USA

Hessisch babbeln am Hudson

»Ich hasse Deutschland«, sagt Mina Stern 
voller Inbrunst. Foto: Wolfgang Werner

Mina Stern lebt seit 66 Jahren in New York, doch das Englische macht ihr bisweilen noch immer Mühe. Manchmal fällt ihr nicht gleich die richtige Vokabel ein, wenn sie eine Geschichte erzählt. Worte wie »Waschküche« sagt sie dann einfach auf Deutsch. Das »th« bekommt sie nicht so recht hin, und wenn sie Ortsnamen aus ihrer einstigen Heimat, wie »Gedern« oder »Amöneburg« sagt, dann klingt noch immer ein dickes Oberhessisch durch.

Sehnsucht nach Hessen hat Mina jedoch nicht. Im Gegenteil. Sie war nicht ein einziges Mal in Deutschland, seit sie 1952 in New York angekommen ist. »Ich hasse Deutschland«, sagt sie voller Inbrunst. Dabei vertiefen sich die Falten auf ihrem 96 Jahre alten Gesicht, das ansonsten eine warme Offenheit ausstrahlt.

Mina Stern, Walter Kern, Margot Neuburger: Sie alle entkamen den Nazis.

konzerte Mina Stern sitzt in der Kantine des jüdischen Gemeindezentrums an der Nagle Avenue und nippt an ihrem Kaffee. Sie kommt jeden Tag hierher zum Seniorentreff und bleibt dann oft den Nachmittag über. Es gibt Kaffee und Kuchen, manchmal auch Konzerte und immer die Gesellschaft mit ihren Altersgenossen.

An ihrem Tisch sitzen etwa Walter Kern und Margot Neuburger. Auch sie sind über 90, jüdisch und in Deutschland geboren, in Worms und Berlin. Sie alle entkamen den Nazis und sind in jener Gegend im Norden von Manhattan gelandet, die Washington Heights heißt. Und so wie Mina sind sie dort hängen geblieben.

Es gibt nicht mehr viele von ihnen, den Deutsch‐Juden von Washington Heights, nur noch ein paar Dutzend vielleicht. Die deutsche Bäckerei Gideons an der Dyckman Street hat Anfang der 90er‐Jahre geschlossen, ebenso das Kaufhaus Wertheimer und das Lokal »Nasch«. Spuren deutsch‐jüdischen Lebens muss man heute in den Heights suchen, wo zwischen 1936 und 1955 etwa 30.000 deutsche Juden Zuflucht fanden.

Hebrew Tabernacle Doch an vielen Orten sind die Spuren noch sichtbar. In der Eingangshalle des Hebrew Tabernacle etwa, der Reformsynagoge an der Fort Washington Avenue, die sich die namensgebenden Hügel der »Heights« über dem Hudson bis zum Fort Tryon Park hinaufschlängelt. Dort hängen sepiafarbene Fotos und Zeichnungen der prachtvollen deutschen Synagogen, die 1938 zerstört wurden.

Oder im Fort Tryon Park selbst, der einen erhabenen Blick über den Fluss bietet, wie er, nicht unähnlich dem Rhein, am Fuß der Klippen des oberen Manhattan dem Atlantik und der Freiheitsstatue entgegenrollt.

»Ich hasse Deutschland«, sagt Mina Stern voller Inbrunst.

Eingeschraubt in die Parkbänke sind im Schatten großer alter Ahornbäume kleine Messingplatten mit Widmungen wie jene, die der ehemalige US‐Außenminister Henry Kissinger seinem Vater Louis hinterlassen hat. Es ist ein Rilke‐Zitat, mit dem der 1923 in Fürth geborene Kissinger, der auch in Washington Heights seine Jugend verbracht hat, seiner Eltern gedenkt: »Sieh: Ich fühle, wie ich mich entferne, wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier. Nur dein Lächeln steht wie lauter Sterne über dir und bald auch über mir.«

Rilke Kissinger ließ sich seinen Rilke von den Nazis nicht nehmen. So wie Mina Stern bis heute das Oberhessische nicht loswird, weil es doch genauso Teil von ihr ist wie ihr Judentum. Doch es ist ein Teil, der schmerzt. Und wuchert. Denn wie soll eine Frau zu Deutschland stehen, der im Alter von 15 Jahren die Eltern weggenommen und ermordet wurden und die nach einer mehr als zehnjährigen Odyssee durch Ghettos, Konzentrations‐ und Flüchtlingslager allein und mittellos im Hafen von New York ankam.

