Ukraine

Im Schatten der Drohnen

Odessa – mit Yuliya im Videochat. Abends, halb zehn. Bei ihr hört man im Hintergrund die Drohnen und die Abwehrflak. Bei mir auch. Sie lebt in der Nähe von Arcadia, einem Viertel direkt am Strand, vor dem flächendeckenden Angriffskrieg der Touristen-Hotspot mit Beach-Klubs und Vergnügungstrubel. Ich bin in der Altstadt, vielleicht 20 Minuten mit dem Auto entfernt.

Wir hören beide die Einschläge. Ihr Bildschirm leuchtet ab und zu hell auf. Immer, wenn es einen Drohnentreffer gibt. Von meiner Unterkunft aus sehe ich nichts, aber ich höre die Einschläge bis ins Badezimmer, in dem ich mich verstecke. Bei Yuliya sieht man mehr, ihre Wohnung ist dunkel, seit drei Wochen hat sie so gut wie keinen Strom. Ihr Bunker ist zehn Minuten entfernt. Und nicht geheizt. Aktuell sind es minus zwölf Grad.

Seit 2022 wird Odessa angegriffen – besonders der Hafen

Seit 2022 wird Odessa angegriffen – besonders der Hafen. Ab Mitte 2023 dann auch regelmäßig die Innenstadt. Bis dahin hat man sich abends noch verabschiedet mit den Worten: »Stay safe!« Mittlerweile wünscht man sich nur noch eine »ruhige Nacht«. Schlafentzug, Dauerstress, getötete Freunde und Verwandte. Das hinterlässt Spuren. Abstand schaffen, irgendwie.

Yuliya Ishchuk spricht über den Krieg, als ob er woanders stattfinden würde. Distanziert, kalt, nüchtern. Weinst du eigentlich manchmal noch? »Ich habe keine Tränen mehr. Außerdem müsste ich dann die ganze Zeit heulen«, sagt sie. Im Alltag hat sie ebenso wenig wie alle meine Freunde keine Zeit für Tränen.

Kein Strom bedeutet auch keine Heizung. Also macht Yuliya sich in der Küche – sie hat zum Glück einen Gasherd – einen Topf Wasser heiß, Wasser hält die Wärme. Wahlweise werden Backsteine auf den Gasherd gelegt, die dann im Bett wie eine Wärmflasche wenigstens ein paar Stunden Hitze abgeben. Wärmflasche geht auch, wenn man einen Gasherd hat …

Aus Heimweh ist Yuliya zurückgekommen nach Odessa, weil das »meine Stadt« ist

Yuliya hat lange in Los Angeles gelebt. Aus Heimweh ist sie zurückgekommen nach Odessa, weil das »meine Stadt« ist. Sie hat ein großes Restaurant direkt am Meer gemanagt, zwei Etagen, Terrassen, direkter Zugang zum Strand – das funktioniert mittlerweile nur noch im Not­betrieb.

Heute arbeitet Yuliya in einem Technologiekonzern, der militärische Abwehrsysteme produziert und einkauft. Sie hat Glück. Ein, wenn auch nicht gut bezahlter, aber immerhin bezahlter Job. Die Wirtschaft ist am Boden, Mindestlohn existiert nicht, beinahe alle meine Freunde sind finanziell am Ende. Dennoch stemmen sie sich gegen den Krieg – und engagieren sich unbezahlt für ihre Landsleute.

Wochenlang ist die Energieversorgung systematisch zerstört worden. Die Bilder aus Kyjiw gingen um die Welt.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mit Yuliya in Frontgebiete gefahren bin, um Lebensmittelpakete mit dem Nötigsten zu verteilen, an die, die nicht geflüchtet sind. In den Oblast Kherson, drei Stunden Fahrt. In Dörfer unter Beschuss, die russisch besetzt waren, dann überschwemmt wurden, weil die Russen den Damm sprengten. Orte, deren Zufahrtsstraßen unter Dauerbeschuss durch Drohnen stehen. »Immer, wenn ich zurück nach Odessa komme, fühle ich mich in Sicherheit«, sagt Yuliya. Sicherheit?

Kein Strom, kein Wasser und kein Netz

Wochenlang ist die Energieversorgung systematisch zerstört worden. Die Bilder aus Kyjiw gingen um die Welt. Dass es in Städten wie Odessa unabsehbar lange keinen Strom, kein Wasser und kein Netz gibt, taucht in der Berichterstattung nur selten auf. Als ich nach drei Tagen das erste Mal wieder heiß duschen kann, verwandele ich das Bad in eine Dampfsauna.

