Ägypten

Haus ohne Hüter

Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Kairo, Carmen Weinstein, ist wegen Betrugs zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Nach Informationen lokaler Zeitungen soll sie einem ägyptischen Geschäftsmann für umgerechnet 420.000 Euro ein Haus verkauft haben, das ihr nicht gehörte. Weinstein, die über 70 Jahre alt ist und den Gemeindevorsitz 2004 von ihrer Mutter übernahm, kann das Gefängnis jedoch vermeiden, wenn sie eine Geldstrafe von 1.450 Euro bezahlt. Zusätzlich legten ihr die Richter auf, dem geprellten Käufer einen Schadensersatz von 5.700 Euro zu überweisen.

Schreibwarengeschäft Nach Erkenntnissen des Gerichts hatte der Investor über einen Makler das Gebäude von der jüdischen Gemeinde für 420.000 Euro erworben. Wie dessen Anwalt im Prozess erklärte, habe sein Mandant nach Zahlung des Kaufpreises von Weinstein die Übergabe der Schlüssel verlangt. Diese habe sich jedoch geweigert und auch das Geld nicht zurückgegeben. Anschließend habe sich herausgestellt, dass Weinstein gar nicht die Besitzerin des Hauses war. Die Verurteilte selbst ist nicht bereit, zu dem Fall Stellung zu nehmen. Sie führt ein Schreibwarengeschäft im Stadtzentrum.

Im März hatte Weinstein mit 150 Gästen aus aller Welt in Kairos altem jüdischen Viertel Haret al-Yahoud die Wiedereröffnung der Maimonides-Synagoge gefeiert. Das aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Gebäude war nach knapp zweijähriger Arbeit vollständig saniert worden, ebenso wie die die angrenzende Jeschiwa des berühmten Rabbiners und Arztes Rambam (Maimonides) aus dem 12. Jahrhundert, der nach seiner Flucht aus Cordoba hier seine Patienten empfing.

exodus Die Wurzeln jüdischen Lebens in Ägypten allerdings reichen viel weiter zurück als zu Maimonides – auch wenn die Zahl der Juden über Jahrhunderte hinweg relativ klein war. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in Ägypten kaum mehr als 6.000. Erst dann kam durch Einwanderungswellen aus Ost- und Südeuropa, Nordafrika und dem Osmanischen Reich der große Aufschwung. 1930 lebten 75.000 Juden am Nil, die meisten in Kairo und Alexandria, bis zwei Jahrzehnte später ihr Exodus begann.

Heute leben in Ägypten keine 50 Juden mehr – zwei betagte Männer, die übrigen sind ältere Frauen. Zwölf Synagogen existieren noch, drei sind bislang instand gesetzt worden. Die übrigen neun will die Ägyptische Antikenverwaltung in den nächsten Jahren restaurieren. Und so glauben auch die beiden winzigen Gemeinden trotz aller Probleme weiter an ihre Zukunft. »Juden haben in Ägypten seit biblischen Zeiten gelebt«, sagte ihre Sprecherin Carmen Weinstein vor drei Jahren in einem Zeitungsinterview. »Ich sehe keinen Grund, warum Juden nicht auch weiter bis ans Ende der Zeiten hier leben sollten – mal in größerer, mal in kleinerer Zahl.«

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