Suriname

Jerusalem im Dschungel

Die Sitzung des UNESCO-Komitees Mitte September in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad war in mehrfacher Hinsicht ein denkwürdiges Ereignis. Denn nicht nur die jüdisch-mittelalterlichen Monumente in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt erhielten den Titel »UNESCO-Weltkultur­erbe«, sondern auch der historischen jüdischen Siedlung Jodensavanne, zu Deutsch: Judensavanne, in dem kleinen südamerikanischen Land Suriname wurde aufgrund ihres »außergewöhnlichen universellen Wertes« dieser Status verliehen.

»Es ist wirklich eine Ehre, in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen zu werden«, freut sich Jacob Steinberg. Er selbst hatte einige Jahre in Suriname gearbeitet. Heute lebt Steinberg in Kanada. Der kleinen jüdischen Gemeinde in Suriname ist er aber weiterhin eng verbunden.

Das letzte Mal, dass Juden ein solches Maß an Autonomie genossen,
war im Altertum.

Sie sei so etwas wie seine »zweite Familie« geworden, sagt er. Steinberg kümmert sich um ihren Internetauftritt, gibt einen Newsletter heraus in ständigem Kontakt mit der Gemeindeleitung und besucht sie regelmäßig.

Wildnis »Die Aufnahme der Stätte bedeutet, dass sich die Stiftung Jodensavanne und die Regierung von Suriname voll und ganz für ihre Entwicklung, Pflege und den Erhalt einsetzen«, weiß Steinberg zu berichten. »Das Land erhofft sich so auch mehr Einnahmen durch den Tourismus.« Er betont, dass die Stiftung Jodensavanne nichts mit der jüdischen Gemeinde zu tun hat; es gebe keine Mitglieder der Gemeinde im Vorstand.

Faszinierend ist auch die Historie der Jodensavanne selbst. Sie wurde im 17. Jahrhundert von sefardischen Juden aus den Niederlanden, Portugal und Italien gegründet. Die Siedlung liegt am Suriname-Fluss in einer dünn besiedelten Region in der Wildnis, knapp 70 Kilometer südlich der Hauptstadt Paramaribo. Sie umfasst die Überreste einer Synagoge, zwei Friedhöfe, alte Anlegestellen sowie die Fundamente mehrerer alter Häuser und Militärposten. Zum Kulturerbe gehört ferner der Friedhof von Cassipora Creek, nach Angaben der Stiftung Jodensavanne der älteste und wohl am besten erhaltene jüdische Friedhof in ganz Amerika.

Obwohl räumlich voneinander getrennt, sind der Friedhof von Cassipora Creek und die Siedlung Jodensavanne historisch eng miteinander verwoben und in der Diaspora gewiss einzigartig. Denn die beiden in den 1650er- sowie 1680er-Jahren gegründeten Ortschaften waren zweifellos die einzigen in der Welt, die damals exklusiv von Juden verwaltet und bewohnt wurden. Es gab eigene Schulen, einen Gerichtshof und Plantagen. Man besaß ein – wenn auch begrenztes – Wahlrecht in der kolonialen Verwaltung und stellte eine eigene jüdische Zivilmiliz auf. Das letzte Mal, dass Juden ein solches Maß an Autonomie genossen, war wohl im klassischen Altertum, und zwar in Eretz Israel, betont die Stiftung.

SKLAVINNEN In der frühen Neuzeit war Suriname sogar die Heimat der größten jüdischen Gemeinde in ganz Amerika. Während ihrer Blütezeit im späten 18. Jahrhundert zählte sie rund 1500 Einwohner, was ungefähr einem Viertel der jüdischen Bevölkerung auf dem Doppelkontinent entsprach. Viele Juden wurden in den Kolonien zu wohlhabenden Sklavenhaltern. Versklavte Menschen afrikanischer Herkunft machten mehr als 90 Prozent der Bevölkerung aus. Viele Kinder von Sklavinnen hatten einen jüdischen Vater und wurden im Lauf der Zeit in die jüdische Gemeinde aufgenommen und integriert.

Im Jahr 1825 wurden die Privilegien der jüdischen Siedlung Jodensavanne aufgehoben, weshalb eine Abwanderung vor allem nach Paramaribo einsetzte. So zerfiel Jodensavanne allmählich. In den 30er- und frühen 40er-Jahren konnten sich einige Hundert Juden aus Europa nach Suriname retten, beispielsweise rund 150 Mitglieder der sefardischen Gemeinde von Hamburg, weiß Steinberg zu berichten.

Im Jahr 1947 beschlossen das Parlament von Suriname sowie die niederländische Regierung den sogenannten Saramacca-Plan, der die sofortige Ansiedlung von 30.000 jüdischen Flüchtlingen in den unbewohnten Regionen des Landes vorsah. Initiiert wurde dieser Plan von der Freeland League, einer Organisation, die sich nach 1945 dafür einsetzte, dass Juden aus Europa eine neue Heimat finden. Mitbegründer der Freedom League war Nachman Isaac Steinberg, nicht verwandt mit Jacob Steinberg. Dieser aber hatte die Geschichte seines Namensvetters, der nach der Oktoberrevolution kurzzeitig Justizminister unter Lenin war und später ins Exil nach Deutschland ging, rekonstruiert.

