Frau Zaslavsky, mehrere Wochen sind seit dem Attentat am Bondi Beach vergangen. Sie sind derzeit in Melbourne. Wie geht es Ihnen?
Mir geht es gut, und das meine ich ganz trotzig. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 waren viele meiner Freunde und Kollegen von der Trauer und der tiefen Verzweiflung ganz übermannt. Aber ich habe sehr früh für mich die Entscheidung getroffen, weiterhin trotz allem öffentlich jüdisch zu sein. Ich bin postsowjetische Jüdin, vielleicht kommt das daher, denn auch meine Eltern haben sich dafür entschieden, noch zu tiefen Sowjetzeiten, öffentlich jüdisch zu sein. Wie hätte ich es da anders machen können?
Woher nehmen Sie die Kraft dafür?
Es gab Zeiten, in denen mich die Gefühle und auch die Frustration fast überwältigt haben. Das kommt in Wellen. Aber ich habe einfach weiter nach den positiven Seiten gesucht. Eine davon ist zum Beispiel, dass ich mit anderen Juden aus der ganzen Welt in Kontakt gekommen bin. Ich habe jetzt überall Cousins und Cousinen. Auch habe ich kürzlich ein wundervolles Buch von Bonny Reichert, einer kanadisch-jüdischen Autorin, gelesen. Der Titel lautet: »How to Share an Egg«. Sie hat es mir Anfang 2024 geschickt, und ich erinnere mich, dass ich es gelesen und geweint habe. Es ist eine Geschichte des Überlebens, und ich hatte das Gefühl, das Tagebuch meiner Cousine zu lesen. Irgendwie haben uns diese Zeiten als Gemeinschaft zusammengeschweißt. Und gerade deswegen strebe ich danach, weiterhin viel Licht zu sehen, daraus Hoffnung zu schöpfen. Ich bin halt eine überzeugte Optimistin.
Sie haben in der Sendung »News Breakfast« des australischen Senders ABC über Ihre Erinnerungen an die jüdische Gemeinschaft in Bondi gesprochen, in die Sie als Kind kurz nach Ihrer Ankunft in Australien gekommen sind.
Ich bin seit fast acht Jahren im öffentlich-rechtlichen Sender Australiens, bin sozusagen der hauseigene Foodie und habe meinen jüdischen Background und die australische Esskultur immer miteinander verwoben. Bei mir stand neben der Weihnachtsdekoration auch die Chanukkia, um den Zuschauern zu zeigen, dass Menschen eben verschiedene Dinge feiern. Ein solcher Beitrag sollte auch in der Woche zu Chanukka laufen.
Ich konnte nicht mit etwas Fluffigem wie Essen für die Feiertage auf Sendung gehen, während der nationalen Tragödie.
Dann geschah das Attentat am ersten Tag von Chanukka.
Der Beitrag sollte am Dienstag ausgestrahlt werden. Ich habe mich am Montag mit der Redaktion in Verbindung gesetzt und gesagt: »Lasst uns das etwas später in der Woche machen.« Ich konnte nicht mit etwas Fluffigem wie Essen für die Feiertage auf Sendung gehen, also während der nationalen Tragödie. Das Land war in Trauer, nicht nur die jüdische Gemeinde. Jeder spürte das. Ich wollte auch so viele Menschen wie möglich in ein Gespräch einbeziehen. Wir sind hier nur 110.000 Juden in Australien. Deshalb wollte ich das Gefühl vermitteln, dass wir alle miteinander verbunden sind. Also sprach ich mit meinem Mann, mit meinen Freunden, sogar mit meiner Analytikerin, die ebenfalls Jüdin ist, und habe ihr meine Ideen vorgestellt. Ich fand das sehr hilfreich, weil ich meine Trauer bereits verarbeitet hatte. Ich war irgendwie in der richtigen mentalen Verfassung und hoffte, dass es Worte sein würden, die bei den Menschen Anklang finden würden. Ich hatte die Kraft, mich in diesem Moment verletzlich zu zeigen.
