Liechtenstein

Kein Ort, keine Geschichte

Rund 40.000 Menschen lebten 2025 im Fürstentum Liechtenstein. Foto: Getty Images

Im Liechtenstein des 21. Jahrhunderts gibt es keine jüdische Gemeinde, keine Synagoge, keinen festen Begegnungsort für Juden. Für die wenigen jüdischen Einwohner gibt es keine Gemeinschaft. In einem Beitrag der Liechtensteiner Zeitung »Vaterland« hieß es nüchtern: »Ein jüdischer Begegnungsort fehlt.« Auch in den Schulen spielt das Thema kaum eine Rolle, und viele junge Menschen wissen wenig über die jüdische Geschichte des Landes.

Das steht im Kontrast zu Liechtensteins Wohlstand und seinem internationalen Anspruch. Während Stiftungen und Banken global operieren, existiert im Land selbst kein Ort, der an jüdisches Leben erinnert oder es pflegt. Die Erinnerungskultur beschränkt sich auf Gedenktage und einzelne Projekte.

Dabei reicht die Geschichte weit zurück: Bereits für die Spätantike und das Frühmittelalter seien durch das römische Rätien reisende Juden anzunehmen, heißt es im Historischen Lexikon des Fürstentums Liechtenstein. Pilger auf dem Weg ins Heilige Land hätten gelegentlich die Hauptstadt Vaduz passiert. Im 14. Jahrhundert habe es rege wirtschaftliche Kontakte von Juden in den Raum Liechtenstein gegeben.

»Nicht frei von Spannungen«

Nach der Vertreibung aus den städtischen Zentren im 15. und 16. Jahrhundert hätten Juden sich auf dem Land neue Lebensgrundlagen gesucht. Als Viehhändler oder Hausierer seien sie auch durch den Raum Liechtenstein gezogen, heißt es weiter. Dafür spricht ein in der Vaduzer Zollordnung von 1552 enthaltener diskriminierender sogenannter Würfelzoll für Juden.

1637 gründeten Flüchtlinge aus Österreich die jüdische Gemeinde am Eschnerberg. 20 Haushalte mit rund 100 Personen seien es gewesen, die nicht in einem Ghetto, sondern verstreut in kleineren Orten lebten. Die eher ärmliche Gemeinde habe über eine Synagoge (die Mitte des 19. Jahrhunderts abbrannte), über einen Rabbiner (Abraham Neuburg) und ein Ehegericht verfügt. Die Mitglieder betrieben einen bescheidenen Handel mit Pferden, Vieh, Häuten, Tuch und Silberwaren. Der Geldhandel habe erst im 17. und 18. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen.

Das Verhältnis zur christlichen Bevölkerung sei »nicht frei von Spannungen« gewesen, und die Obrigkeit habe wiederholt zum Schutz der Juden eingegriffen, so die Chronik.

Erfolgreich verdrängt

Zwischen 1748 und 1920 seien keine in Liechtenstein lebenden Juden dokumentiert. 1866 und 1884 erwarben die Gebrüder Rosenthal zwei Textilfabriken in Vaduz, die in und nach dem Ersten Weltkrieg jedoch den Betrieb einstellten. Ab den 1920er-Jahren seien erst vereinzelt und in den 30er-Jahren vermehrt Juden zugezogen. Zum einen wegen der Weltwirtschaftskrise, zum anderen, weil – gegen hohe Gebühren – die Einbürgerung möglich war, und schließlich zur Flucht vor den Nazis.

Von 1933 bis 1945 seien 144 jüdische Personen ins Liechtensteinische Bürgerrecht aufgenommen worden, und rund 230 fanden Asyl, heißt es im Historischen Lexikon. Ab 1935 musste für die Aufenthaltsbewilligung bei der Landesbank eine Kaution von 10.000 bis 50.000 Franken hinterlegt werden. Nach dem Anschluss Österreichs wurden viele Juden abgewiesen. Von 1938 bis zum Kriegsende 1945 lebten durchgehend rund 120 ausländische Juden in Liechtenstein.

So die Zahlen, und das sind die Menschen dazu: Im August 2022 wurden in Vaduz die ersten Stolpersteine verlegt – für Alfred und Gertrud Rotter, die in der Weimarer Republik in Berlin ein Theaterimperium aufgebaut hatten. 1933 suchten sie in Liechtenstein Zuflucht vor den Nazis – und wurden dort von Antisemiten in den Tod gehetzt. Ein Verbrechen, das lange Zeit erfolgreich verdrängt wurde. Die Steine sind die ersten sichtbaren Zeichen jüdischer Erinnerung im öffentlichen Raum.

Vom Weltkrieg umschlossen und dennoch neutral

Jüngst setzte sich allerdings eine Ausstellung im Liechtensteinischen Landesmuseum mit der Landesgeschichte im Zweiten Weltkrieg auseinander: Nah am Krieg. Liechtenstein 1939–1945 hieß sie und präsentierte den Besuchern ein Land, das vom Weltkrieg umschlossen war und dem es doch gelang, die Neutralität zu wahren. Zwischen Anpassung und Abgrenzung, wirtschaftlicher Abhängigkeit und politischer Vorsicht gegenüber dem Dritten Reich, folgte das Fürstentum einem historischen Weg, der bis heute wenig beachtet wurde: Man wahrte Distanz zum militärisch hochaggressiven und weltanschaulich rasenden Nachbarn, indem man sich ihm näherte.

Neutralität war kein Schutz vor moralischer Verantwortung.