Von den ehemals 1,2 Millionen Einwohnern sind rund 700.000 in Odessa geblieben. »Vor dem Krieg lebten rund 70.000 Juden in der Stadt, heute sind es vielleicht noch 30.000«, schätzt Schnejhor Wigler von der Chabad-Gemeinde. Odessas jüdische Community ist groß – in Deutschland kann man davon nur träumen. Doch die wenigsten sind in den Gemeinden erfasst. Bei fast jedem Abendessen, bei jeder größeren Gruppe, in die man hineinstolpert, stellt sich irgendwann heraus, dass einige jüdisch sind. Man erfährt es zufällig.

Seit der Gründung der Stadt leben hier Juden, die nicht isoliert in einem Ghetto wohnen, sondern selbstverständlicher Teil der Nachbarschaft sind. Sie besteht aus einigen Muslimen, die einst übers Schwarze Meer kamen, und aus der sogenannten indigenen Bevölkerung, zu der Juden untrennbar dazugehören. Auch die muslimische Community hat kein Ghetto. Die Synagoge in der Innenstadt – eine von drei – liegt nur eine Parallelstraße von der Moschee entfernt. Das Mit- und Nebeneinander ist Alltag in Odessa.

Vor der Synagoge stehen keine Sicherheits- oder Polizeiposten. Anders als in Deutschland besteht jüdischer Alltag hier nicht aus Sicherheitsmaßnahmen. Gibt es denn keinen Antisemitismus in Odessa, frage ich Schnejhor Wigler. Die Antwort ohne zu zögern: »Nein.« Wenn es einer wissen muss, dann er.

Mindestlohn existiert nicht, beinahe alle sind finanziell am Ende.

Doch Odessa ist nicht Disneyland. Als an Chanukka der Leuchter oben an der berühmten Potemkinschen Treppe entzündet wurde, gab es in sozialen Medien Kommentare wie: »Warum verschwenden wir Energie? Was haben Juden denn für uns getan?« 500 Meter weiter allerdings leuchtete ein sechs Meter hoher Weihnachtsbaum. Antisemiten gibt es eben doch überall.

Die Gemeinde klappert regelmäßig den Freundeskreis ab, um an Spenden zu kommen

Schnejhor Wiglers Gemeinde führt ein Waisenhaus – unter anderem für Kinder, deren Väter von russischen Soldaten getötet wurden. Eben hat er einen Generator zu einer über 80-jährigen Schoa-Überlebenden gebracht. Sie sitzt allein in ihrer kalten Wohnung. Von wem kommt das Geld? »Haschem.« Kann man so sehen, entspricht aber nicht zu 100 Prozent der Realität – die gesamte Gemeinde klappert regelmäßig den Freundeskreis und das Netzwerk ab, um an Spenden zu kommen.

Man muss schon aktiv sein, damit die Kasse klingelt. Und der Ukraine-Krieg ist für die meisten außerhalb des Landes nach vier Jahren zu einem Hintergrundrauschen geworden, an das man sich gewöhnt hat. Geld kommt kaum noch hier an. »Ich habe schon gespendet« – ein Mantra, das man in Deutschland von vielen hört.

In der Ukraine aber helfen selbst die, die vor dem Nichts stehen. Stella Moshkovich und Margarita Frigan sitzen im Kids Club in der Innenstadt, sie mussten aus Kherson nach Odessa flüchten. Für die noch verbliebenen 70.000 Menschen dort ist der Weg zum Markt lebensgefährlich. Die Russen jagen mit kleinen FPV-Drohnen Menschen und töten sie gezielt. Für die Mörder ist es ein Videospiel. Sie beobachten über ihre Kameras die Bewegungen und halten dann drauf.

Durch die Drohnen hat sich die Kampfzone auf 20, 30 Kilometer ausgeweitet

Ganz generell ist der Krieg über die Jahre nicht mehr klassisch zu lokalisieren mit einer Front, an der gekämpft wird. Durch die Drohnen hat sich die Kampfzone auf 20, 30 Kilometer ausgeweitet, in der jede Bewegung, jede Sichtbarkeit tödlich sein kann.

Stella und Margarita suchen in Odessa Sicherheit. Als Binnenflüchtlinge erhalten sie in der Ukraine 50 Euro monatlich, ein Vierteljahr lang. Ein Zimmer in Odessa kostet 150 Euro, vielleicht 200. Da bleibt nicht mehr viel übrig zum Leben. Die beiden Frauen berichten vom jüdischen Leben in Kherson und davon, wie sie in Odessa andere Flüchtlinge ehrenamtlich unterstützen. Selbst haben sie nichts, und dennoch helfen sie jenen, denen es noch schlechter geht. Eine Mizwa.

Spielt es eine Rolle, ob sie jüdisch sind? Diese Frage erwidern selbst orthodoxe Juden mit einem irritierten Blick. Yuliya bringt es auf den Punkt: »Wie komme ich dazu, Gott zu spielen und zu entscheiden, wer Unterstützung bekommt oder nicht?« In Odessa herrscht das Prinzip: Sei a Mentsch.

Liechtenstein

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