Es ist die Zerrissenheit, mit der viele deutsche Juden und schon gar die Generation der Überlebenden zu kämpfen haben – jene Unmöglichkeit, sich mit den deutschen Anteilen ihrer Identität wirklich zu versöhnen. Hier in Washington Heights ist diese innere Spaltung bis heute spürbar.

Henry Kissinger ließ sich seinen Rilke von den Nazis nicht nehmen.

Manfred Kirchheimer hat den Identitätsbruch über viele Jahre zum Thema und Inhalt seines Lebens und Schaffens gemacht. Sein Dokumentarfilm We were so beloved, für den er in den 80er‐Jahren Dutzende der in Deutschland geborenen Juden von Washington Heights interviewt hat, kreist immer wieder um die Frage, was es bedeutet, deutsch und Jude zu sein.

Für Kirchheimer ist die Frage zutiefst persönlich. Er wurde 1931 als Sohn eines Werbezeichners in Saarbrücken geboren. Als sein Vater 1935 seine Arbeit verlor, packte die Familie ihre Sachen und flüchtete. 1936 kamen die Kirchheimers in Washington Heights an, wo »Manny«, wie er sich in New York nennt, lebte, bevor er als junger Mann die Kunsthochschule besuchte. Heute wohnt der 88‐Jährige, der Dutzende hochgelobter Film‐Essays über New York gedreht hat, an der Upper West Side, fünf Kilometer südlich von Washington Heights. Er ist ein wenig zittrig geworden im Alter, doch seine Augen sind nach wie vor so sanft und wach wie damals in seinem Film.

»Eigentlich«, sagt er, während er sich in seinem Stamm‐Diner am Broadway zum Lunch niederlässt, »habe ich das Thema Deutschland für mich abgeschlossen«. Alles, was er dazu zu sagen habe, habe er in dem Film gesagt.

Kino Am Ende des Films, der die Schicksale der Holocaust‐Überlebenden von Washington Heights erzählt, kommt Kirchheimer zu einer eher unversöhnlichen Haltung gegenüber Deutschland. Er erlangt zwar auch einen distanzierten, intellektuellen Blick auf das Dritte Reich, der die Ursachen für das Geschehene nachvollziehen kann. Aber »verzeihen«, sagt er schließlich, »werde ich es nie können, was die Deutschen gemacht haben«.

Der Wendepunkt, der ihn gegenüber dem Nachkriegsdeutschland schließlich doch geöffnet hat, sagt Manny Kirchheimer, sei für ihn gekommen, als die USA in den Vietnamkrieg verwickelt wurden. Wie viele junge Amerikaner habe er damals heftig gegen den Krieg und die Grausamkeiten protestiert, die die USA dort begingen. Dabei habe er erstmals für die durchschnittlichen Deutschen Verständnis entwickelt. »Plötzlich gehörte ich als Amerikaner auch zu denen, die Schuld auf sich luden.«

Der Wendepunkt für Manny Kirchheimer war der Vietnamkrieg.

deutschsein Heute bewegt sich Manny unbefangen durch Deutschland und begegnet Deutschen, die nach der Schoa geboren wurden, offen. Er hat seine Filme auf Festivals in Saarbrücken, Mannheim und Berlin gezeigt und dort Freundschaften geschlossen. »Alles gute Linke«, sagt er. »Ich habe keine Probleme mit denen.«

Die Besuche in Deutschland haben Manny Kirchheimer aber auch auf andere Art mit seinem eigenen Deutschsein konfrontiert und bis zu einem gewissen Grad versöhnt. »Ich habe plötzlich begriffen, wie viel von unserem täglichen Leben deutsch war.« Der tägliche Nachmittagskaffee, die Vitrine mit Porzellan‐Nippes, der große Esstisch in der Mitte des Wohnzimmers, die schweren alten Möbel – Dinge, die in Washington Heights in seiner Jugend üblich waren, wurden ihm plötzlich als deutsch erkennbar. »Ich dachte als Junge immer, das sei jüdisch.«

Im Wohnzimmer von Ruth Westheimer, die in Washington Heights alle nur »Dr. Ruth« nennen, sieht es heute noch so aus. Dr. Ruth wohnt seit mehr als 50 Jahren im neunten Stock eines 30er‐Jahre‐Apartmenthauses direkt unterhalb des Fort Tryon Parks. Aus ihren Fenstern hat sie einen großartigen Blick über den Fluss, die monumentale George Washington Bridge, die sich beinahe drei Kilometer lang hinüber nach New Jersey spannt, und auf die felsige Steilküste auf der anderen Seite.