»Ich spreche häufig in Synagogen und bei jüdischen Organisationen in Kanada und in den Vereinigten Staaten über die jüdische Gemeinde in Suriname und die Bemühungen von Dr. Steinberg, europäische Juden zu retten«, erzählt Jacob Steinberg.

Einfluss Doch der Plan einer Ansiedlung von Juden in Suriname scheiterte schon früh. Denn bereits im August 1948, also in der Zeit des israelischen Unabhängigkeitskrieges, erklärte ein neuer Gouverneur von Suriname das Ganze für null und nichtig. Die Verhandlungen über eine Ansiedlung von Juden wurden nie wieder aufgenommen.

Als Suriname 1975 von den Niederlanden in die Unabhängigkeit entlassen wurde, setzte ein riesiger Exodus ein. Ein Drittel der gesamten Bevölkerung sollte das Land verlassen, darunter auch viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Suriname. Nach einem Militärputsch im Jahr 1980 sowie einem blutigen Bürgerkrieg kehrten auch fast alle übrigen Juden dem Land den Rücken zu und wanderten aus.

Als Suriname 1975 unabhängig wurde, verließen viele Juden
das Land.

Trotz einer Rückkehr Surinames zur Demokratie im Jahr 1987 zählt die älteste bestehende jüdische Gemeinde in ganz Nord- und Südamerika heute nur noch etwa 100 Mitglieder. »Sie ist klein sowie sprachlich und geografisch relativ isoliert von der übrigen jüdischen Welt«, sagt Steinberg. »Suriname ist das einzige niederländischsprachige Land in Südamerika, und als eines der kleinsten Länder Südamerikas gibt es nur sehr wenige internationale Flugverbindungen in das Land, das hauptsächlich von niederländischen Touristen besucht wird.«

Anerkennung Deshalb schlossen sich bereits 1999 die sefardische und die aschkenasische Gemeinde zusammen. Man nutzt gemeinsam die prächtige hölzerne Neve-Shalom-Synagoge aus dem frühen 18. Jahrhundert, die zwischen 1835 und 1837 nach einem Brand wiederaufgebaut wurde. Sie ist die einzige noch funktionierende Synagoge des Landes. Die Gemeinde selbst hatte sich in den vergangenen Jahren von einer orthodoxen hin zu einer liberalen entwickelt. Aber mangels finanzieller Ressourcen kann man sich keinen Rabbiner leisten.

Die im fernen Riad beschlossene Anerkennung der Jodensavanne als UNESCO-Welterbe hat für die kleine Gemeinde eine große Bedeutung. »Sie ist insofern sehr wichtig, weil die Jodensavanne so etwas wie das Herz und die Seele der Gemeinde ist«, betont Steinberg. »Die unglaubliche Geschichte unserer Gemeinde und die Friedhöfe, auf denen viele unsere Vorfahren begraben sind, definieren, wer und was wir heute eigentlich sind, und zwar eine kleine, isolierte, aber unverwüstliche jüdische Gemeinde, die trotz aller Widrigkeiten weiterhin ein sinnerfülltes jüdisches Leben führt.«

Brüssel

Belgische Juden fordern Antisemitismusbeauftragten

Nach dem Sprengstoffanschlag auf die Synagoge von Lüttich verlangt der jüdische Dachverband CCOJB größere Anstrengungen der Politik im Kampf gegen Judenhass

 10.03.2026

Antisemitismus

Schweiz: Dauerbelastung durch Judenhass

In seinem Jahresbericht zum Antisemitismus verzeichnet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zwar einen Rückgang bei tätlichen Angriffen - aber einen massiven Zuwachs im Online-Bereich

von Michael Thaidigsmann  10.03.2026

Polen

Wenige Juden, viele Debatten

Jüdisches Leben pendelt seit 1989 zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Eine Begegnung mit dem früheren Dissidenten, Aktivisten und Publizisten Konstanty Gebert

von Nicole Dreyfus  09.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

London

Iraner wegen Ausspähung jüdischer Einrichtungen verhaftet

Die Antiterroreinheit der Londoner Polizei hat in der Nacht zehn Personen festgenommen, darunter vier mutmaßliche Spione der Islamischen Republik

 06.03.2026

Großbritannien

Radikal pragmatisch

Ahmed Fouad Alkhatib arbeitet an einem palästinensischen Staat. Für den brauche es vor allem Frieden und Zusammenarbeit in der Region, sagt der Mann, der in Gaza und in den USA aufgewachsen ist

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  04.03.2026

Österreich

Der jiddische Sherlock Holmes

Der Schriftsteller Jonas Kreppel schuf im Wien der k. u. k. Zeit einen jüdischen Meisterdetektiv. Nun wurde die Krimireihe von einem New Yorker Autor wiederbelebt

von Jörn Pissowotzki  04.03.2026

Kalifornien

»Tehrangeles« jubelt

Im Großraum Los Angeles lebt die größte persische Exilgemeinde der Welt. Sie unterstützt das militärische Vorgehen der USA und Israels. Auch über die Zukunft des Iran machen sich viele Gedanken

von Gunda Trepp  04.03.2026

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026