Niederlande

In die Brüche gegangen

Ohne Rückhalt: Rabbiner Aryeh Ralbag

Ein Ozean – so weit ist Rabbiner Aryeh Ralbag von seiner Gemeinde entfernt. Geografisch gesehen ist das nichts Neues. Seit er 2005 sein Amt als Oberrabbiner der Nederlands‐Israëlitisch Hoofdsynagoge (NIHS) antrat, kommt Ralbag alle zwei Monate aus Brooklyn, um sich dem Lauf der Dinge an der Amstel zu widmen.

Inzwischen aber ist die Distanz auch eine inhaltliche. Stein des Anstoßes ist die sogenannte Declaration on the Torah Approach to Homosexuality, eine Erklärung von Menschen, die »ihre homosexuellen Gefühle besiegt« haben, und einigen US‐amerikanischen Rabbinern, die deren »mutigen Weg unterstützen«.

Reue Zu den bis dato mehr als 200 Unterzeichnern gehörte im Januar auch Ralbag. Er bestätigt damit die Auffassung, »gleichgeschlechtliche Anziehung« sei wie andere Verhaltensweisen »änderbar«. Im Einklang mit der Tora können durch Reue und Therapie die »natürliche Geschlechtsidentität« wiederhergestellt und »emotionale Wunden, die zur Desorientierung führten«, geheilt werden.

Dass Ralbag hinter seinen Namen auch seine Funktion in Amsterdam setzte, war für die Gemeindeleitung zu viel. Sie enthob ihren Oberrabbiner vorübergehend seines Amtes. In einer Stellungnahme betonte sie, Homosexuelle seien in der Gemeinde willkommen.

Disput Als Ralbag im Februar das nächste Mal über den Atlantik kam, stand der Disput oben auf der Agenda. Dabei ließ der Oberrabbiner verlauten, er hätte die umstrittene Erklärung besser nicht unterschrieben. Die NIHS hob seine Suspendierung auf, doch von geklärten Verhältnissen kann keine Rede sein. Ralbag steht dieser Tage noch immer auf der Online‐Unterzeichnerliste der Erklärung – allerdings ohne Erwähnung seiner Funktion in Amsterdam. Dort ist man sich in Bezug auf ihn alles andere als sicher: »Sein Vertrag läuft nächstes Jahr aus«, sagt Verwaltungsmitglied Nathan Bouscher. »Also kommt bald die Frage wieder auf, ob wir mit ihm weitermachen.«

Offenbar steht das Thema bereits jetzt auf der Tagesordnung. Dem Lokalsender AT5 zufolge sprach sich Ende März ein Drittel des 30‐köpfigen Gemeinderats gegen Ralbag aus. Grund dafür soll auch die »Fernbeziehung« sein. In dem Bericht wird Gemeindedirektor Benno van Praag zitiert: »Am besten wäre es, wenn der Rabbiner in Amsterdam wohnt.«

Ralbags vorzeitiger Abschied stehe allerdings nicht zur Debatte. Derzeit sieht es eher nach einem schleichenden Ende aus. Nathan Bouscher, Vertreter der größten Fraktion Kol Chadash, sagte der Jüdischen Allgemeinen, Ralbags Reisebudget sei gekürzt worden, wodurch dieser künftig seltener in die Niederlande kommen werde. Bei Kol Chadash habe Ralbag »überhaupt keinen Rückhalt mehr« und könne demnach nicht länger als Oberrabbiner amtieren.

Spagat In absehbarer Zeit dürften sich damit die Wege des Rabbiners und der Amsterdamer Gemeinde trennen. Dieser besonderen transatlantischen Konstellation widmete der jüdisch‐niederländische Fernsehsender Joodse Omroep vor Jahresfrist eine Dokumentation mit dem Titel »Oberrabbiner in zwei Welten«. Ralbag erklärt darin seinen Spagat wie folgt: Seine Gemeinde in Brooklyn sei »truly orthodox«, die in Amsterdam dagegen eine »Einheitsgemeinde«, deren Mitglieder mehrheitlich nicht halachisch lebten.

Ralbag, dessen Ehefrau aus Antwerpen stammt und der bereits zwischen 1975 und 1983 in Amsterdam tätig war, genoss dort bislang einen Ruf als Brückenbauer zwischen Reform und Tradition. Er engagierte sich für die Wiedereinführung eines Eruvs und für die Zulassung von Frauen zum Gemeinderat. Kritiker wiesen trotzdem auf die Gefahr hin, dass Ralbag mit den Befindlichkeiten seiner europäischen Gemeinde nicht hinreichend vertraut sei und »amerikanisches Fleisch mit niederländischer Milch mische«, wie die »Times of Israel« kürzlich konstatierte.

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