Karriere Dr. Ruth ist die letzte der prominenten New Yorker aus Washington Heights, die noch hier leben. Henry Kissinger hat seine politische Karriere in Washington gemacht, die Künstlerin Eva Hesse ist schon 1970 gestorben, der Journalist Max Frankel, ehemaliger Chefredakteur der New York Times, lebt in einem der Vororte. Dr. Ruth nennt Washington Heights ihre Heimat, sie hat nie mehr irgendwo anders leben wollen, seit sie 1956 nach einer langen Odyssee hier ankam.

Dr. Ruth ist die letzte der prominenten New Yorker aus Washington Heights, die noch hier leben.

Ihre Eltern wurden im November 1938, am Tag nach der Pogromnacht, aus Frankfurt deportiert – sie sah sie nie wieder. Sie selbst wurde mit einem Kindertransport in die Schweiz gerettet, wo sie die Kriegsjahre verbrachte, immer in der Hoffnung, ihre Eltern wiederzusehen.

Orangen Als sie 1945 erfuhr, dass ihre Familie in den Lagern ermordet worden war, wanderte sie nach Palästina aus und kämpfte in der Hagana als Scharfschützin. Doch wirklich heimisch wurde sie dort nicht. »Immer nur Orangen zu ernten, war mir irgendwann langweilig«, sagt sie in ihrem markanten Frankfurter‐Amerikanisch.

Sie ging nach Paris, um Psychologie zu studieren, doch sie blieb rastlos. Als sie in der deutsch‐jüdischen Zeitung »Aufbau« von Washington Heights las, entschloss sie sich, es einmal mit New York zu versuchen.

Erst hier im Norden Manhattans hatte Ruth Westheimer das Gefühl, anzukommen. Die Heights funktionierten wie viele Einwandererviertel von New York: Diejenigen, die schon da waren, halfen den Neuankömmlingen, Fuß zu fassen. Man wurde untergebracht, bekam einen Job vermittelt und hatte vor allem eine Gemeinschaft von Menschen, die einen verstanden. »Jeden Freitag«, erinnert sich Dr. Ruth, »hat der Kantor unserer Synagoge all jene zu sich nach Hause eingeladen, die keine Familie mehr hatten.«

kaffeekränzchen Dr. Ruth liebte aber auch die deutschen Kaffeekränzchen in Washington Heights, die Musik‐abende mit Mozart und Beethoven und den deutschen Gurkensalat mit Essig bei »Spitzer’s« an der 175. Straße. Und es tat ihr gut, dass man die merkwürdige Gespaltenheit zwischen dem Deutschsein und dem Jüdischsein, die sie auch mit ihrem späteren Ehemann Fred Westheimer teilte, hier verstand.

Als Ruth Westheimer ankam, waren die deutschen Juden in Washington Heights längst wohl etabliert. Anfang der 50er‐Jahre begannen die Reparationszahlungen aus der Bundesrepublik, die den Einwanderern, die oft mit Nichts im Hafen von New York angekommen waren, zum ersten Mal ein gewisses Maß an Sicherheit boten. Ein Komplex an Eigentumswohnungen, der damals gebaut wurde, heißt heute noch unter Eingeweihten »Adenauer Houses«.

Die vorangegangenen 20 Jahre waren für die deutschen Juden in Washington Heights alles andere als einfach gewesen. Wem die Nazis vor 1938 die Ausreise bewilligten, der durfte nicht mehr als zehn Mark mitbringen – der Gegenwert von gerade einmal vier Dollar. Wohlhabende Familien, die sich rechtzeitig zur Emigration entschlossen hatten, konnten zumindest noch einen Container mit Möbeln und Privatgegenständen mitnehmen.

In Washington Heights angekommen, teilten sich oft zwei oder drei Familien eine Wohnung. Arbeit war nicht leicht zu bekommen, in Deutschland erlernte Berufe zählten hier meist nur wenig, die Sprachbarriere tat das Übrige.

In Washington Heights angekommen, teilten sich oft zwei oder drei Familien eine Wohnung.

Doch die deutsch‐jüdischen Einwanderer taten klaglos, was sie eben tun mussten. So erinnert sich Helen Blumenthal, die 1942 hier geboren wurde, dass ihre Mutter jeden Tag für ein Dutzend alleinstehender Männer kochte, die ihr jeweils 50 Cent für das Abendessen zahlten. Der Drahtwarenfabrikant Ernst Wertheimer aus Ludwigsburg nahm einen Kredit auf und eröffnete in New Jersey, auf der anderen Seite des Flusses, eine Hühnerfarm. Manny Kirchheimers Vater Bert hatte Glück und fand bald Arbeit als Zeichner für eine Frauen‐Illustrierte.

