Schoa

Jüdischer Notar soll Versteck von Anne Frank an Nazis verraten haben

Anne Frank (1929–1945) Foto: dpa

Schoa

Jüdischer Notar soll Versteck von Anne Frank an Nazis verraten haben

Wer verriet Anne Frank? Ein Cold-Case-Team legte nun seine Ergebnisse vor

von Annette Birschel  18.01.2022 08:43 Uhr

Das Versteck des jüdischen Mädchens Anne Frank und seiner Familie vor den Nationalsozialisten ist vermutlich von einem Notar verraten worden. Der Mann sei selbst Jude gewesen und habe damit das Leben seiner eigenen Familie retten wollen. Das ist das Ergebnis der langjährigen Untersuchung, die ein internationales Team am Montag in niederländischen Medien präsentierte.

Es ist eines der großen Rätsel der Geschichte: Zwei Jahre lang lebten die Familie Frank und vier weitere Juden im Hinterhaus in Amsterdam im Versteck vor den deutschen Nazis. Doch am 4. August 1944 stürmte ein SS-Kommando das Haus. Mehr als fünf Jahre war das internationale Cold-Case-Team (als »cold case« wird ein ungeklärter, also »kalter« Kriminalfall aus der Vergangenheit bezeichnet) nun der Frage nachgegangen: Wie wurde das Versteck an der Prinsengracht 263 bekannt? War es Zufall? War es Verrat?

Die Anne Frank-Stiftung warnt vor zu schnellen Schlussfolgerungen.

»Wir haben insgesamt etwa 30 Theorien überprüft«, sagte der Journalist Pieter van Twisk, einer der Leiter der Untersuchung. »Wir können sagen, dass davon 27, 28 sehr unwahrscheinlich bis unmöglich waren.«

Die wahrscheinlichste Antwort ist: Notar Arnold van den Bergh habe den deutschen Besatzern eine Liste mit Verstecken von Juden in Amsterdam übergeben, um seine eigene Familie vor der Deportation zu bewahren. Und auf dieser Liste stand eben auch das Hinterhaus, in dem Anne Frank (1929 - 1945) ihr heute weltberühmtes Tagebuch geschrieben hatte. Alle Bewohner wurden in Konzentrationslager deportiert. Anne starb im KZ Bergen Belsen 1945, sie war 15 Jahre alt. Nur ihr Vater Otto überlebte.

Die Untersucher stützen sich vor allem auf die Kopie eines anonymen Briefes, den Otto Frank 1946 bekommen hatte. Darin wird der Name des Notars genannt. Das Original des Briefes ist zwar verschwunden, im Amsterdamer Stadtarchiv hatte das Team nun aber die Kopie gefunden.

Der Notar war damals Mitglied des Jüdischen Rates, hatte daher viele Kontakte und war zunächst vor Deportation geschützt. Doch 1944 fiel dieser Schutz weg, und es drohte auch ihm, seiner Frau und den drei Töchtern die Deportation. Die Familie überlebte.

»Man muss sehr aufpassen, bevor man jemanden in der Geschichte als Verräter von Anne Frank festschreibt, wenn man nicht zu 100 oder 200 Prozent sicher ist.«

Keiner der Untersucher will ein Urteil über den Notar fällen. »Die einzig Schlechten waren die Nazis«, sagte der ehemalige Agent des amerikanischen FBI, Vince Pankoke, der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war, »ohne sie wäre das alles nicht geschehen.«

Auch die Anne Frank-Stiftung warnt vor zu schnellen Schlussfolgerungen. Direktor Ronald Leopold sagte dem Radio-Sender NPO1: »Man muss sehr aufpassen, bevor man jemanden in der Geschichte als Verräter von Anne Frank festschreibt, wenn man nicht zu 100 oder 200 Prozent sicher ist.« Leopold lobte die »sehr gute und sorgfältige Untersuchung«. Aber wichtige Fragen seien noch offen: Wer hat den anonymen Brief geschrieben und mit welcher Absicht?

Für den ehemaligen FBI-Mann Pankoke war dies einer der schwierigsten Fälle seiner Laufbahn, wie er sagte. »Dies war kein Cold Case, dieser Fall war vereist.« Zeugen waren längst gestorben, wichtige Dokumente unauffindbar. Das Team setzte modernste Techniken und Methoden ein. So wurde zum Beispiel eine gigantische Datenmenge mit künstlicher Intelligenz durchforstet.

Gewissheit gibt es aber 77 Jahre nach Kriegsende noch immer nicht, räumte auch Ermittler Pankoke ein. »Unsere Theorie hat aber eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 85 Prozent.«

Zürich / Washington

Neue alte Verstrickungen

US-Ermittler entdeckt Hunderte neue Konten der Credit Suisse mit NS-Bezug

 09.02.2026

Raumfahrt

Jessica Meir fliegt zur Internationalen Raumstation

Jessica Meir soll acht Monate im All verbringen. Diese Tour ist für sie dieses Mal emotional besonders herausfordernd, wie sie bei einer Pressekonferenz erzählte

 09.02.2026

USA

Werbespot gegen Antisemitismus beim Super Bowl

Beim Finale der amerikanischen Football-Liga NFL wird auch ein Clip gegen Judenhass gezeigt. Finanziert hat ihn der jüdische Besitzer der »New England Patriots«, die heute Abend gegen die »Seattle Seahawks« antreten

 08.02.2026

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026

Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Rund 450 orthodoxe Rabbiner und Gäste aus den europäischen Gemeinden tagten in Jerusalem. Im Mittelpunkt standen weniger politische Debatten als vielmehr der Austausch über praktische Fragen

von Michael Thaidigsmann  07.02.2026

Basketball

Ein »All-Star« aus dem Kibbuz

Mit Deni Avdija schafft es erstmals ein Israeli in die NBA-Auswahl der USA

von Sabine Brandes  07.02.2026

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026