Interview

»Kanonenfutter für Putin«

Herr Barnai, Sie stammen aus der Ostukraine und sind Experte für die Region. Kann die Ukraine Ihrer Meinung nach den russischen Angriff abwehren und den Krieg gewinnen?
Ja, ich glaube, dass sie das kann. Es hängt natürlich davon ab, ob der Westen an seiner militärischen, finanziellen und diplomatischen Unterstützung für die Ukraine festhält. Aber in den letzten Wochen und Monaten haben die Ukrainer die zuvor russisch besetzten Gebiete in Schytomyr, Kiew, Tschernigiw und Sumy vollständig und Charkiw und Mykolaiw sowie Teile der Regionen Cherson, Luhansk und Donezk befreit. Sie haben sogar russische Militäreinrichtungen auf der Krim angegriffen. Zudem scheint es, dass Russland momentan nicht in der Lage ist, irgendwelche Gebiete zurückzuerobern.

Was sagt uns die von Wladimir Putin angekündigte Teilmobilisierung darüber, wie gut der Krieg für Russland läuft?
Dass Russland nach nur sechs Monaten Krieg gegen die Ukraine Reservisten mobilisieren muss, spricht Bände. Trotz der gegenteiligen russischen Propaganda: Der Krieg verläuft für Moskau sehr schlecht.Vor dieser groß angelegten Invasion hatte Russland etwa 200.000 Soldaten und Offiziere an der ukrainischen Grenze zusammengezogen. Verteidigungsminister Sergej Schoigu erwähnte kürzlich, man habe bisher 6000 Soldaten und Offiziere verloren. Die Frage ist also: Zu welchem Zweck müssen nun weitere 300.000 Soldaten mobilisiert werden? Die Antwort lautet: Höchstwahrscheinlich, weil die Opferzahlen deutlich höher liegen als von Schoigu genannt.

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Viele russische Juden sind seit Beginn des Krieges im Februar aus dem Land geflohen. Wird sich diese Eskalation vor allem auf die verbliebenen Juden auswirken?
Laut offiziellen Zahlen sind im Zeitraum von Januar bis August 2022 rund 23.000 Menschen aus Russland nach Israel gekommen. Das ist ein Vielfaches der Zahl des gleichen Zeitraums in den Vorjahren. Und das Tempo der Repatriierungen nimmt nicht ab. Jüngste Entwicklungen - darunter der Versuch, das Büro der Jewish Agency in Russland zu schließen, der Fall des Rabbiners Pinchas Goldschmidt und die Mobilisierung von Reservisten - werden die Auswanderung zweifellos weiter befördern, zumindest von denjenigen, die das Recht haben, nach Israel zu gehen.

Werden die jetzt abgehaltenen Volksabstimmungen in den russisch besetzten Gebieten die Dynamik des Krieges verändern?
Das ist doch nur eine riesige russische Propagandashow! Es handelt sich um Scheinreferenden. Sie sind rechtlich null und nichtig, genau wie die gefälschten Referenden in Donezk, Luhansk und auf der Krim im Jahr 2014. Zudem glaube ich nicht, dass sie etwas an der Dynamik des Krieges ändern werden. Einige Kommentatoren meinen, Russland werde die Gebiete annektieren und ukrainische Angriffe auf sie als Angriffe auf russisches Gebiet behandeln. Tatsächlich gab es aber bereits ukrainische Angriffe auf Ziele in Russland selbst, zum Beispiel in den Regionen Belgorod und Kursk, und auch auf die seit 2014 annektierte Krim. Eine Auswirkung könnte jedoch eine mögliche Zwangsrekrutierung von Einwohnern der neu besetzten Gebiete in die russische Armee sein, zum Beispiel in den Regionen Cherson und Saporischschja. Putins Militärmaschine braucht ja immer neues »Kanonenfutter«.

Was wird im Fall einer Niederlage mit Russland und Putin geschehen?
In einem solchen Szenario ist die Zukunft Russlands einfach nicht vorhersehbar. Es könnte einen rechten Militärputsch geben, mit dem Ziel, Putin zu stürzen, oder aber eine Verschärfung seiner Diktatur. Beides ist denkbar, und ganz andere Szenarien sind es auch.

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Wie beurteilen Sie die Haltung der israelischen Regierung gegenüber Putin und Russland?
Man könnte sie als »Neutralität mit Sympathie für die Ukraine« beschreiben. Obwohl Israel der Ukraine nur humanitäre Hilfe leistet, ist das Land doch Teil der westlichen Koalition. Darüber hinaus sieht die israelische Gesellschaft die Ukraine überwiegend als Opfer einer nicht provozierten russischen Aggression gegen einen unabhängigen Staat. Und: Auch die US-Regierung von Joe Biden unterstützt die Ukraine.

Würde eine Rückkehr von Benjamin Netanjahu in das Amt des Ministerpräsidenten im November an dieser Haltung etwas ändern?
Er müsste diese Aspekte auf jeden Fall in Betracht ziehen.

Dr. Samuel Barnai lehrt und forscht an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie der Ben-Gurion-Universität des Negev. Er ist zudem Vorstandsmitglied des Israel Council on Foreign Relations. Barnai wurde in Donezk in der Ostukraine geboren. Das Interview mit dem Experten für die jüdische Geschichte in Osteuropa führte Michael Thaidigsmann.

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