Moskau

»Jud Süß« auf Russisch

»Swidetjel«: Filmplakat zu »Der Zeuge« Foto: PR

Moskau

»Jud Süß« auf Russisch

Ein Propaganda-Film zeigt den angeblichen Antisemitismus und die vermeintlichen Gräueltaten der Ukrainer

von Alexander Friedman  24.08.2023 09:31 Uhr

Ursprünglich sollte der Spielfilm Der Musiker heißen. Doch dann kam der Aufstand der Söldner-Gruppe Wagner – im Volksmund »Musiker« genannt –, und die Autoren mussten ihren Titel rasch ändern. So wurde daraus Der Zeuge, ein vom russischen Verteidigungs- und dem Kulturministerium sowie dem Gazprom-Fernsehsender NTW großzügig gefördertes Projekt. In der Werbung für den Film spielen der Auslandssender RT (Russia Today) und die Regierungszeitung »Rossijskaja Gaseta« eine zentrale Rolle. Das Projekt ist dem Kreml also besonders wichtig.

Der Zeuge ist in der Tat der erste russische Spielfilm über den Krieg in der Ukraine: Die nicht zuletzt an das ausländische Publikum gerichtete Produktion stellt die Ereignisse aus russischer Sicht dar und knüpft bewusst an Roman Polanskis Drama Der Pianist (2002) an.

Polanski Regisseur David Dadunaschwili und Drehbuchautor Sergej Wolkow machen kein Hehl daraus, dass sie einiges bei Polanski abgeschaut haben. Die Filmpremiere fand am 17. August statt; einen Tag später feierte Polanski seinen 90. Geburtstag. Die internationale Presse berichtete in diesen Tagen viel über den berühmten Regisseur und seinen Holocaust-Film.

Chopins Musik, viele Kameraeinstellungen und vor allem die Figur des Hauptprotagonisten, des belgisch-jüdischen Aus­nahmegeigers Daniel Cohen, verweisen auf Polanskis Meisterwerk. Sogar die äußere Ähnlichkeit zwischen dem US-Amerikaner Adrien Brody in der Rolle von Polanskis Władysław Szpilman und dem Cohen-Darsteller Karen Badalow ist frappierend.

Der Film spielt in der Ukraine, wo Cohen – von seinem ukrainisch-jüdischen Kollegen Lew Sachnowitzkij eingeladen – unmittelbar vor Kriegsbeginn ankommt. Der Gast aus Brüssel erlebt die ukrainische politische, wirtschaftliche und militärische Prominenz, die offen über die geplante Militäroffensive gegen die prorussischen Separatisten im Donbass diskutiert. Besonders radikale Ansichten vertritt dabei Oberst Pantschak (Alexander Djatschenko), der sich später als Chef des umstrittenen, in der russischen Propaganda verteufelten Asow-Regiments entpuppen wird. Pantschak – ein kaltblütiger Täter, überzeugter Nazi und Antisemit, der Cohen beleidigt und erniedrigt.

quintessenz Der Film ist eine Quintessenz der anti-ukrainischen Propagandanarrative des Kreml: Der russische Überfall gilt als eine präventive Aktion. Der ukrainischen Seite werden entsetzliche Kriegsverbrechen in SS-Manier vorgeworfen, darunter auch die Zerstörung von Mariupol und die vermeintliche Massenmord-Inszenierung in Butscha. Cohens jüdische Herkunft ist wiederum kein Zufall.

Sie soll ihn in eine Reihe mit dem Holocaust-Überlebenden Szpilman stellen und die internationale Aufmerksamkeit auf den Film lenken. Während Sachnowitzkij die Ukraine nach dem 24. Februar 2022 sofort in Richtung Israel verlässt, erlebt Cohen die ersten Kriegstage vor Ort, wird zum Zeugen »ukrainischer Gräueltaten« und erst von den Russen glücklicherweise gerettet.

