USA

Hass im Hörsaal

Muslimische Studentinnen protestieren auf dem Gelände der University of California in Irvine. Foto: AP

Fast 500 Zuhörer sind an diesem Abend in den Versammlungsraum der University of California (UC) in Irvine gekommen, um einen Vortrag des israelischen Botschafters über die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Israel zu hören. Doch kaum hat Michael Oren zu sprechen begonnen, als die ersten Zwischenrufe erschallen. Der Nahostexperte, als Gastprofessor in Harvard und Yale an den Umgang mit Studenten gewöhnt, reagiert zunächst gelassen und verweist lediglich darauf, dass besonders an Universitäten gelehrt werden solle, verschiedene Perspektiven zuzulassen. Ein Teil des Publikums aber denkt offensichtlich anders. »Israel ist ein Mörder«, schreit jemand, und ein anderer: »Wie viele Palästinenser hast du umgebracht?« Erst nach der vierten Unterbrechung verlässt Oren den Saal – um 20 Minuten später zurückzukehren. Seine Rede aber kann er erst halten – gekürzt und darart verspätet, dass für Fragen keine Zeit mehr bleibt –, nachdem elf Studenten verhaftet worden sind und andere unter Protest den Raum verlassen haben.

Das passiert am 8. Februar 2010. Wenige Wochen später entdeckt eine junge jüdische Studentin an der UC Davis, dass jemand eine Swastika in ihre Schlafzimmertür geritzt hat, kurze Zeit später werden mehrere Hakenkreuze auf dem Campus gesichtet. Auf Plakaten mit Ankündigungen zu pro‐israelischen Veranstaltungen sind sie immer wieder aufgetaucht. Und als Studenten der UC Berkeley vor einigen Monaten auf die Straße gingen, um gegen erhöhte Studiengebühren zu protestieren, lautete eine der Forderungen, die Universität solle ihre Geldeinlagen aus allen Unternehmen zurückziehen, die sich in irgendeiner Weise in Israel engagierten.

»Wir nennen das den ›neuen Antisemitismus‹«, sagt Mindy Aguirre, die in der Anti‐Defamation League unter anderem für die Universitäten in Berkeley und Davis zuständig ist. »Er setzt sich meist aus einer starken Anti‐Israel‐ und Anti‐Zionismus‐Haltung zusammen. Er ist an den Universitäten sehr präsent.«

dauerthema Der Nahostkonflikt ist an kalifornischen Universitäten zu einem Dauerthema geworden. Dafür sorgen nicht zuletzt muslimische Organisationen wie die Muslim Student Union, deren Einfluss in den vergangenen Jahren gewachsen ist und die in Veranstaltungen auf den verschiedenen Campus gern über »den Holocaust im Heiligen Land« oder den »Apartheidsstaat Israel« aufklärt. 2007 lud sie in Irvine zu dem Vortrag »UC‐Intifada: Wie Sie Palästina helfen können« ein.

Die Mitglieder der Union tragen bei Veranstaltungen grüne Bänder, um ihre Sympathie mit der Hamas zu bekunden. In regelmäßigen Abständen lädt sie Israelkritiker wie den amerikanisch‐jüdischen Politikwissenschaftler Norman Finkelstein (Die Holocaust‐Industrie) oder Hassprediger wie den Imam Abdel Malik‐Ali zu Vorträgen ein, ohne dass die Universitätsleitung dies verhindert.

Zionistische Verbände haben deshalb besonders den Kanzler der UC Irvine, an der die Union immer wieder Veranstaltungen gegen Israel durchführt, kritisiert und ihm vorgeworfen, ein Klima des offenen Antisemitismus zuzulassen. Nach dem Vorfall mit Michael Oren hat die Zionistische Organisation in Amerika Studenten und Geldgeber aufgerufen, die Universität zu boykottieren. Einige Spender und Alumni hatten bereits vor dem Aufruf angekündigt, nichts mehr zu geben. »Wer will schon dafür bezahlen, so etwas zu erziehen?«, schrieb eine millionenschwere nichtjüdische Uni‐Sponsorin.

