 700 Mitglieder«, sagt Voghera.

Allerdings sei diese kleine Gemeinde sehr engagiert. »Die Levantinische Synagoge ist jeden Morgen und am Schabbat geöffnet. Es gibt ein aktives Museum, zahlreiche Kulturinitiativen, zwei koschere Restaurants und viele jüdische Gewerbebetriebe im Ghetto.« Rabbiner Bahbout unterstreicht, dass sich die Gemeinde wirklich große Mühe gibt. »Wir unterhalten eine Talmud-Tora-Schule, betreiben zwei Tage pro Woche einen Kindergarten und strahlen wöchentlich eine Unterrichtseinheit per YouTube aus.«

Venedigs früherer Oberrabbiner Elia Richetti, der jetzt in Mailand amtiert, erinnert sich: »Schon in meiner Zeit, von 2001 bis 2010, gab es einen Exodus von jungen Leuten: Die meisten zogen in größere Städte oder gingen nach Israel und gründeten jüdische Familien.« Um dem weiteren Exodus entgegenzuwirken, sollte man mehr in die Hochschulen investieren, meint Richetti. »Dann könnte die Gemeinde junge jüdische Forscher umwerben und ihnen ausreichend Unterstützung anbieten.«

Auch Rabbiner Bahbout macht Vorschläge: »Die Gemeinde selbst könnte neue Arbeitsplätze im Hotel ›Kosher House‹ und im Museum schaffen«, meint er. Außerdem ließe sich »mit geeigneten Projekten der Tourismus als kulturelle Ressource neu denken. Man könnte aus Venedig ein internationales Zentrum für jüdische Studien machen und das große Interesse an allem Jüdischen nutzen, um den Antisemitismus zu bekämpfen.« Außerdem rät Bahbout, der wachsenden Zahl von Personen, die – zu Recht oder Unrecht – behaupten, jüdischer Herkunft zu sein und Mitglied der jüdischen Gemeinde werden möchten, mit Aufmerksamkeit und Offenheit zu begegnen. »Wer einen ernsthaften Willen zeigt, sollte aufgenommen werden.«

neuankömmlinge Der Historiker Voghera mahnt, »die jüdische Gemeinde sollte zu den Neuankömmlingen gastfreundlicher sein«. So sei es nicht gut, dass sich derzeit niemand um die israelischen Austauschstudenten kümmert, die regelmäßig nach Venedig kommen. Man sollte ihnen Praktika in der Gemeinde ermöglichen und gemeinsame Freizeitaktivitäten anbieten.

Das jüdische Leben in der Lagunenstadt wiederzuerwecken, sei also »durchaus nicht unrealistisch«, meint Rabbiner Bahbout. »Wer allerdings denkt, das jüdische Venedig sterbe aus, hat seinen Tod bereits verkündet.« Was möglich sei, zeige die jüdische Geschichte gerade bei Gemeinden, die man für tot erklärt hat und die dann doch wieder aufgeblüht sind. »Aber ohne den Einsatz der Menschen ereignen sich nun mal keine Wunder.«

Adam Edelman und Menachem Chen traten am Montag im Zweierbob für Israel an den Olympischen Winterspielen an.

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