Essay

Kaddisch in Ruanda

Foto: Privat

Genozid. Es scheint manchmal so, als ob mich das Thema hier in Ruanda überallhin begleiten würde. Auch in den meisten meiner Blogbeiträge im Berliner Tagesspiegel spielt der Genozid eine Rolle. Dabei wollte ich eigentlich über mehr als nur den Genozid Berichten. Mein Ziel war es, meinen Lesern ein vollumfassendes Bild über dieses Land und das Leben hier zu geben, über Gewöhnliches und Absurdes erzählen.

Meine Redakteurin beim Tagesspiegel meinte, der Gegenstand Genozid könnte als Leitfaden für die Texte dienen. Dies kam mir vor meiner Ausreise schwer umsetzbar vor und ich hatte Bedenken. Für mich hat sich spätestens jetzt herausgestellt: Die geschätzte Redakteurin hatte Recht. Der Massenmord hat einen Einschnitt in der gesamten Gesellschaft verursacht und prägt faktisch die meisten Bereiche des Lebens. Bevor ich meine Erfahrungen weiter ausführe, würde ich gerne einige Worte zu mir selbst sagen.

SEMINARE Ich, Mark Belkin bin frischer Absolvent des jüdischen Gymnasiums in Berlin. Meine Abifahrt konnte ich schmerzlicherweise nicht miterleben und musste statt Feiern zu gehen, Seminaren über kritisches Weiß-Sein und globale Ungleichheit lauschen. Ich habe dabei einige politische Weisheiten mitbekommen, würde aber etwas mehr praktische Lebensweisheiten bevorzugen. Das war es dennoch absolut wert, denn diese Seminare sind wichtiger Teil meines Freiwilligendienstes, den ich mit dem Friedenskreis Halle absolviere. Was das Ziel des einjährigen Dienstes angeht, hatte ich praktisch freie Wahl und entschloss mich wegen eines interessanten Projektes für Ruanda.

Für viele in Ruanda ist die Schoa ein Thema, das von Irrtümern begleitet wird.

Nun lebe ich bereits seit mehreren Monaten in einem kleinen Dorf an einer Hauptstraße, gefühlt mitten im Nirgendwo. Was ich um mich herum sehe, höre, erlebe und entdecke, schreibe ich wöchentlich in dem Blog nieder. Ansonsten arbeite ich als Assistent im Englischunterricht und parallel in einer lokalen NGO mit dem Namen »Rwanda Youth Clubs for Peace Organization«, für die ich Vorträge zu diversen Themen vorbereite – letztens über den Vergleich zwischen Schoa und ruandischem Genozid von 1994. Dabei kam ich sicher nicht zum ersten Mal mit dem Thema Genozid in Kontakt, bei dem vor 25 Jahren etwa eine Million Angehörige der ethnischen Tutsi-Minderheit Tätern der Hutu-Mehrheit zum Opfer fielen.

An meinem zweiten Tag in Ruanda besichtigte ich das Genocide-Memorial in der Hauptstadt Kigali. Am meisten bewegt hat mich der Museumsguide. Der 33-Jährige wurde 1994 zum Waisen. Während bei uns die Wogen des Ost-West-Konflikts geglättet wurden, herrschte in Ruanda allumfassende Gewalt. Fast jeder Erwachsene auf den Straßen Ruandas teilt sich ein Schicksal mit dem Guide, der noch knapp überlebte und sich eine Familie aufbauen konnte. Es gibt unzählige Geschichten des Überlebenskampfes, die weniger erfreulich als diejenige des Guides enden. Auch zur Schoa und anderen Genoziden gibt es im Memorial eine Informationstafel. Aus meiner Sicht reicht diese Tafel aber gewiss nicht aus, um ohne Vorwissen den Massenmord an Juden nachvollziehen zu können.

HITLER Für viele hier in Ruanda ist die Schoa ein Thema, das von Irrtümern begleitet wird. Ich fragte meine Klasse einst was sie über Deutschland wussten – als Antwort kamen Merkel und Hitler. Ich hakte nach, ob sie denn auch etwas über den Massenmord an den Juden wussten: Eine Antwort kam leider nicht. Mit meiner Arbeit hier will ich versuchen, diese Wissenslücke zu füllen. Ich halte es für eine gute Chance und zugleich eine verantwortungsvolle Aufgabe für mich, die junge Generation die Ereignisse im eigenen Land von vor 25 Jahren besser verstehen zu lassen. Es gibt genügend weitreichender Parallelen zwischen der Schoa und dem ruandischen Genozid — und es gibt große Unterschiede.

Ich hakte nach, ob sie denn auch etwas über den Massenmord an den Juden wussten: Eine Antwort kam leider nicht.

Dies wurde mir besonders bei einer Veranstaltung der Deutschen Botschaft in Kigali bewusst, die sich dem Gedenken an die Opfer des Holocaust widmete. Das Event fand unter dem Namen »Never Forget« statt. Während der Titel in Ruanda und der hiesigen Gedenkkultur noch eine Selbstverständlichkeit ist, würden ihn bei uns in Deutschland einige wohl lieber als »soon forgotten« sehen. Eine Schande wie ich finde. Never Forget sollte gerade heute in Europa zum Thema werden, wo immer mehr Zeit vergeht, nationale Kräfte immer stärker werden und immer weniger Überlebende und Zeugen unter uns weilen.

Doch zurück zu Never Forget in Kigali. Die Veranstaltung wurde im Kandt-House ausgetragen, dem Museum für Nationalkunde und Kolonialvergangenheit – auch der deutschen. Ich würde gerne einige Punkte der profilierten Redner aufgreifen und selber einige Parallelen und Unterschiede zwischen den Gräueltaten herausstellen.

