Frau Friedman, Sie haben als Kind das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Nächste Woche werden Sie bei der Gedenkfeier zum Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag sprechen. Ist es das erste Mal, dass Sie nach Deutschland kommen?
Friedman: Nein, es ist bereits das dritte Mal. Früher wollte ich nicht nach Deutschland. Aber dann wurde ich plötzlich eingeladen. Letztes Jahr war ich in Bonn, wo ich im schönen Haus der Geschichte vor rund 200 Schülerinnen und Schülern sprechen durfte. Das war wunderbar. Und das andere Mal war ich mit meiner Enkelin für fünf Tage in Dachau, bei einer Jugendkonferenz. Nun folgt also mein dritter Besuch.
Wissen Sie schon, was Sie im Bundestag sagen werden?
Friedman: Ich muss die Rede noch einstudieren.
Können Sie schon etwas verraten?
Friedman: Es soll eine einfache, klare Rede werden. Ich werde langsam sprechen, denn es kommt auf jedes Wort an. Ich bin keine versierte Politikerin. Mir wurde gesagt, dass man etwas über meine Lebensgeschichte erfahren möchte. Also werde ich von meiner Kindheit und aus meinem Leben berichten. Darüber, wie ich im Alter von fünfeinhalb Jahren nach Auschwitz kam und welche Erfahrungen ich dort machen musste. Desweiteren werde ich erklären, warum es mir so wichtig ist, auch heute noch über dieses Thema zu reden. Und ich werde ein wenig auf die aktuelle Weltlage eingehen.
Hätten Sie sich vorstellen können, das Sie einmal zum deutschen Parlament sprechen werden?
Friedman: Ganz sicher nicht! Hätten Sie mir das vor fünf Jahren gesagt, ich hätte Sie ausgelacht. Ich wollte die deutsche Sprache nicht mehr hören. Und ich habe Angst vor deutschen Schäferhunden.
Löst das Bellen der Hunde bei Ihnen heute noch Erinnerungen an Auschwitz aus?
Friedman: Absolut. Nicht nur Erinnerungen an Auschwitz, an die ganze Kriegszeit. Seit ich zwei oder drei Jahre alt war, sind Schäferhunde für mich das Schrecklichste, was es gibt. Und bis vor kurzem dachte ich wirklich nicht daran, jemals nach Deutschland zu reisen.
Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Friedman: Dass hat etwas damit zu tun, dass Deutschland den Kampf gegen den Antisemitismus heute sehr ernst nimmt. Es ist momentan eines der wenigen Länder, das an unserer Seite steht. Das sage ich auch als Zionistin. Diese Unterstützung bedeutet mir viel. Deshalb bin ich froh, nach Deutschland zu kommen.
Dennoch gab es seit dem 7. Oktober 2023 auch in Deutschland einen dramatischen Anstieg antisemitischer Vorfälle.
Friedman: Sicher. Aber das ist ja überall passiert. Ich habe neulich einen Artikel über England gelesen. Man kann das Land kaum noch besuchen, so antisemitisch ist es geworden! Jedenfalls werde ich nicht tatenlos zusehen und einfach schweigen. Das ist nicht meine Art.
Viele sehen einen Zusammenhang zwischen dem wachsenden Judenhass und dem Konflikt im Nahen Osten. Glauben Sie, dass der Hass wieder abnimmt, wenn die Lage in Gaza befriedet ist?
Friedman: Wir Juden sagen immer: Auch das geht vorbei.
Mit anderen Worten: Sie sind optimistisch.
Friedman: Ja. Und wissen Sie warum? Weil wir Israel haben. Israel ist stark und beschützt uns. Der Antisemitismus ist uralt, er existiert seit mehr als 2000 Jahren. Doch die großen Völker, die uns auslöschen wollten, sind verschwunden: die antiken Griechen zum Beispiel, und die alten Römer. Wir Juden sind aber noch da. Wir waren schon vor 3000 Jahren da, und wir werden auch in 2000 Jahren noch da sein.

Doch warum existiert der Judenhass nach allem, was im Holocaust geschehen ist, fort?
Friedman: Ich wünschte, ich wüsste es. Es gibt dazu ja viele Theorien. Eine Gegenfrage: Was würden Sie antworten? Vielleicht gibt es unter Ihren Freunden oder Bekannten ja Antisemiten. Haben Sie die mal gefragt, warum sie so über uns denken? Ich habe in Deutschland viele gute Menschen getroffen, die herausgefunden haben, dass ihre Eltern oder Großeltern Nazis waren, selbst aber keine sind. Das gibt mir Hoffnung. Welche Erklärung die richtige ist, weiß ich auch nicht. Aber ich weiß, dass wir den Antisemitismus bekämpfen müssen. Wir werden nicht auch noch die andere Wange hinhalten!
