Belfast

Im Schatten der Konflikte

Während sich manche jüdische Gemeinde in Europa hinter massiven Sicherheitsschleusen und hohen Mauern verschanzt, bleibt die kleine Gemeinschaft der Belfaster Juden entspannt. Rabbiner Daniel Singer geht in seiner ultraorthodoxen schwarzen Tracht ohne Probleme durch die Stadt. »Die Leute grüßen mich in meiner offensichtlich jüdischen Kleidung freundlich«, sagt der 59-Jährige, »aber wir bleiben wachsam.« Von der nordirischen Polizei fühlt er sich »gut beschützt«.

»Beendet den israelischen Völkermord in Gaza« hat jemand in akkuraten weißen Druckbuchstaben auf die Falls Road gesprüht. Hier begann 1969 der Aufstand benachteiligter Katholiken gegen die britische Herrschaft in Nordirland. Inzwischen erholt sich das Quartier von fast 40 Jahren Bürgerkrieg. Die Immobilienpreise steigen. Neue Läden und Cafés locken Besucher auch aus anderen Stadtteilen an.

Haushohe Wandbilder erinnern an den »Troubles« genannten Krieg. Zwischen Bildern von Straßenschlachten der 70er- und 80er-Jahre fordert eines die sofortige Ausweisung aller israelischen Diplomaten. Das Gemälde zeigt weinende Frauen und Kinder auf der Flucht vor finsteren, schwer bewaffneten Gestalten: Soldaten der Zahal. Im Hintergrund brennt Gaza. »Boykottiert israelische Produkte«, heißt es auf zahlreichen Aufklebern an Verkehrsschildern. An fast jedem zweiten Haus weht eine palästinensische Fahne.

In der Sunflower Bar kündigt ein Liedermacher sein Solidaritätskonzert für die Palästinenser an: »Leute, es gibt viele Juden, die wie wir gegen die Politik der israelischen Regierung sind. Differenziert, bitte.«

Eine irische Stadt leidet mit den arabischen Opfern des Gaza-Krieges? »Wir hatten doch auch Besatzer hier, die Briten«, mault ein Passant kurz angebunden auf die Frage nach den Gründen für die Palästina-Begeisterung an der Falls Road. Mehr sagt er nicht. »Die Sch... Juden ermorden Kinder«, behauptet ein anderer, sichtlich Angetrunkener.

Volkszählung »Die sind nicht dumm, sondern unwissend«, vermutet Michael Black. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Nordirland schließt daraus keine Bedrohung: »Aber Israels PR hat hier noch viel zu tun.« In der jüngsten Volkszählung 2011 bezeichneten sich nur 335 der rund 1,5 Millionen Nordiren als Juden. Die Belfaster Gemeinde zählt etwa 80 Mitglieder.

An den Feiertagen ist die Synagoge im 1964 erbauten kreisrunden Gemeindezentrum gut besucht. »Zu den Schabbatgottesdiensten kommen regelmäßig rund 40 Leute«, freut sich Rabbiner David Singer. Er führe die Gemeinschaft nach orthodoxen Regeln, mag aber »keine Etiketten«. Die nichtjüdischen Partner der Gemeindemitglieder seien willkommen, ebenso weniger fromme Juden. Jeder sei auf seine Weise mehr oder weniger jüdisch.

Entstanden ist die Belfaster Gemeinde Mitte des 19. Jahrhunderts. Stoffhändler kamen aus Deutschland, um in den florierenden Leinewebereien einzukaufen und deren Produkte zu exportieren. Ende des Jahrhunderts zogen immer mehr osteuropäische Juden auf der Flucht vor den Pogromen nach Belfast. Die Gemeinde zählte um 1900 mehr als 1000 Mitglieder.

Titanic In der Innenstadt erinnert der Jaffe-Brunnen an den Gründer der Gemeinde, Daniel Joseph Jaffe. Sein Sohn Otto (1846–1929) wurde Anfang des 20. Jahrhunderts Oberbürgermeister. Gustav Wolff, deutschstämmiger Gründer der Werft Harland & Wolff, hat ebenfalls jüdische Wurzeln. 1912 lief beim damals weltgrößten Schiffbauunternehmen die »Titanic« vom Stapel.

Während des Zweiten Weltkriegs nahm die Gemeinde mit Unterstützung aus der Stadt jüdische Flüchtlinge vom europäischen Festland auf. 80 von ihnen betrieben eine Farm nach dem Muster der Kibbuzim. Nach Beginn des Bürgerkriegs 1969 zogen vor allem junge Juden aus Belfast weg. Die Gemeinde schrumpfte schnell. Gespalten hat sie sich nie. Dass es hier immer nur eine Gemeinde und eine Synagoge gab, findet Rabbi David Singer »bemerkenswert«.

