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Ist das Serum koscher?

Kein Zutritt für Ansteckende: Plakat in Brooklyn Foto: Getty Images

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Ist das Serum koscher?

In New York erkranken immer mehr Menschen an Masern. Doch viele Charedim wollen sich nicht impfen lassen

von Daniel Killy  18.04.2019 09:03 Uhr

Eine der größten Masernepidemien der vergangenen Jahrzehnte sucht derzeit New York heim. Ausgebrochen ist sie in Williamsburg und Borough Park, den charedischen Vierteln in Brooklyn, sowie in Rockland County.

Allein in Williamsburg haben sich seit Oktober mehr als 250 Menschen mit der hoch infektiösen Krankheit, die vor allem für Säuglinge und Schwangere höchst ge­fährlich werden kann, angesteckt. Die Lage scheint derart dramatisch, dass New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio die Situation als »Krise« bezeichnete und den medizinischen Notstand ausrief. Er ordnete sogar Pflichtimpfungen an. Eine Strafe von 1000 Dollar droht denen, die sich der Anordnung widersetzen.

Widerstand Der Widerstand gegen die Impfungen allerdings ist ähnlich verbreitet wie die Krankheit selbst, vor allem unter Charedim. Der mittelalterliche jüdische Arzt und Gelehrte Rambam, Maimonides, bezeichnet in seinem Werk Mischne Tora den Körper als Geschenk Gottes, auf das man aufpassen und von dem man Schaden abwenden muss. Außerdem gilt das Wahren der eigenen Gesundheit als religiöses Gebot, was die meisten charedischen Rabbiner mit Blick auf den Masernausbruch auch deutlich machen. Dennoch kursiert derzeit, wie die »New York Times« berichtet, unter den Strengstgläubigen eine Broschüre mit dem irreführenden Titel The Vaccine Safety Handbook.

In charedischen Kreisen kursiert die Meinung, das Serum enthalte Rinderblut. Die Speisegesetze verbieten dies.

Das Heft, das sich an die charedische Bevölkerung wendet, kommt zu einem lebensgefährlichen Schluss: »Wir sind davon überzeugt«, heißt es da, »dass es keine größere Bedrohung der allgemeinen Gesundheit gibt als Impfungen.«

Verschwörungstheorien Dieses Handbuch ist zu eine der Hauptquellen von Falschinformation und Verschwörungstheorien geworden und hat sich in den charedischen Vierteln schnell verbreitet. Einer der Autoren, Moishe Kahan, streute per E-Mail fatale Falschmeldungen wie jene, dass der Masern-Impfstoff »die DNA von Affen, Ratten und Schweinen sowie Serum aus Rinderblut enthält – alles Dinge, die nach den koscheren Speisegesetzen nicht konsumiert werden dürfen«.

Dabei ist es selbst unter den orthodoxesten Rabbinern in den USA Konsens, dass Impfungen koscher sind und sich auch Charedim dringend immunisieren lassen sollten.

Dutzenden kranken Kindern wurde ei­ne medizinische Behandlung vorenthalten, weil die Eltern sie nach einer Maserninfektion vor der Öffentlichkeit versteckten und den Ausbruch nicht meldeten. Aber es sind nicht nur ultraorthodoxe Kreise – in den Vereinigten Staaten bilden sich schon seit Längerem Allianzen zwischen Nichtjuden, Liberalen, Agnostikern und eben Charedim, die sich gegen das Impfen im Allgemeinen wehren.

Touristen Zu dem neuen Masernausbruch in den USA, wo die Krankheit seit 2000 als ausgerottet galt, kam es durch charedische Touristen, die sich beziehungsweise ihre Kinder zu Sukkot im vergangenen Herbst in Israel infiziert hatten. Nach Aussage von Gesundheitsexperten brachten die ungeimpften Kinder das Masernvirus nach New York und verbreiteten es dort.

Nach Aussage von Gesundheitsexperten brachten ungeimpfte Kinder das Masernvirus im vergangenen Herbst aus Israel mit.

Trotz sofortiger Bemühungen jüdischer Führungspersönlichkeiten und der Gesundheitsbehörden, die die Dringlichkeit der Immunisierung betonten und Tausende von Dosen des Impfstoffs MRR (Masern, Mumps, Röteln) ausgaben, ließ sich die Ausbreitung nicht eindämmen. »Wir sind leider nicht immun gegen Impfgegner«, sagte Aaron Glatt, der sowohl Facharzt für Infektionskrankheiten als auch Rabbiner ist, der »Times«.

Seit vergangenem Oktober wurden in New York City mehr als 400 Masernfälle gezählt. Allein vergangene Woche kamen 60 weitere hinzu – alle im chassidischen Umfeld. Mittlerweile haben charedische Rabbiner einen Aufruf veröffentlicht. Darin heißt es, dass niemand, der nicht geimpft ist, Jeschiwot und Synagogen betreten darf. Trotz dieser radikalen Maßnahme ist ein Ende des Maserndramas aber noch immer nicht in Sicht.

Shoshana Bernstein, eine chassidische Mutter aus New York, bringt in der »New York Times« ihre Ablehnung des potenziell tödlichen Treibens der Impfgegner auf den Punkt: »Ein jüdischer Grundsatz, in dessen Geist jedes jüdische Kind erzogen wird, ist, die Freunde so zu lieben wie sich selbst. Das ist ein essenzieller Bestandteil unserer Persönlichkeit. Und deshalb ist die aktuelle Situation so extrem frustrierend: Sie ist nämlich das totale Gegenteil unseres jüdischen Wesens.«

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