Der Stoizismus, der sprichwörtliche Fleiß und der rasche soziale Aufstieg machte die Einwanderer aus Deutschland bei ihren Nachbarn teilweise unbeliebt. »Die osteuropäischen Juden und die irischen Katholiken, die in der Gegend wohnten, waren oft neidisch und argwöhnisch«, sagt der Historiker Robert Snyder, der selbst in der Gegend aufgewachsen ist und ein Buch über Washington Heights geschrieben hat. So kam es bisweilen zu Reibereien. Irische Jugendgangs kamen abends über den Broadway in die deutsche Gegend und mischten die dortigen Jugendlichen auf, die sich an warmen Abenden an einer Mauer mit Blick auf den Fluss trafen, um zu flirten und zu reden und einfach nur jung zu sein.

salsa Wenn man heute den Broadway zwischen der 155. und der 190. Straße hinaufläuft, findet man jedoch kaum mehr Spuren irischen oder deutsch‐jüdischen Lebens. Bis auf das Coogan’s an der 168. Straße gibt es keinen Irish Pub mehr, und wenn es noch katholische Kirchen gibt, dann halten sie die Gottesdienste auf Spanisch ab. Aus den Bodegas klingt Salsa, und die Hühnerbratereien tragen Namen wie »Malecon« oder »Tropical«.

Beide Gruppen, sowohl die Juden von Washington Heights als auch die Iren, wurden bereits ab den 60er‐Jahren von einer neuen Gruppe von Flüchtlingen verdrängt: den Dominikanern und den Kubanern – ein Vorgang, den schon Manny Kirchheimers Film von 1985 beschreibt.

»Während des Vietnamkriegs entwickelte ich erstmals Verständnis für Deutsche.«

Die Umwälzung spaltete damals die deutsch‐jüdische Gemeinde. Manche fühlten sich bedroht und klagten – sehr deutsch – darüber, dass es auf der Straße so laut geworden sei, und dass die Hispanics Drogen und Kriminalität in die Nachbarschaft brächten. Andere, so wie Manny Kirchheimer, sagten schon damals, dass man die Neuankömmlinge so offen aufnehmen müsse, wie man selbst aufgenommen worden sei. »Das ist eine klare Verpflichtung bei unserer Geschichte.«

Diskussion Das sehen die Erben der deutschen Juden in Washington Heights genauso. Kürzlich lud Rabbi Jeffrey Gale, der in Indiana geboren wurde und heute dem Hebrew Tabernacle vorsteht, zu einer Diskussionsveranstaltung mit Vertretern der südamerikanischen Einwanderer in seine Synagoge. Man bekräftigte die Solidarität mit den Nachbarn angesichts des Drucks durch die Trump‐Regierung, der auf der Gemeinde lastet. »Wir dürfen uns gerade heute nicht einigeln«, sagte der Rabbiner. »Was auf der anderen Seite des Broadway passiert, betrifft auch uns. Wenn illegale Einwanderer zu Sündenböcken gemacht werden, leidet die ganze Community darunter.«

Es entsprach den deutsch‐jüdischen Einwanderern am Ende doch nicht, über Generationen unter sich zu bleiben.

Die wenigen Überlebenden der alten deutsch‐jüdischen Gemeinde, die im Saal sitzen, spenden Rabbi Gale beherzt Beifall für die feurige Rede. Viele sind es nicht. Dr. Ruth ist da und Harry Stern aus Stuttgart, der in den 70er‐Jahren für die Stadt New York die Parks verwaltete. Ein paar Deutsch‐Juden der zweiten und dritten Generation, die noch Bindungen an das Hebrew Tabernacle haben, sind auch gekommen.

Doch sie verschwinden nach und nach aus Washington Heights. Es entsprach den deutsch‐jüdischen Einwanderern am Ende doch nicht, über Generationen unter sich zu bleiben. »Die deutschen Juden waren in Deutschland voll in die Gesellschaft integriert«, sagt Robert Snyder. »Aber hier in New York waren sie erstmals – ohne Ansehen des sozialen Status – abgeschottet und unter sich.« Das hat gut funktioniert, um in den USA Fuß zu fassen und ein neues Leben zu beginnen. Doch heute ist Deutschland für die meisten nur noch eine dunkle Erinnerung. Ihr Leben ist hier.

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