Singer sieht mit seinem weißen Rauschebart aus wie ein Schtetl-Rabbi aus den Romanen seines osteuropäischen Namensvetters. Er ist in Birmingham aufgewachsen und hat lange in Jerusalem gelebt. In druckreifem Englisch doziert er im holzvertäfelten Studierzimmer der Gemeinde über Bedeutung und Symbolik des jüdischen Kalenders.

Jeden Dienstag um 15 Uhr versammeln sich rund zehn Teilnehmer zum Unterricht. Besonders aufmerksam hört ein kräftiger junger Mann zu, der fast den gesamten Vortrag mitschreibt: Robin Linstrom will Jude werden.
Vor wenigen Jahren hat der 43-Jährige seine jüdischen Wurzeln entdeckt. Sein Ur-Ur-Großvater war aus dem damals russischen Finnland nach Nordirland geflohen, wo er eine Belfasterin heiratete. Damit ist die jüdische Tradition verloren gegangen. Linstrom ist in einer evangelisch-presbyterianischen Gemeinde aufgewachsen. In der Kirche habe er viel über das (sogenannte) Alte Testament gelernt. Aus Gottes Geboten schließt er: »Wir müssen für dieses Volk einstehen.«

Da war es für den Christen naheliegend, selbst Jude zu werden. Für seine Überzeugung nimmt der Ingenieur einiges in Kauf: »Leute haben mir Hakenkreuze und ›Tötet Juden‹ ans Haus geschmiert, die Scheiben eingeworfen.« Angst habe er nur um seine zwölfjährige Tochter, die ihn gelegentlich zum Unterricht in der Schul begleitet.

Milizen Seit die protestantischen Nordiren im Zuge des Friedensprozesses immer mehr Privilegien verlieren, kippt in ihren Vierteln die Stimmung. Viele igeln sich ein. In manchen Straßen regieren nach wie vor aggressive Milizen wie die Ulster Volunteer Force UVF, die für ein britisches Nordirland kämpft.

Mit ihnen will Linstrom nichts zu tun haben: Angeblich kämpften sie »für Gott und Ulster. In Wirklichkeit rauben und morden sie, um die Menschen einzuschüchtern und zu beherrschen«. Viele militante Streiter für die Union mit Großbritannien fühlen sich als »Kämpfer gegen Terroristen«. Deshalb schmücken sie ihre Siedlungen gerne mit israelischen Fahnen. »Juden«, sagt Linstrom, »mögen sie trotzdem nicht. Viele arbeiten mit rechtsextremen Gruppen aus England zusammen.«

Der untersetzte, bärtige Mann spricht leise, langsam und bedächtig, als wäge er jedes Wort sorgfältig ab. Wie sein Bruder hat er »der Krone, den Menschen und Nordirland« in der britischen Armee gedient. Gerne zitiert er den Satz seiner ehemaligen (katholischen) Geschichtslehrerin: »Es gibt drei Versionen unserer Geschichte: die protestantische, die katholische und die Wahrheit.« Verstehen könne man sie nur, wenn man für keine Seite Partei ergreife.

Die jüdische Gemeinde hat sich daran gehalten. Die »Troubles« und ihre Nachwirkungen nennt Rabbi David Singer »politischen Fanatismus, der Katholiken und Protestanten betrifft, nicht die Juden. Unsere einzige Aufgabe kann es, wenn überhaupt, nur sein, den Beteiligten noch mehr als bisher aktiv zuzuhören.«

Palästina Eine Frau um die 50, die dem Vortrag von Rabbi Singer schweigend gefolgt ist, sagt auf dem Weg nach draußen: »Ich fühle mich hier nicht mehr so wohl.« Die lautstarke anti-israelische Palästina-Solidarität in manchen katholischen Belfaster Vierteln schlägt ihr auf die Stimmung. Tatsächlich haben Unbekannte Anfang August eine Scheibe des Gemeindezentrums eingeworfen. Die Plakette am Geburtshaus des ehemaligen israelischen Staatspräsidenten Chaim Herzog ist verschwunden. Die Polizei sucht nach den Tätern.

Dass das irische Parlament in Dublin nun am Montag (ebenso wie das britische Unterhaus am 14. Oktober) beschlossen hat, die eigene Regierung zur Anerkennung eines palästinensischen Staates aufzufordern, wird auch unter Juden diskutiert. Rabbi David Singer betont allerdings, er selbst wolle zwischen Glauben und israelischer Politik unterscheiden: »Die Politik Israels, wie immer man sie auch bewertet, hat nichts mit dem Judentum als Religion zu tun.«

Bonn/Berlin

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