Die Antisemitismuskarte werde gern gezückt, um eine Diskussion über die wirklichen Probleme zu verhindern, sagt dagegen der Sprecher der Union, Hadeer Soliman. »Wir haben als Organisation eine politische Überzeugung, die wir in der Universität artikulieren wollen.« Denn dort sei eine intellektuelle Auseinandersetzung darüber möglich. Gerade diese Auseinandersetzung aber finde nirgends statt, sagt der Direktor des Hillel‐Hauses an der UC Irvine, Jordan Fruchtman. »Von den geschätzten 3.000 muslimischen Studenten hier sind vielleicht 50 radikal, und mit den anderen versuchen die rund 1.000 jüdischen Studierenden ins Gespräch zu kommen.« Doch bislang erfolglos. Die Mehrheit der muslimischen Studenten sei eingeschüchtert, so Fruchtman. »Sie haben Angst vor der Isolation in ihrer eigenen Gemeinschaft, wenn sie sich zu einem Dialog bereit erklärten.« Das Hillel‐Haus setze nun in erster Linie darauf, Kommilitonen über die Vorgänge in Israel zu informieren und aufzuklären.

Dilemma Doch wie kritisiert man dabei als jüdischer Student die Mischung aus Einseitigkeit und Diskussionsunfähigkeit auf Seiten vieler muslimischer Studenten? Ohne Gefahr zu laufen, beschuldigt zu werden, als Angehöriger einer Minderheit die Angehörigen einer anderen Minderheit zu diskriminieren oder sie zumindest alle über einen Kamm zu scheren?

Für dieses Dilemma gebe es nur eine Lösung, sagt die Holocaust‐ und Antisemitismusforscherin Deborah Lipstadt, die durch ihren Prozess gegen den Schoa‐Leugner David Irving berühmt geworden ist: »Man muss die Fakten genau und laut schildern. Und man muss das Verhalten der muslimischen Studenten akkurat schildern.« Es sei merkwürdig, sagt sie, wie zurückhaltend die Kanzler mancher Universitäten sich verhielten, wenn Muslime in‐ volviert seien. »Damit entmündigen sie diese Menschen, so, als müsse man sie nicht ernst nehmen.«

Für Deborah Lipstadt ist es keine Frage, dass die Vorkommnisse in vielen Univeranstaltungen purer Antisemitismus sind und nichts mehr mit dem Recht auf freie Rede zu tun haben, auf das sich auch die Oren‐Kritiker berufen. Lipstadt zitiert den früheren Supreme‐Court‐Richter Potter Stewart, der einst sagte, Hardcore‐Pornografie sei schwer zu definieren, aber er wisse, wann er sie sehe. »So geht es mir mit dem Antisemitismus«, sagt Lipstadt. Indizien gebe es immer dann, wenn ausschließlich ein Land für die Kritik herausgepickt werde. »Ich habe noch nie einen Studenten gesehen, der Nordkorea das Existenzrecht abgesprochen hat.« Dass diese Form des Antisemitismus gewachsen sei, wundere sie nicht, so die Wissenschaftlerin, denn Israel sei im Moment extrem verwundbar, »natürlich nutzen die Gegner das aus«.

zusammenwachsen Jordan Fruchtman sagt, es sei manchmal schwer zu sagen, ob man sich gerade mit Antisemitismus auseinandersetze oder mit völlig überzogener Israelkritik. Doch auf jeden Fall spürten die jüdischen Studenten die veränderte Atmo‐ sphäre auf dem Campus. »Wir sind als Juden in den letzten Jahren unglaublich zusammengewachsen«, sagt er. Gerade werde ein neues Hillel‐Haus gebaut. Und das Letzte, was die Juden nun gebrauchen könnten, seien Aufrufe zum Boykott der Unis. »Wir brauchen Geld, um die Menschen zu erziehen. Alles andere wäre eine Niederlage.« Auch die Anti‐Defamation League setzt ausschließlich auf Erziehung, um den Antisemitismus zu bekämpfen. »Wir unterrichten sogar die Campus‐Polizei«, sagt Mindy Aguirre, »damit sie erkennt, wann sie es mit Antisemitismus zu tun hat – und auch mit anderen Hassverbrechen. Denn wir bekämpfen jede Form von Intoleranz und Rassismus.«

Das tut dringend not. Denn der Toleranzpegel an den Universitäten scheint insgesamt zu sinken. Neben Juden waren in den letzten Monaten auch Schwarze, Schwule und Lesben das Ziel verschiedener Angriffe. Der Präsident der University of California, Mark Yudof, und die Kanzler der einzelnen Universitäten haben in einem offenen Brief sämtliche Vorfälle scharf verurteilt. Die UC San Diego, in deren Bibliothek neulich ein Galgenstrick baumelte, wie er zur Zeit der Rassentrennung vom Ku‐Klux‐Klan benutzt wurde, hat seit Kurzem einen speziellen Berater für Toleranzfragen.

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