Haben Sie Sorge, dass die junge Generation kaum noch weiß, was Ihnen und vielen anderen Juden in der Zeit des Holocaust angetan wurde?
Friedman: Das ist leider so. Viele wissen es nicht. Und hier kommt mein Enkel Aron ins Spiel. Durch seine Arbeit erreichen wir Millionen junger Menschen. Ich wünschte, wir hätten mehr Arons. Das wäre wunderbar.
Bekommen Sie viel Rückmeldung auf Ihre TikTok-Videos?
Viele sagen mir »Was für einen wunderbarer Enkel sie doch haben, dass er so etwas mit Ihnen macht«. Oder sie fragen mich, wie alt er sei. Auf der Straße sprechen mich Leute an: »Sind Sie nicht Arons Großmutter?« Neulich fragte mich jemand: »Ist der wirklich erst 20? Er wirkt schon so viel reifer«...
Goodman: Diese Geschichte höre ich gerade zum ersten Mal...
Herr Goodman, wann haben Sie begonnen, Videos mit Ihrer Großmutter zu drehen?
Goodman: Das war noch während meiner Schulzeit, 2021.
Waren die Clips sofort ein Erfolg?
Goodman: Nein, am Anfang nicht. Ich habe ihr gesagt: »Sei bitte nicht enttäuscht, wenn sich das niemand anschaut.« Aber nach ein paar Monaten, als ich mehr Clips gepostet hatte, wurde es langsam mehr.

Wie kam es dazu? War das Ihre Idee?
Goodman: Ja. Bei einem Schabbat-Essen fragte ich meine Großmutter, ob sie Lust hätte, was zu machen. Zuvor hatte ich viel Antisemitismus und Holocaustleugnung in den sozialen Medien gesehen. Ich sagte ihr: »Wir sollten mal über deine Geschichte sprechen«. Dann haben wir einfach angefangen.
Warum ausgerechnet auf TikTok?
Goodman: Das hat mehrere Gründe: Erstens kenne ich den Algorithmus gut und weiß, was funktioniert und was nicht. Zweitens habe ich auf TikTok extrem viel Antisemitismus gesehen. Es wurde wenig dagegen unternommen. Und drittens beziehen viele aus meiner Generation ihre Informationen nunmal von TikTok. Hinzu kommt: An vielen Schulen in den USA wird der Holocaust kaum oder gar nicht unterrichtet – besonders im Süden des Landes, aber auch in New Jersey. Diese Jugendlichen wollen wir erreichen und ansprechen. Und schließlich wollen wir Werbung machen für einen besseren Schulunterricht in punkto Holocaust.
Gibt es auf TikTok nicht überwiegend problematische Inhalte, gerade zu diesem Thema?
Goodman: Ich sehe unsere Videos nicht als Teil eines Wettbewerbs zwischen guter und schlechter Information. Manche sehen unsere Videos, andere sehen dagegen antisemitische Inhalte. Unser Ziel ist, Menschen zu erreichen, bevor sie irgendwelche Falschinformationen bekommen. Viele schreiben uns: »Ich habe zuvor noch nie was vom Holocaust gehört, aber jetzt bin auf euer Video gestoßen.« Genau darum geht es.
Frau Friedman, wussten Sie anfangs überhaupt, was TikTok ist?
Friedman: Meine Tochter hat mal für die Firma gearbeitet, die Tic Tac herstellt. Sie wissen schon, diese weißen Dragees. Das war alles, was ich bis dahin mit diesem Begriff in Verbindung brachte. Und ich dachte mir: Warum interessiert sich ausgerechnet eine Süßigkeitenfirma für den Holocaust? Aron hat mich dann aufgeklärt. Er hat mich gefragt: »Hättest du zwei Minuten Zeit?« Ich habe zurückgefragt: »Nur zwei Minuten?« Dann meinte er, »Länger schauen die Leute eh nicht zu«. Ich fragte ihn: »Wer wird sich das denn überhaupt anschauen?«. Wissen Sie, ich bin nicht ja nicht medienaffin, meine Generation tummelt sich nicht in den sozialen Medien. Aber wir haben dann zwei Fragen und Antworten gemacht, und zwei Wochen später hat mir Aron dann gesagt: »Einige Leute reagieren darauf.« Ich fragte ihn: »Welche Leute sind das?« Und so hat alles angefangen. Er hat mir beigebracht, wie es funktioniert.
Wie viele Videos haben Sie inzwischen produziert?
Goodman: Mehr als 200. Ich stelle ihr Fragen und sie antwortet dann, fünf bis zehn Minuten. Dann schneide alles auf die passende Länge zusammen.
Was ist die passende Länge?