Vor allem diese Ambivalenz dokumentierte die Ausstellung: die Spannungen zwischen Regierung und großdeutscher »Volksdeutscher Bewegung«, den Umgang mit Flüchtlingen, den Erfolg der Propaganda. Sie zeigt, dass Neutralität kein Schutz vor moralischer Verantwortung war. Liechtenstein blieb unbesetzt, aber nicht unberührt.

Das Fürstentum war in den 30er-Jahren ein katholisch geprägter Kleinstaat, politisch konservativ, wirtschaftlich eng mit Deutschland verbunden. Die Nationalsozialisten fanden auch hier Anhänger. Die »Volksdeutsche Bewegung« agitierte offen für einen Anschluss an das Reich. Ihr Parteiblatt, »Der Umbruch«, hetzte regelmäßig gegen jüdische Bewohner des Landes.

Der Arzt Moses Strauss, 1887 in Bayern geboren, war einer davon. Er war 1937 mit seiner Familie nach Schaan geflohen, nachdem ihm das Praktizieren in Heilbronn verboten worden war. In Liechtenstein erhielt er eine Aufenthaltsbewilligung, durfte aber auch hier nicht arbeiten. Ab 1940 engagierte er sich im neu gegründeten »Hilfsverein der Juden in Liechtenstein«. Auch er war von Abschiebung bedroht, konnte aber schließlich bis Ende des Krieges in Sicherheit bleiben.

Antisemitismus war kein deutsches Monopol

Diese Episode ist exemplarisch für das Verhältnis des Landes zu jüdischen Flüchtlingen: Hilfe war möglich, aber immer prekär. Das Überleben war nicht allein Ausdruck humanistischer Generosität des Staates, sondern das Ergebnis von Zufällen, Einzelfallentscheidungen und einem Fürstenhaus, das die antisemitische Bewegung im Land zwar duldete, aber deren Forderungen nicht nachkam.

Die Ausstellung zeigte auch, dass Antisemitismus kein deutsches Monopol war und moralische Verantwortung nicht an der Grenze endete.

Den Krieg überstand das Fürstentum, anders als der große Rest des Kontinents, unversehrt: keine Vertreibungen, keine Besatzung, keine Trümmerlandschaften. Die Geschichte des Dritten Reichs wurde dadurch zur Geschichte der anderen. Erst in den 70er-Jahren begannen Historiker wie Peter Geiger, die Kriegszeit systematisch zu untersuchen. Zuvor dominierte eine Erzählung, in der Liechtenstein als moralisch standhafte Enklave erschien – hierin glich das Land zahlreichen anderen westeuropäischen Ländern, die ihre Verbrechensgeschichte erst spät aufarbeiteten. Erinnerung blieb privat, oft verdrängt. In der Nachkriegsgesellschaft galt Neutralität als Tugend – auch im Gedächtnis.

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Für Anita Winter, die Enkelin von Moses und Elsi Strauss, ist diese Geschichte Teil ihrer Familienbiografie. Ihre Großeltern fanden in Liechtenstein Aufnahme, während die Schweiz ihnen die Einreise verweigerte. In einem Interview erzählte Winter, die Fürstenfamilie und die Regierung hätten sich gegenüber den jüdischen Flüchtlingen menschlich verhalten und Anfeindungen abgewehrt. Zugleich wusste ihr Großvater um die Gefahr: Die »Umbruch«-Artikel, die ihn namentlich diffamierten, belegen, dass die antisemitische Weltanschauung des Dritten Reiches in Liechtenstein durchaus verbreitet war.

Den richtigen Zeitpunkt für eine neue Flucht finden

Winters Vater, der als 16-Jähriger die Pogromnacht von 1938 in einem Schrank versteckt überlebte, sprach darüber später an Schulen. Ihre Mutter, die Deportation und Flucht überlebte, schwieg. Die Tochter, die heute in Zürich wohnt, hält die Erinnerung an ihre Eltern und Großeltern wach. Seit einiger Zeit erhalte sie Briefe von Überlebenden, die von ihrer Angst schreiben, »den richtigen Zeitpunkt« für eine neue Flucht zu verpassen, sagt sie. Diese Furcht, das Geschehen könne sich wiederholen, ist in vielen Familien präsent – auch in jenen, die in Liechtenstein Zuflucht fanden.

2014 gründete Winter die Gamaraal-Stiftung, die sich um verarmte Holocaust-Überlebende kümmert. Ihre Arbeit zeigt, dass Erinnerung mehr sein kann als historische Aufarbeitung: eine moralische Verpflichtung, das Leiden der Überlebenden nicht in Armut und Vergessen enden zu lassen. Die Ausstellung Nah am Krieg hat damit auch etwas über unsere Gegenwart erzählt: dass Erinnerung nicht abgeschlossen ist, sondern mit jedem neuen Ausbruch von Hass ihre Dringlichkeit zurückgewinnt.

In einer Zeit, in der jüdische Familien in Frankreich, Belgien, Deutschland oder auch in der Schweiz wieder über Auswanderung nachdenken, wirkt diese späte Erinnerung weniger wie ein Rückblick als wie ein Spiegel. Sie zeigt, wie dünn die Schicht der Sicherheit ist, auf der europäische Nachkriegsgesellschaften gebaut sind – und wie leicht sich alte Gewissheiten auflösen können.

Vielleicht sollte man die Liechtensteiner daran erinnern, dass die Mutter ihres Schutzpatrons Florinus von Remüs der Legende nach Jüdin war.

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