Österreich

Hut Couture

Da die Gewürze, dort das Gemüse, weiter vorne Döner und dann, in einem kleinen Kiosk am Rande des Naschmarkts: Hüte. Da steht er: Nuriel Molcho – 39 Jahre, Leinenhemd, Schlabberhose, bunte Schlappen, Locken auf dem Kopf, ein Lächeln im Gesicht. Gastronom ist er und Hutmacher.

Das Lokal Neni im Nebenkiosk und dem Marktstand gegenüber hat Molcho mit seiner Mutter und den Brüdern gegründet. Menschen sitzen da an Tischen bei Mezzes, Falafel und einem Glas Wein.

Und da ist dieser kleine Laden daneben, den Nuriel Molcho zu einer Art Hobbyraum gemacht hat. Zumindest beschreibt er, was er macht, als Hobby: Hüte. Aber es ist viel mehr als ein Hobby. Der Laden ist das Atelier von »Nomade Moderne«.

coolneSs »Nomade Moderne« macht Hüte nach Maß, individuell angefertigt nach den Wünschen des Kunden. »Ein cooler Hut ist einer, mit dem sich der Träger identifizieren kann, einer, den jemand mit Selbstbewusstsein trägt«, sagt Molcho. Er ist ein Spätberufener in seinem Fach. Vor sieben Jahren hat er damit begonnen, Filz zu formen. Die Gründe, wieso er diesen Weg eingeschlagen hat, sind haarig.

Mit den Haaren hat alles begonnen vor sieben Jahren. Darauf folgten die Versuche, die Patzer, die Pannen. Einen Hut habe er sich machen wollen, sagt Nuriel Molcho, um die Haare zu verstecken, die er sich damals habe wachsen lassen: Er hat Locken. Dichte Locken. »Zwischendurch sieht das ja immer wieder mal blöd aus«, sagt er. Vor allem sollte der Hut die Haare verstecken und den eigenen Ansprüchen genügen. Vor allem aber sollte sein Hut keiner von der Stange sein.

Und so hat er sich umgehört, Hutmacher besucht, sich Filz und Formen beschafft und dann gewalzt, gedampft, geflämmt, gebügelt und in der Sonne trocknen lassen.

So ein Hut ist kein billiger Spaß: Um die 700 Euro kostet das Stück.

Die Krempe habe er nicht gerade bekommen, erzählt Molcho über seine ersten Versuche. Beim Anbrennen habe er dann Flecken verursacht, die er nicht wieder wegbekommen habe. Aber egal. Und wie sich herausgestellt hat, war das nicht nur egal – sondern genau das, was den Blick so mancher erst einfing.

»In der Gastronomie trifft man viele Leute, und viele Leute haben mich angesprochen auf diesen coolen Hut.« Also hat er weitergemacht. So ist aus dem Projekt, das eigentlich nie eines sein sollte, doch eines geworden – und letztlich sogar eine Marke mit festem Kundenstamm: »Nomade Moderne« – ein Name, der die Internationalität widerspiegelt und zugleich seine Initialen in sich trägt: NM. »Doch das Schwierige ist, die vermeintlichen Fehler, die man einmal gemacht, und die Effekte, die man damit erzielt hat, genauso zu wiederholen«, sagt Nuriel Molcho über die Brandflecken.

Aber mit der Übung kommt die Routine. Und Übung hat er: Über den Daumen gepeilt macht Nuriel Molcho mittlerweile 80 Hüte pro Jahr. Sich selbst aber, sagt er, dürfte er nur einen pro Jahr machen – so will es seine Frau Audrey.

QUALITÄT So ein Hut nach Maß ist kein billiger Spaß: 700 Euro kostet das Stück. Schließlich ist das Hutmachen ein Gewerbe, das es in dieser Qualitätsliga so gut wie gar nicht mehr gibt. Hüte, die beim ersten Regen die Form verlieren, kann man für 20 Euro im Modegroßmarkt kaufen. »Das ist Fast-fashion«, sagt Molcho und winkt ab. »Das sind wir nicht.« Eher das Gegenteil: So ein Hut braucht Zeit. Zwei Wochen mindestens.

Die Hutmacherei ist ein aussterbendes Fach. Molcho bestellt sein Werkzeug, die hölzernen Formen und die Materialien nicht online im Großhandel. Vielmehr sind Flohmärkte die Orte, wo er findet, was er braucht. Hutbänder und sonstige Zierde, Stoffe aus Rumänien, Broschen aus Afghanistan, Bänder aus Frankreich, alles lagert in kleinen Schubfächern fein sortiert in Molchos Laden.

