Österreich

»Hochgefährliche Entwicklung«

Benjamin Nägele Foto: Daniel Shaked

Österreich

»Hochgefährliche Entwicklung«

Benjamin Nägele über Wiener Corona-Demos, Antisemitismus und die FPÖ

von Tobias Kühn  11.03.2021 11:51 Uhr

Herr Nägele, am Samstag sind Tausende Gegner der Corona-Politik gemeinsam mit Rechtsextremen durch die Wiener Leopoldstadt gezogen. Einige riefen »Heil Hitler« und durchbrachen Polizeiabsperrungen. Wie haben Sie diese Stunden erlebt?
Es gab am Schabbat mehrere Demons­trationen. Die Entwicklung ist besorgniserregend. Solche Aufzüge finden schon seit einigen Monaten statt, aber es ist zu erkennen, dass die Gewalt zunimmt und die Slogans aggressiver werden. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass bei solchen Demonstrationen »Heil Hitler« gerufen wurde. So etwas in Wien zu erleben, erschreckt nicht nur unsere Gemeindemitglieder.

Die Demonstrationen waren angemeldet. Haben Sie die Gemeindemitglieder im Vorfeld gewarnt?
Wie immer vor solchen Veranstaltungen haben wir am Freitag einen Newsletter an alle Gemeindemitglieder verschickt. Wir haben einen sehr hohen Schutz unserer Synagogen.

Hätten Sie sich noch vor einem Jahr jüdisches Leben in Wien so vorgestellt?
Wien ist und bleibt eine sehr lebenswerte und sichere Stadt, auch für Jüdinnen und Juden. Keiner hätte sich noch vor einem Jahr vorstellen können, was heute passiert – in ganz Europa, ich nehme da Deutschland nicht aus. Das ist eine hochgefährliche Entwicklung. Und sie wird dadurch massiv verstärkt, dass Corona-Leugner viele antisemitische Ressentiments und Verschwörungslügen verbreiten und die Schoa verharmlosen. Ich beobachte mit Sorge, welche Koalitionen sich da bilden, dass zum Beispiel offen und ungehemmt FPÖ-Funktionäre mit Identitären und Neonazis durch die Straßen ziehen und eine aggressive Polemik betreiben.

Einer der führenden FPÖ-Funktionäre ist dabei Österreichs früherer Innenminister Herbert Kickl, Fraktionsvorsitzender im Nationalrat, dem Parlament. Er soll am Samstag in einer Rede im Prater die Stimmung angeheizt und gegen Israel polemisiert haben.
Kickl spricht von Impf-Apartheid und nutzt ganz bewusst antisemitische Codes. Die konkrete Verantwortung für die physische Gewalt trägt jeder Täter individuell für sich selbst, doch die moralische und politische Verantwortung für die Eskalation tragen die FPÖ und Kickl, der bewusst zündelt und mit Ängsten der Bevölkerung spielt, die Koalition mit den Rechtsextremen forciert und versucht, sich an die Spitze dieser Bewegung zu setzen.

Es ist dieselbe FPÖ, mit der Bundeskanzler Sebastian Kurz bis vor zwei Jahren in einer Koalitionsregierung zusammenarbeitete …
Die jüdische Gemeinde hat von Anfang an vor der Gesinnung der FPÖ gewarnt und sich klar positioniert. Neu ist das ungenierte Paktieren mit rechtsradikalen Identitären auf der Straße, das Verschieben der Politik vom Nationalrat, der politischen Bühne, auf die Straße.

Mit dem Generalsekretär der Israeli­tischen Kultusgemeinde Wien sprach Tobias Kühn.

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026

Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Rund 450 orthodoxe Rabbiner und Gäste aus den europäischen Gemeinden tagten in Jerusalem. Im Mittelpunkt standen weniger politische Debatten als vielmehr der Austausch über praktische Fragen

von Michael Thaidigsmann  07.02.2026

Basketball

Ein »All-Star« aus dem Kibbuz

Mit Deni Avdija schafft es erstmals ein Israeli in die NBA-Auswahl der USA

von Sabine Brandes  07.02.2026

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026

Washington D.C.

Gates: »War dumm von mir, Zeit mit Epstein zu verbringen«

In den jüngst veröffentlichten Dokumenten zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Epstein tauchen viele prominente Namen auf - auch der des Microsoft-Mitgründers. Nun äußert er sich dazu

 05.02.2026

London

Epstein-Skandal stürzt Starmer in die Krise

Obwohl der britische Premier von der Freundschaft Peter Mandelsons zu Jeffrey Epstein wusste, ernannte er ihn zum Botschafter in den USA. Selbst in den eigenen Reihen ist der Ärger groß

 05.02.2026

Wien

US-Flüchtlingsorganisation HIAS muss ihr Europa-Büro schließen

Die US-Regierung hat das historische Programm für religiöse Minderheiten aufgekündigt. Damit sind aktuell Hunderte Juden im Iran gestrandet

 04.02.2026