AMEN Zum Einstieg bat die Leiterin des Museums in traditionell ruandischen, grell-blauen Gewand zur Schweigeminute. Es folgte das Kaddisch. Ich murmelte leise ein zustimmendes »Amen« an den notwendigen Stellen und sah, dass Professor Michael Brenner und der israelische Botschafter es mir wahrscheinlich gleich taten. Herr  Brenner war Hauptredner der Veranstaltung und sprach über jüdisches Nachkriegsleben in Deutschland — ein Thema, dass mich und meine Familie direkt betrifft.

Auch in Ruanda verwurzelte sich ein schlicht falsches Rassendenken.

Zuvor sprach Renate Lehner, ständige Vertreterin der Deutschen Botschaft. Sie erzählte vom kleinen Ort Drove in NRW und der dortigen Synagoge, die bei Novemberpogromen niedergebrannt wurde. Diese wurde nicht wieder aufgebaut – warum auch, meinte Frau Lehner, es war kein einziger Jude in den Ort zurückgekehrt. Dieses Schicksal teilten sich viele der jüdischen Gemeinden in Deutschland nach der Schoa. Nach Ruanda kehrten dagegen viele Opfer wieder zurück.

Unter den Rückkehrern befanden sich auch viele der Täter. Große Teile des Akagera-Nationalparks mussten weichen, um den Wiederheimkommenden ein zu Hause zu geben. Viele der Täter wurden begnadigt. Konflikte innerhalb der Gemeinden waren durch die »Neuankömmlinge«, ähnlich wie im Nachkriegsdeutschland und Osteuropa an der Tagesordnung.

UNICEF Eine weitere bedeutende Gemeinsamkeit zwischen den Genoziden, war die Dämonisierung der Opfer als Sündenbock für sämtliche Probleme im eigenen Land. Ted Maly, sprach als UNICEF Vertreter für die ganze VN vom 27. Januar als Gedenktag für Juden und alle anderen Opfern, die zu Sündenböcken wurden. Die ruandische Regierung führte 1994 Krieg mit Exil-Tutsi, die eine Armee bildeten und die mordende Hutu-Regierung stürzen wollte. Es wurde kurzer Hand zum Fakt, dass alle Tutsi Teil dieser Armee wären und das Ziel hätten, wiederum alle Hutu zu ermorden.

Gegen Ende der Veranstaltung machte Michael Brenner bei seinem spannenden Vortrag eine interessante Bemerkung: Der unter Nazis aufgezwungene gelbe Stern habe gezeigt, dass man Juden nicht als solche äußerlich erkennen konnte.  Man kann eine Schlussfolgerung ziehen: Die durch die Nationalsozialisten eingeführten gelben Sterne für die Juden verdeutlichten alleine die Unsinnigkeit der Rassenpolitik.

Früher stand Europa für Kriege und Gaskammern, heute vor allem für Versöhnung, betonte Michael Brenner.

Auch in Ruanda verwurzelte sich ein schlicht falsches Rassendenken. Unter den Belgiern wurden äußere Erscheinungsmerkmale festgelegt, durch die man angeblich Tutsi und Hutu voneinander unterscheiden könne. Die zuvor flüssigen Grenzen zwischen Hutu und Tutsi wurden durch vor dem Genozid verbreitete Propaganda verfestigt. Dies spitze sich zu. Die Ethnizität wurde wie auch bei Juden zum negativen Aushängeschild bei Behörden, in Schulen und im Berufsleben.

DISKUSSIONEN Am Ende des Vortrages stellte Michael Brenner fest, dass Europa statt für Kriege und Gaskammern, heute vor allem für Versöhnung stehe. Es ist nur zu hoffen, dass dies auch heute und in Zukunft über Ruanda gesagt werden kann, wobei mir klar ist, dass auch Europa sich selbst ständig diesbezüglich hinterfragen muss. Nicht selten habe ich das Gefühl, dass die Versöhnung in Ruanda gewissermaßen erzwungen ist.

Die Ethnizität wurde wie auch bei Juden zum negativen Aushängeschild bei Behörden, in Schulen und im Berufsleben.

Beispielsweise wird in meiner, von mir geschätzten, Schule oft von Brüderlichkeit und ebendieser Versöhnung positiv geredet, was ich für wichtig erachte. Jedoch wird weniges kritisch aufgearbeitet. Einige Lehrer haben Bedenken, vielleicht aus Angst vor der Reaktion ihrer Schüler über Vergangenes zu reden oder etwas Unerlaubtes zu sagen. Vielleicht ist auch hier wie in Deutschland mehr Zeit nötig, um konstruktive Diskussionen über den Genozid hervorzubringen.

Derweil geht mein Leben hier im Land der Tausend Hügel weiter und ich werde weiterhin versuchen, den Menschen in diesem stark verwundeten Land näher zu kommen und heraus zu finden, was sie bewegt. Mir, als »Muzungu« (Weißer) fällt dies zwar nicht besonders leicht, da ich wegen meiner Hautfarbe und wegen meines Hintergrunds überall hervorsteche. Dennoch habe ich schon einiges von der warmen, offenen Kultur und ungespielter Herzlichkeit der Leute hier bei der Arbeit, auf der Straße oder in bisweilen überfüllten Bussen mitbekommen.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/ein-berliner-in-ruanda-heile-das-herz-philosophie-im-jugenddorf/23141254.html

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