Goodman: Früher waren das nur 15 bis 30 Sekunden, jetzt ist tendenziell über eine Minute, weil das mittlerweile vom Algorithmus bevorzugt wird. Aber es ist sehr schwer, aus zehn Minuten die wichtigsten 60 Sekunden auszuwählen.
Schwer, aber nicht unmöglich?
Friedman: Sagen wir mal so: Es ist eine Kunst. Und Aron beherrscht sie. Er sagt mir auch, welche Wörter funktionieren und welche nicht. Er steckt viele Stunden Arbeit in jedes dieser Videos.
Aron, Sie studieren in St. Louis, Ihre Großmutter lebt in New Jersey. Wie bringen Sie das logistisch auf die Reihe?
Goodman: Wenn ich sie in meinen Semesterferien sehe, filme ich sie mehrere Stunden. Das reicht dann für mehrere Videos. Die schneide ich dann, wenn ich wieder am College bin.
Und wie wählen Sie die Themen aus?
Goodman: Viele der Fragen kommen von den Zuschauern selbst. Hinzu kommt: Ich kenne die Lebensgeschichte meiner Großmutter mittlerweile sehr gut und ich habe eine Vorstellung davon, was die Menschen interessieren könnte und was vielleicht weniger. Außerdem habe ich natürlich ihre bisherigen Videos parat. Manchmal greifen wir auch auch Fragen zu aktuellen Nachrichten auf. Wir haben das Thema inzwischen über den Holocaust hinaus erweitert und diskutieren auch Fragen zum jüdischem Leben heute, beispielsweise zu den Angriffen auf Juden in Amsterdam oder zum 7. Oktober 2023.
Wollen Sie mit den Clips auch Debatten anstoßen?
Goodman: Nein. Wir haben zwei Ziele: Informationen über den Holocaust verbreiten und eine möglichst große Reichweite erzielen. Wir vermeiden bewusst auch die innenpolitische Kontroversen. So wollte »Fox News« mal ein Interview über einen Trump-Beamten und Antisemitismus führen. Aber das habe ich abgelehnt. Wir wollen möglichst viele Menschen erreichen.
Woher kommen die Leute, die sich Ihre Videos anschauen?
Goodman: Die meisten sind aus den USA, was am TikTok-Algorithmus liegt. Aber rund 25 bis 30 Prozent kommen aus dem Ausland. Wir haben Zuschauer in der ganzen Welt. Sogar in Kenia wurde meine Großmutter mal erkannt. Australische Schulen schreiben uns an, und auch in Indien und Aserbaidschan kennen uns Leute.
Haben Sie auch schon über Übersetzungen in andere Sprachen nachgedacht?
Goodman: Ja, vor allem auf Spanisch. Vielleicht werde ich das mal mit Freunden machen, die Spanisch können. Oder mit einer KI. Wir haben auch mal ein Video auf Jiddisch gemacht. Ein Viewer wollte nämlich wissen, wie viele Sprachen meine Großmutter spricht, und Jiddisch ist eine davon.
Und welches Ihrer Videos war am erfolgreichsten?
Goodman: Das, in dem sie ihre eintätowierte Auschwitz-Nummer zeigt. Denn da können alle sehen, dass das nicht nur eine Erzählung ist, sondern dass es einen sichtbaren Beweis gibt.
Frau Friedman, Sie haben vorhin Israel erwähnt. Haben Sie das Gefühl, die Welt wendet sich vom jüdischen Staat ab?
Friedman: Absolut.
Warum tut sie das?
Friedman: Weil viele Leute einfach nicht wissen, was passiert. Menschen suchen sich Sündenböcke - zum Beispiel, weil die Wirtschaft nicht so gut läuft. Die Deutschen glaubten im Krieg auch, ihr Leben würde besser, wenn sie die Juden umbringen. Aber ich sage allen: Wir lassen uns nicht mehr zum Sündenbock machen! Ich habe mal an einer Universität im Mittleren Westen der USA gesprochen, an der es zuvor antisemitische Demonstrationen gegeben hatte, obwohl dort eigentlich gar keine Juden leben. Ich habe den Uni-Präsidenten gefragt: »Warum laden Sie mich ein, hier gibt’s doch gar keine Juden?« Er hat mir geantwortet: »Gerade deshalb habe ich Sie eingelanden. Weil hier gegen Menschen protestiert wird, die die Demonstranten gar nicht kennen.« Das ist genau der Punkt: Viele Leute kennen uns nicht.
Goodman: Ich habe in New York gearbeitet und ich fühle mich dort sicher. Das Einzige, was mich richtig schockiert hat, war der Preis für ein U-Bahn-Ticket.
Was müsste getan werden, um die Welt sicherer für Juden zu machen?
