Warschau

»Kein Fall für Juristen«

Jan Tomasz Gross Foto: picture alliance / AP Photo

Herr Gross, wie bewerten Sie das Urteil im Warschauer Prozess gegen die beiden Holocaust-Forscher Barbara Engelking und Jan Grabowski?
Es ist skandalös, dass das Gericht den Fall überhaupt angenommen hat. Es liegt nicht in der Kompetenz von Richtern, ein Urteil über die Geschichte zu fällen.

Laut dem Urteil sollen sich die Wissenschaftler bei der Klägerin dafür entschuldigen, dass sie deren Onkel in ihrem Buch als Judenretter, aber auch als Nazi-Kollaborateur bezeichnet haben.
Die Richterin hat der Nichte von Edward Malinowski das Recht auf den »Kult des Gedenkens an einen Verstorbenen« zugestanden. Aber wie soll dann Geschichte geschrieben werden? Nein, weder die Klägerin noch sonst jemand hat ein Recht darauf, dass über Verwandte nur positiv berichtet wird.

Wird das Urteil Auswirkungen auf die weitere Schoa-Forschung in Polen haben?
Ja, denn gerade junge Leute werden es sich künftig ganz genau überlegen, ob sie sich in einer ideologisch so aufgeheizten Stimmung noch mit polnisch-jüdischen Themen befassen. Denn ein kleiner Fehler, der immer passieren kann, würde nicht durch eine öffentlich-wissenschaftliche Debatte aus dem Weg geräumt, sondern vor Gericht landen.

Welche Fehler wären das?
Schwer zu sagen, was den Klägern noch alles einfallen wird. Hier waren es zwei Fehler: Engelking hatte irrtümlich zwei Edward Malinowskis für eine Person gehalten. Doch dies hatte keine Auswirkung auf den Ruf des Judenretters. Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass er der Jüdin, die er gerettet hatte, Geld und einen Pullover raubte sowie später andere Juden an die Deutschen verriet. Der zweite Fehler war eine fehlende Fußnote, mit der Engelking diese Aussage hätte dokumentieren müssen. Gerade bei sehr langen und mit Fußnoten gespickten Texten kann das schon einmal vorkommen. Normalerweise ist das keine große Sache.

Wieso wurden dann Engelking und Grabowski wegen dieser fehlenden Fußnote vor Gericht gezerrt?
Weil hinter der Klägerin, einer einfachen, heute über 80-jährigen Frau, die rechtsnationale Stiftung »Reduta – Festung des guten Namens« steht. Sie fühlt sich dazu berufen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit den »guten Ruf Polens« zu verteidigen. In ihrer Klageschrift hatte sie sogar das »Recht auf Nationalstolz« eingefordert, wobei die polnische Nation als »Nation von Judenrettern« definiert wurde. Diese Geschichtspolitik betreibt seit Jahren auch Polens Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Ist es sinnvoll, dass Engelking und Grabowski in Berufung gehen wollen?
In jedem Fall! Dieses Urteil darf keinen Bestand haben. Ich bin überzeugt, dass es in der zweiten Instanz aufgehoben wird. Denn Juristen sollen Verbrechen aufklären und nicht über die Geschichte zu Gericht sitzen.

Mit dem polnisch-jüdisch-amerikanischen Historiker sprach Gabriele Lesser.

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

Diaspora

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026