Nach Belgien zurückgekehrt, will der Geiger – ähnlich wie Szpilman nach dem Zweiten Weltkrieg – nun Zeugnis ablegen und die für den Westen unbequeme Wahrheit erzählen – die Wahrheit, die niemand hören will und für die Cohen Schikanen ausgesetzt wird.

REAKTIONEN Nach der Filmpremiere sind in der russischen Presse mehrere Rezensionen erschienen. Während die staatlich kontrollierten Medien den Film feiern und ihrem Publikum nachdrücklich empfehlen, wird er von unabhängigen Medien als anti-ukrainische Hetze und grottenschlechte Pianist-Kopie verrissen. Vergleiche mit der Nazi-Produktion Jud Süß machen die Runde.

Und das Publikum? Es ist vom Sujet und vor allem von etlichen grausamen Szenen wohl nicht angetan. Trotz der immensen Werbekampagne haben den Film in den ersten vier Tagen nach der Premiere nicht einmal 20.000 Menschen gesehen. Die von der europäischen Ausgabe der Zeitung »Nowaja Gaseta« befragten Moskauer Zuschauer waren von dem Film keinesfalls begeistert. Bisher scheint das aufwendige Propagandaprojekt zu floppen.

Jerusalem

Großeltern umgebettet: Theodor Herzls letzter Wille ist erfüllt

Die Überreste von Schimon und Rikva Herzl, Vorfahren väterlicherseits des Zionismus-Begründers und prägende Gestalten in Theodor Herzls Jugend, wurden von Serbien nach Israel überführt und auf dem Herzlberg beigesetzt

 06.08.2026

Palma

Michael Douglas ist Ehrenbotschafter Mallorcas

Der Hollywood-Star mit jüdischem Familienhintergrund wird für seine enge Verbindung zu der spanischen Insel und sein Engagement für deren kulturelles Erbe geehrt

 06.08.2026

Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Nach 41 Jahren verlässt der anerkannte Journalist Jean Quatremer die beliebte Tageszeitung »Libération«. Er wirft Kollegen einen »entfesselten Antisemitismus« und eine ideologische Schreckensherrschaft vor

 06.08.2026

USA

Seitenwechsel

In Stanford hetzte Taryn Thomas auf Studentenprotesten gegen Israel. Dann sah sie die Nova-Ausstellung – und wurde zur »Verräterin«

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  06.08.2026

Großbritannien

Tories wegen Nominierung von Ex-Neonazi in der Kritik

Die Chefin der Konservativen Partei hält ihn für resozialisiert, doch die jüdische Labour-Politikerin Luciana Berger ist skeptisch, was eine Kandidatur des früheren Rechtsextremisten Joshua Bonehill-Paine bei der Kommunalwahl 2027 anging

von Michael Thaidigsmann  06.08.2026

Litauen

Bima der Großen Synagoge von Vilnius endlich freigelegt

Während die Ausgrabungen voranschreiten, geht die Debatte über die Zukunft des Ortes weiter. Soll dort ein Gemeindezentrum entstehen, ein religiöses Zentrum oder eine Erinnerungs- und Bildungsstätte?

 05.08.2026

Nachruf

Holocaust-Überlebender und Historiker Marģers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben

Seine Eltern und Brüder und weitere Angehörige werden 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Er selbst überlebte als einziges Familienmitglied. Nach dem Krieg wurde er Historiker

 03.08.2026

Frankreich

Rückkehr nach Rennes

Unweit vom Dreyfus-Museum führen Schüler am Originalort den Prozess auf. Neben beeindruckenden Landschaften bietet die Bretagne auch eine Lektion in jüdischer Geschichte

von Mark Feldon  02.08.2026

Russland

Der schweigende Oligarch

Roman Abramowitsch ist immer wieder Ziel antisemitischer Propaganda. Doch er ist auch regelmäßig zu Gast im Kreml. Eine Annäherung

von Alexander Friedman  02.08.2026