Friedman: Man müsste uns kennenlernen. Ich meine, wirklich kennenlernen. Wir Juden sind das Volk der Schrift. Bildung ist unser Ein und Alles. Ich werde dieses Jahr 88, aber ich lerne immer noch. Ich mache drei Kurse am Tag - per Zoom. Wir waren nie ein Volk des Schwertes. Leider zwingt die Welt uns dazu, eines zu werden. Ach, wenn die Menschen uns doch nur kennen würden.
Was passiert, wenn es keine Schoa-Überlebenden mehr gibt, die selbst berichten können?
Friedman: Aron, was denkst du, wie wird das sein?
Goodman: Ich weiß nicht, ob unsere Generation fähig sein wird, ein solches Vermächtnis weiterzutragen. Das ist eine riesige Herausforderung. Du bist der lebende Beweis für die Schoa. Du kannst aufstehen und sagen: »Ich war dort, ich war in Auschwitz.« Aber in zehn oder zwanzig Jahren wird es niemanden mehr geben, der das noch sagen kann. Wir werden dann für euch aufstehen müssen. Und das ist eine große Verantwortung. Man hört heute Stimmen, die den Holocaust leugnen. Aber man hört viel zu selten die Stimmen der Vernünftigen, die die Geschichte kennen. Wir müssen weg von der Haltung »Über den Holocaust weiß doch jedes Kind Bescheid«. Das ist nicht so. Es gibt Menschen, die nichts darüber wissen. Wir müssen das ändern.
Friedman: Ich denke oft: Menschen wie Sie – Christen, die Juden kennen, die schreiben, die aufklären – die sind wichtig. Antisemiten hören vielleicht eher auf Sie und das, was Sie schreiben, als auf Leute wie mich. Bei mir denkt man vielleicht, ich hätte ein persönliches Interesse, aber Sie haben das nicht. Wir brauchen die Nichtjuden im Kampf gegen den Antisemitismus.
Sind die Menschen überhaupt offen für die Ansprache? Oder haben sie nicht häufig schon verfestigte Meinungen?
Friedman: Viele sind einfach unwissend. Sie brüllen Slogans wie »From the River to the Sea«, ohne überhaupt zu wissen, welches Meer da gemeint ist. Manche wissen ja nicht einmal, wo Israel liegt.
Goodman: Es gilt, immer wieder neue Menschen zu erreichen. Das ist unsere Lebensaufgabe. Und sie endet nie.
Friedman: Und wir müssen sie nicht nur einmal erreichen, sondern immer und immer wieder. Menschen brauchen die Wiederholung, um etwas wirklich zu verstehen und zu verinnerlichen. Solange es Antisemitismus gibt, müssen wir weitermachen. Und wir müssen die Lehrer gut ausbilden.
Apropos Lehrerausbildung: Yad Vashem plant ein Holocaust-Bildungszentrum in Deutschland. Was halten Sie davon?
Friedman: Das ist eine gute Sache. Es sollte in jedem Land eines geben. Das würde ich mir jedenfalls sehr wünschen.

Zur Person
Tova Friedman wurde am 17. September 1938 als Tova Grossman in Gdynia unweit von Danzig geboren. Mit fünf Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Sechsjährige war zusammen mit weiteren Kindern schon in einem Vorraum der Gaskammer. Doch sie überlebte, weil es einen technischen Defekt gab und die Ermordung von der SS abgebrochen wurde.

Nach dem Krieg verbrachte das Mädchen mehrere Jahre in einem deutschen Sanatorium für Tuberkulosekranke sowie in verschiedenen Displaced-Persons-Lagern. 1950 wanderte Friedman mit ihren Eltern in die USA aus. In New York studierte sie Psychologie und Literatur. Mit ihrem Mann Maier Friedman ging sie für zehn Jahre nach Israel und lehrte dort an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Später leitete sie dann einen jüdischen Familienberatungsdienst in New Jersey. Bis heute arbeitet Tova Friedman dort als Therapeutin.
Auf dem von ihrem Enkel Aron Goodman betreuten TikTok-Profil, auf dem sie in Kurzvideos über ihre Erfahrungen in Auschwitz berichtet und Fragen von Jugendlichen beantwortet, folgen Friedman mittlerweile 520.000 Menschen. 2022 veröffentlichte sie gemeinsam mit Malcolm Brabant ihre Erinnerungen in dem Buch »Ich war das Mädchen aus Auschwitz« (Penguin-Verlag), das lange Zeit auf der »Spiegel«-Bestsellerliste stand.
Das Interview mit der 87-Jährigen, die die Gedenkrede zum 27. Januar im Bundestag halten wird, und ihrem Enkel Aron Goodman (20) führte Michael Thaidigsmann.