Marokko

Hoffen in Casablanca

Vergangene Woche in Casablanca: Ein Rabbiner spricht zu Betern in der Synagoge Beth El. Foto: AFP via Getty Images

»Ein Traum ist wahr geworden!«, schrieb der israelische Wirtschaftsminister und Knessetabgeordnete der Arbeitspartei, Amir Peretz, am 10. Dezember auf seiner Facebook-Seite. Am selben Tag hatte US-Präsident Donald Trump bekannt gegeben, dass Marokko und Israel diplomatische Beziehungen aufnehmen wollen.

»Das Land, in dem ich geboren wurde und aus dem meine Familie stammt, wo meine Wurzeln und meine Kultur liegen, stellt volle diplomatische Beziehungen zu dem Land her, das mein Heimatland ist, um einen Ort des Friedens und der Solidarität zu schaffen«, schreibt Peretz weiter.

wurzeln Der 68-jährige Politiker wurde in Marokko geboren und gehört zu den rund eine Million Israelis, die familiäre Wurzeln in dem nordafrikanischen Land haben.

Schon jetzt besuchen jedes Jahr Tausende Israelis das Land.

Besonders groß war die Freude über das Friedensabkommen auch in der südisraelischen Hafenstadt Aschdod, wo heute viele marokkanischstämmige Israelis leben. »Ich bin in erster Linie Marokkanerin und an zweiter Stelle Israelin«, sagte Marie Kaftal Levy dem Nachrichtensender »i24 News«.

Die Unternehmerin betreibt in Aschdod das Geschäft »Art Maroc«. »Vor etwa 30 Jahren haben wir angefangen, Möbel und Kunst aus Marokko zu importieren – schon damals war es möglich, Handel zwischen Israel und Marokko zu treiben«, sagt Kaftal Levy. Sie glaubt, dass nach dem Ende der Corona-Pandemie viele Muslime aus Marokko nach Israel reisen werden.

Andersherum war das in den vergangenen Jahren stets der Fall. Tausende israelische Touristen besuchten das Land. Und das, obwohl Marokko im Jahr 2000 nach der sogenannten zweiten Intifada die seit Anfang der 90er-Jahre erfolgte Annäherung an Israel zunächst auf Eis gelegt hatte.

DIPLOMATIE Die diplomatische Übereinkunft zwischen Marokko und Israel beinhaltet die Wiederöffnung der diplomatischen Vertretungen in beiden Ländern sowie eine weitreichende wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Das Normalisierungsabkommen reiht sich ein in die Liste der Friedensvereinbarungen, die Israel 2020 mit vier mehrheitlich muslimischen Ländern geschlossen hat. Neben dem nordafrikanischen Königreich haben die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und der Sudan den jüdischen Staat anerkannt.

Wie auch in den anderen Fällen war das Abkommen mit Marokko durch amerikanische Vermittlung zustande gekommen.

Wie auch in den anderen Fällen war das Abkommen mit Marokko durch amerikanische Vermittlung zustande gekommen. Als Teil der Vereinbarung wollen die USA Marokkos Ansprüche auf die Westsahara anerkennen.

RESPEKT Für Rabbiner Levi Banon ist der Friedensschluss Ausdruck des Respekts, den die marokkanische Gesellschaft und insbesondere König Mohammed VI. für das jüdische Erbe im Land haben.

»Als jüdische Gemeinde in Marokko haben wir eine hervorragende Beziehung zum Königshaus und den lokalen Autoritäten«, sagt Banon der Jüdischen Allgemeinen. »Ich freue mich über die Normalisierung der Beziehungen zu Israel und denke, dass das Abkommen die Absicht des Königs unterstreicht, sich für Frieden und Koexistenz einzusetzen.«

Rabbi Banon, in Kanada geboren und sefardisch-marokkanischer Herkunft, leitet seit zwölf Jahren die Chabad-Gemeinde in Casablanca. In der Hafenstadt am Atlantik leben nach Angaben des Rates der jüdischen Gemeinden in Marokko die meisten der heute rund 3000 Juden im Land. Nach Aussage von Ratspräsident Serge Berdougo gibt es in Casablanca 15 aktive Synagogen und fünf koschere Restaurants.

»Im Vergleich zu dem gewaltigen historischen Erbe ist die jüdische Gemeinschaft in Marokko heute zwar klein, aber ich denke, dass der Frieden mit Israel uns neue Horizonte eröffnet und unsere Gemeinden vergrößern wird«, sagt Rabbiner Banon.

Die Gemeinde unterhält gute Beziehungen zum Königshaus.

In Marokko gibt es seit der Antike eine jüdische Gemeinschaft. Diese wuchs nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 stark an. Ende der 40er-Jahre lebten in Marokko etwa 270.000 Juden. Ein Großteil von ihnen emigrierte nach der Staatsgründung 1948 nach Israel. Der Sechstagekrieg 1967 und der Jom-Kippur-Krieg 1973 lösten weitere Auswanderungswellen aus.

erbe Das jüdische Erbe wird im Königreich seit einiger Zeit vermehrt gepflegt. Im Jahr 2011 verabschiedete Marokko eine neue Verfassung. Mit dieser ist das Land der erste arabisch-muslimische Staat, der die jüdische Kultur als grundlegendes Element seines multikulturellen Erbes und Fundament seiner Identität anerkennt.

Anfang 2020 wurde in der Küstenstadt Essaouira zudem das »Haus der Erinnerung« eröffnet. Dort kann man sich über die gemeinsame Geschichte von Muslimen und Juden in Marokko informieren. Mitte Dezember, kurz nach Bekanntwerden des israelisch-marokkanischen Friedensabkom­mens, kündigte König Mohammed VI. an, dass in den Schulen künftig die Geschichte der jüdischen Bürger Marokkos behandelt wird.

Serge Berdougo sieht darin einen wichtigen Schritt. »Die jüngeren Generationen haben das Recht, ihre Geschichte zu kennen«, so der Gemeindevorsitzende.

entwicklungen Für David Bensoussan, den ehemaligen Präsidenten der sefardischen Gemeinde in Quebec, der in Marokko geboren wurde, sind das positive Entwicklungen. Sie würden durch das Abkommen mit Israel gekrönt, sagt er. »Die Ankündigung diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Marokko ist ein Zeichen der Hoffnung – eine Hoffnung, die durch kulturelle, wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit gepflegt werden muss, um einen kalten Frieden zu vermeiden«, sagte Bensoussan der Jüdischen Allgemeinen.

»Die jüdisch-marokkanische Herkunft wird auch das Leben künftiger Generationen stark prägen, wo auch immer sie leben.«

David Bensoussan

Der 74-jährige Elektroingenieur hatte Marokko mit seiner Familie in Richtung Israel verlassen, als er acht Jahre alt war. Später wanderte er nach Kanada aus und verfasste zahlreiche Bücher über das jüdische Erbe in Marokko.

»Die jüdisch-marokkanische Herkunft wird auch das Leben künftiger Generationen stark prägen, wo auch immer sie leben«, sagt Bensoussan. Ob die Beziehungen zum Land ihrer Wurzeln mit Leben gefüllt werden, liege an den marokkanischen Gemeinden in Israel und der Diaspora.

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