Jeden Samstag gehe er zum Flohmarkt, der größte in Wien ist am Ende des Naschmarkts, nur ein paar Schritte entfernt. Lediglich die Hut-Rohlinge bestellt Molcho: aus Hasenfilz – ein Abfallprodukt der Fleischindustrie. Biberfilz ist von höherer Qualität, aber Biber würden eigens für die Produktion dieses Filzes gezüchtet und nur dafür getötet. Das will Molcho nicht.

In seinem kleinen Atelier hängen die Hutformen, über die der Filz gespannt wird, an der Wand. Da sind Stoffe, sortiert nach Herkunft und Farben, da sind Federn in bunten Farben, da sind Bügeleisen, ein Dampfer, Glätteisen – alles zusammengetragen von Flohmärkten. »Diese Werkzeuge werden heute nicht mehr hergestellt«, sagt Molcho. Ein wirkliches Problem seien die Formen, über die der Filz gespannt wird – denn die Menschen hätten heute größere Köpfe als früher.

KREMPEn Nuriel Molcho macht sowohl Hüte in strenger schlichter Form als auch solche in Schlabber-Optik, die aussehen, als seien sie Indiana Jones beim Kampf mit einem Krokodil vom Kopf gerutscht. Er macht Hüte mit Kerben in der Krempe oder ohne, in Pink oder Schwarz, mit ausladenden Krempen oder mit ganz schmalen. Die Formen sind klassisch – es ist die Ausführung, und es sind die Farben, die Hutbänder, die Details, die den Hüten den typischen Nuriel-Twist verleihen.

Auch Hüte für den »Jodelkönig« – ein Kunde von ihm – hat Nuriel Molcho angefertigt. »Der wollte einen Steirer-Trachtenhut mit Schusslöchern«, sagt der Hutmacher. Aber auch Tirolerhüte hat er schon gemacht – alles mit eigenem Twist, versteht sich.

»Meistens kommen die Leute und lassen sich einen ersten Hut machen – einen eher normalen, nicht allzu auffälligen. Doch wenn sie dann wiederkommen und einen weiteren wollen, der wird dann crazy«, sagt er. Rabbiner seien interessanterweise noch nicht bei ihm gewesen, um sich einen Hut machen zu lassen. Nur einmal sei einer gekommen, um sich die Krempe verkleinern zu lassen, weil man das jetzt so trage.

legende Dabei hat sich Nuriel Molcho die Kunst des Hutmachens bei einer Legende der jüdischen Gemeinde abgeschaut: einem Hutmacher, der Hüte für Orthodoxe anfertigte, nur ein paar Gassen weiter. »Diese Hüte sind handwerklich die besten«, schwärmt Molcho. Hüte fürs Leben seien das. Von ihm hat er das Geheimnis der brennenden Hüte erfahren.

Ist ein Hut einmal in Form – gespannt, geformt, gebügelt –, macht es Sinn, ihn mit Alkohol leicht einzusprühen und wenige Sekunden anzubrennen. »Das verschließt das Material und macht den Filz steif«, sagt Molcho. Er zeigt es. Vor ihm liegt ein Hut, die Krempe streng gerade gebügelt, die Krone wie ein Diamant geformt. Mit einem Zerstäuber sprüht er Spiritus über den Hut, zündet ihn kurz an, bürstet den Hut ab. Der Hasenfilz wird fester und weicher. Er erhält einen Glanz, als wäre er aus Rauleder. Brennt er aber zu lange oder ist der Brennstoff ungleich verteilt, bekommt der Hut Flecken.

Bei den Hüten der Orthodoxen gibt es dieses Problem nicht: »Ihre Hüte sind schwarz, da sieht keiner die Flecken.« Ist der Hut aber nicht schwarz, werde es kompliziert, sagt Molcho und lacht. Doch inzwischen hat er den Trick raus.

angestellte Als »Minimanufaktur« beschreibt Nuriel Molcho sein Projekt. Inzwischen hat er stundenweise eine Angestellte: die 21-jährige Studentin Denise, Absolventin der Wiener Modeschule Hetzendorf. Das Hutmachen hat sie dort gelernt – woanders lernt man es heute kaum noch. Sie steht im Laden, näht gerade ein Innenband und das Futter in einen fertigen Hut für eine französische Kundin.

Noch mehr erweitern wolle er sein Gewerbe nicht, sagt Nuriel Molcho. Die Familie sei ihm wichtiger. Erst vor wenigen Monaten ist er Vater geworden.

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