Der Clip aus dieser Sendung ging viral. Wie war denn das Feedback?
Nach der Ausstrahlung war mein Posteingang voll. Viele Nachrichten kamen aus der jüdischen Gemeinschaft, aber zahlreiche auch aus der gesamten australischen Bevölkerung. Darin stand, wie bewegt die Menschen von meinen Worten waren, und wie dankbar manche von ihnen waren, dass sie nun die richtigen Worte fanden, um ihren jüdischen Freunden und Kollegen zu zeigen, dass sie sie sehen. Es gab ein paar Dinge, die ich bei meinem Auftritt gesagt habe, die für mich wirklich wichtig waren. Ich wollte meinem Publikum klarmachen, dass die jüdische Gemeinde in Bondi eine Gemeinde ist, die Migranten aus Ländern wie meinem willkommen geheißen hat.
Meine Kindheit roch wie unsere Datscha: erdig, nach Feigenblättern und Granatapfelsaft.
Sie kamen als Kind mit Ihrer Familie aus Georgien.
Meine Familie stammt aus Tiflis. Wir kamen 1991 nach Sydney, und ich erinnere mich, wie wir kurz nach unserer Einwanderung durch die Straßen von Bondi Beach gingen und die Hoffnung und die Möglichkeiten dieses Landes sahen. Die Offenheit, mit der wir unser Judentum leben konnten, war für uns so fremd und so befreiend. Und das alles ist wieder hochgekommen. Besonders das, was mir von der jüdischen Gemeinde in Bondi nicht aus dem Kopf geht: der Duft von Frangipani. Das ist der Geruch der Straßen von Bondi Beach am Abend, wenn wir spazieren gingen. Das und die Sonnenuntergänge am Bondi Beach, all diese Dinge.
Der Duft von Frangipani am Bondi Beach. Das klingt, ehrlich gesagt, traumhaft. Wie roch Ihre Kindheit vorher – in Georgien?
Wie roch meine Kindheit? Ich muss kurz überlegen, denn es gibt zwei Welten in meiner georgischen Kindheit. Wissen Sie, es war eine ganz andere Art von sowjetischem Leben, denn wir konnten viele unserer eigenen Lebensmittel anbauen. Wir galten als die Obstschale der Sowjetunion. Daher roch meine Kindheit wie unsere Datscha: erdig, nach Feigenblättern und Granatapfelsaft. Jeder baute seine eigenen Trauben an und stellte seinen eigenen Wein her. Georgien ist ja bekanntlich die Wiege des Weins. Es roch also nach Überfluss. Ich erinnere mich aber auch an den Geruch des Reisbreis, den es im georgischen Kindergarten zu essen gab, diesen zähflüssigen Brei. Und an den Geruch der Zigaretten der Soldaten, die vor unserem Kindergarten standen und rauchten. Der Rauch zog durch die Fenster hindurch, und diese Kombination – dieser zähflüssige Brei und der Zigarettenrauch –, das war zu viel. Mir wurde schlecht, meine Mutter musste mich abholen, wir gingen zu ihr ins Büro – meine Eltern arbeiteten beide an der Universität –, und Mama machte mir Roggenbrot mit Butter und ein bisschen Adschika. Das beruhigte mich und gab mir wieder ein Gefühl der Sicherheit. Das war meine Kindheit: Es war dieses Paradoxon, die Fülle und die Schönheit der Natur vor dem Hintergrund eines zerfallenden Regimes. Mir war nie bewusst, wie sich meine Eltern und Großeltern bemühten, uns vor der Realität der letzten Jahre der Sowjetunion zu schützen.
Man sollte darauf achten, dass man Obst isst, das man noch nicht gegessen hat. Ist das nicht immer ein Segen?
Sie haben mehrere Bücher veröffentlicht, kochen im Fernsehen: Woher kommt die Leidenschaft fürs Kochen?
