Ukraine

Jabotinskys Erben

Im Theaterraum des jüdischen Kulturzentrums »Migdal« proben Schulkinder für ein Musical. Geschrei schallt über den Flur, es ist hektisch, ein ständiges Kommen und Gehen. Nur ein paar Teenager stehen gelassen in der Ecke, trinken Kaffee und rauchen. Im Büro in der zweiten Etage muss Jenny Spektor Ordnung in das Chaos bringen. »In unserer Gemeinde gibt es über tausend Familien«, sagt sie.

Die 25‐Jährige hilft bei der Verwaltung des Kulturzentrums. Sie trägt Jeans und einen roten Wollpullover. Migdal ist eines der größten jüdischen Zentren in Odessa. Von der Krabbelstube über Hebräischunterricht bis zur Tanzgruppe für Senioren – ein umfangreiches Programm soll den Zusammenhalt stärken.

Rund 35.000 Juden leben heute in der Millionenstadt am Schwarzen Meer. Das ist wenig, denn früher war Odessa ein Zentrum jüdischen Lebens. Bis zum Jahr 1941 waren 47 Prozent der Einwohner Odessas Juden. Einige von ihnen, wie der Zionistenführer Wladimir Zeev Jabotinsky, wurden später sehr bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs ging der jüdische Bevölkerungsanteil stark zurück.

Von 1941 bis 1944 wurde Odessa von Rumänien besetzt, das mit Deutschland verbündet war. Über 100.000 Juden wurden unter der nationalsozialistischen Besatzung ermordet. Zudem starben viele Odessaer Juden, die in der Roten Armee kämpften, im Krieg, andere fielen dem stalinistischen Terror zum Opfer. In den späten Sowjetjahren ging der Exodus weiter. Von 1970 bis Anfang der 90er‐Jahre wanderten Tausende nach Israel oder in die USA aus, später auch nach Deutschland.

Regeln Heute finden die Juden in Odessa langsam zu ihren Wurzeln zurück. 1991 gründeten jüdische Künstler das Theater »Migdal« (Hebräisch: Turm). Aus der Theatergruppe wurde später die jüdische Gemeinde. Sie zieht vor allem Jugendliche und junge Familien an.

Viele von ihnen entdecken die Traditionen wieder und pflegen die jüdische Kultur. Religion spielt für die meisten keine Rolle. »Nur wenige sind sehr observant«, erläutert Jenny Spektor. Trotzdem legt man im Migdal Wert auf jüdische Regeln. Alle Besucher müssen Kippa tragen, freitags und am Schabbat wird grundsätzlich nicht gearbeitet.

Viktoria Godyk sieht das lockerer. Sie sitzt in einem Café in der Altstadt. Die 28‐jährige Doktorandin ist Vorsitzende der Ukrainischen Union Jüdischer Studenten. Gestern Abend ist sie von einem Kongress aus London zurückgekommen. »Ich benutze auch am Schabbat mein Handy«, sagt sie.

Viktoria engagiert sich, weil sie sich für Politik interessiert und weil sie den Zusammenhalt unter den ukrainischen Juden stärken will. »Wir sollten uns unserer Identität bewusst sein«, betont sie. Deshalb hat sie einen Skiurlaub für jüdische Studenten organisiert. Der Ausflug in die Karpaten dient nicht nur der Erholung: Beim Speed‐Dating sollen die Studenten schnell einen Flirtpartner finden. »Mein zukünftiger Ehemann muss Jude sein«, fügt Viktoria hinzu.

Das zweigeschossige Gebäude von Migdal in der Ulitsa Malaja Arnautskaja blickt auf eine zwiespältige Geschichte zurück. Früher saß hier der sowjetische Geheimdienst KGB. Seitdem Migdal vor 20 Jahren einzog, wurde das Haus nur notdürftig renoviert. Der Putz fällt von den Wänden, die Linoleumböden knarren, kalte Luft pfeift durch die Fenster. Finanziert wird das Zentrum durch Spenden aus den USA und Israel. Das Geld reicht knapp für das Nötigste. »Wir bekommen keine Unterstützung vom ukrainischen Staat«, sagt Spektor.

Antisemitische Anfeindungen haben die beiden jungen Frauen bisher nicht erlebt. In Odessa sind viele Juden in der Lokalpolitik aktiv, auch der frühere Bürgermeister war jüdisch. »Aber im Westen der Ukraine ist Antisemitismus verbreitet«, sagt Godyk. Sie ärgert sich, weil der Staat gegen rassistische Propaganda nichts unternimmt. Auf Straßenmärkten werde mit nationalsozialistischen Büchern gehandelt, sogar Häftlingskleidung aus Konzentrationslagern sei schon verkauft worden. »So etwas muss man verbieten«, fordert Godyk.

Sowjetunion Im Gebäude von Migdal deutet Spektor auf eine Wand mit Fotos. Zu sehen sind sowjetische Soldaten, deren Uniformen mit Orden bestückt sind. »Diese jüdischen Offiziere haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft und sind dafür ausgezeichnet worden«, erläutert die junge Frau. In der Sowjetunion wurde oft behauptet, Juden seien nicht an der Front gewesen. Doch die Fotos beweisen das Gegenteil.

Dass es in der Sowjetunion einen latenten Antisemitismus gab, kann Nadeshda Efimova bestätigen. »Der Staat misstraute Juden und schloss sie von verantwortungsvollen Positionen aus«, berichtet die 78‐jährige Rentnerin, die ebenfalls in der jüdischen Gemeinde aktiv ist. Auch für viele alte Menschen ist Migdal ein wichtiger Teil des Lebens und eine Hilfe gegen Vereinsamung. In der Tanzgruppe für Rentner können sie neue Kontakte knüpfen. Der älteste Tänzer ist 92 Jahre alt.

Doch an Überalterung leidet die Gemeinde keinesfalls. Der Großteil der Mitglieder besteht aus jungen Familien mit Kindern. Um sozial schwache Menschen kümmert sich in Odessa die Organisation Sha’arei Tzion. Sie liefert Essen an Hilfsbedürftige aus oder hilft im Haushalt. Nadeshda Efimova kann von ihrer Rente in der Ukraine kaum leben. Deshalb möchte sie nach Deutschland ausreisen. Sie will zu Bekannten nach Bremen ziehen, die vor einigen Jahren ausgewandert sind.

Jenny Spektor hält nichts vom Auswandern, »schon gar nicht nach Deutschland«. Wenn überhaupt, dann sollten Juden nach Israel gehen, findet sie. Der jüdische Staat stelle jungen Menschen kostenlose Studienplätze zur Verfügung, sagt sie. Für die meist gut ausgebildeten ukrainischen Juden sei das Angebot verlockend. Viele blicken wegen unsicherer Berufsaussichten pessimistisch in die Zukunft.

Doch trotz der schlechten Wirtschaftslage denkt auch Viktoria Godyk im Moment nicht ans Auswandern. Bald wird sie ihre Doktorarbeit im Fach Telekommunikation beenden. Ihre Berufschancen sind damit nicht schlecht. »Außerdem lebt meine Familie hier«, sagt die junge Frau. »Ich hoffe, dass es für mich in der Ukraine eine Zukunft gibt.«

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