Ich glaube, dass es etwas ganz Natürliches in unserer Kultur ist: Viele Food-Autoren, nicht nur in Australien, sondern weltweit, haben jüdische Wurzeln. Und die erste Frage, die wir stellen, wenn wir jemanden treffen, ist doch: »Haben Sie schon gegessen?« Essen ist für uns eine Sprache der Liebe. Genauso, wie meine Mutter mir gezeigt hat, dass sie mich liebt und ich in Sicherheit bin, als sie mir dunkles Roggenbrot und Adschika gegeben hat. So hat sie es von ihrer Babuschka gelernt. Natürlich konnten wir damals viel anbauen, aber es gab auch Mangel, und deshalb sind wir uns jederzeit sehr bewusst, dass Essen nicht nur etwas ist, das uns Energie gibt. Es ist Kultur, es ist Verbindung. Es geht über eine Hierarchie der Bedürfnisse hinaus. Wir können unser Besteck nicht mitnehmen, wir können unsere dicken Bücher nicht mitnehmen, aber wir können unsere Rezepte mitnehmen, Gerüche übrigens auch.
Sie haben gerade auch den Mangel angesprochen: Wie ist denn Ihre Mutter damit umgegangen, wenn sie gekocht hat?
Man musste improvisieren. Ich glaube, das ist es, was Menschen verbindet, die in der ehemaligen Sowjetunion, am Rande der Sowjetunion oder im Ostblock aufgewachsen sind. Ich habe das verinnerlicht. In meinen Rezepten biete ich immer Alternativen an. Ich erinnere mich, dass mir meine Mutter einmal erzählte, dass irgendwann nur noch Seetang-Salat im Kaufhallen-Regal stand, also Dosen mit Seetang. Was sollte sie daraus machen? Also gab es Seetang-Suppe und Seetang-Salat, Seetang, den sie mit Walnüssen pürierte und zu einem Dip verarbeitete. Sehr clever.
Damals war man gezwungen, saisonal zu kochen. Es gab keine Erdbeeren im Winter.
Das sage ich auch immer zu meiner Tochter, wenn es eine neue Frucht oder ein neues Gemüse der Sai son gibt: »Das ist das erste, das sind die ersten Kirschen der Saison. Wünsch dir was.« Mein Mann hat das einmal mitbekommen und fand das wirklich cool. Und wenn man einmal darüber nachdenkt, ist das ja irgendwie wieder wie das Feiern der Jahreszeiten in den jüdischen Feiertagen. Man sollte darauf achten, dass man Obst isst, das man noch nicht gegessen hat. Ist das nicht immer ein Segen?
Was essen Sie, wenn Sie das Gefühl von Heimat suchen, wenn Sie etwas zur Beruhigung brauchen?
Da muss ich mehrere Dinge aufzählen. Zuerst: Sandwiches direkt aus dem russischen Delikatessengeschäft hier in der Nähe. Ich denke dann immer daran, wie es war, als mir mein Vater beigebracht hat, wie man Sonnenblumenkerne röstet. Wir saßen zusammen und aßen sie, lasen ein Buch: Das Lesen eines Buches und das Essen eines Sandwichs ist für mich wie Glückseligkeit. Wenn ich Heimweh habe, muss es Hühnersuppe sein. Meine Mutter fragt mich manchmal, wenn ich sie besuche, ob sie Hühnersuppe kochen soll, und ich denke immer: »Warum fragst du überhaupt?« Also definitiv Hühnersuppe. Oh, sie macht übrigens auch Satsivi, Huhn in Walnusssauce. Das macht sie immer noch so wie früher. Sie nimmt die gekochten Zwiebeln und Karotten aus der Hühnersuppe für die Satsivi-Soße und kocht so, wie sie es früher tat. Und sie macht immer das Beste daraus.
Mit der Autorin sprach Katrin Richter.