Tagung

Halbmond und Davidstern

Wie lebten Juden unter dem Islam? Eine Konferenz im Jüdischen Museum sucht nach Antworten

von Ralf Balke  30.10.2017 14:25 Uhr

Iranische Juden beim Gebet in einer Synagoge des alten jüdischen Viertels der Stadt Isfahan. Foto: Getty Images

Wie lebten Juden unter dem Islam? Eine Konferenz im Jüdischen Museum sucht nach Antworten

von Ralf Balke  30.10.2017 14:25 Uhr

Goldenes Zeitalter, diskriminierte Untertanen des Sultans oder kulturell integrierte und wirtschaftlich erfolgreiche Minderheit –über die Geschichte der Juden in muslimischen Ländern gibt es zahlreiche und teils sehr widersprüchliche Narrative.

Vor allem jüdische Historiker aus Europa prägten im 19. Jahrhundert das einseitige Bild von einer vermeintlichen Idylle und interreligiösen Utopie Der Grund dafür war ganz konkret und hatte viel mit den negativen Erfahrungen von Juden im christlichen Herrschaftsraum zu tun.

Sicherheit Deshalb erschien ihnen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein der Islam als die etwas tolerantere Alternative. »Verglichen mit den Aschkenasim im nördlichen christlichen Europa lebten die Juden in der mittelalterlichen islamischen Welt in relativer Sicherheit«, bringt es Mark Cohen auf den Punkt. »Aus religiöser Sicht nahm der Islam das Judentum nicht als Bedrohung wahr.

Dhimmi Ihr rechtlicher Status entsprach genau dem der Christen – beide galten als »Dhimmi«, was so viel wie »geschützte Personen« bedeutet«, so der Professor aus Princeton, der als Autorität auf dem Gebiet der Erforschung jüdischer Lebenswelten im Zeichen des Halbmonds gilt, zu Beginn der Konferenz »Jews in Muslim Majority Countries«, die vergangene Woche in Berlin in der W. Michael Blumenthal Akademie des Jüdischen Museums stattfand.

Damit war man auch schon mittendrin im Thema der Veranstaltung. Diese verfolgte gleich zwei Ziele: Zum einen möchte man neue Einsichten über die viele Jahrhunderte andauernde und nach Aussagen mancher Experten konfliktarme jüdisch-muslimische Beziehungsgeschichte in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sowie Nordafrikas gewinnen.

»Wir wollen gewohnte Sichtweisen irritieren und mit der Vorstellung von Judentum und Islam als Gegensatzpaar brechen«, erklärte Yasemin Shooman, Leiterin der Akademieprogramme des Jüdischen Museums, in deren Rahmen die Konferenz ausgerichtet wurde. »Wir bewegen uns mit dem Thema in einem polarisierten Feld, wo die einen polemisieren und die anderen romantisieren. Dem wollen wir eine fundierte und differenzierte Auseinandersetzung entgegensetzen und so zur Versachlichung der Debatte beitragen.«

Zeitlich und räumlich wird dabei ein weites Feld beackert. Schließlich geht es um die Epochen seit dem frühen Mittelalter. Und man beschränkt sich nicht nur auf die sunnitische arabische Welt, sondern richtet den Blick zudem auf den schiitischen Iran.

Highlight International Inhaltlich und personell ist den Veranstaltern das Vorhaben auf jeden Fall gelungen. Die Konferenz ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Highlight. Denn zum ersten Mal überhaupt präsentieren hochkarätige Wissenschaftler in dieser Breite in Deutschland die Facetten jüdischer Geschichte und die Vielfalt ihrer Erfahrungen in muslimisch geprägten Herrschaftsbereichen.

Darüber hinaus geschieht es auch nicht jeden Tag, dass Historiker, Islamwissenschaftler sowie Vertreter weiterer Disziplinen aus Ländern wie Israel, Ägypten, Marokko, Katar, dem Irak und natürlich Deutschland und den Vereinigten Staaten auf einer Veranstaltung gemeinsam auftreten und ihre Forschungsergebnisse präsentieren. Allein das verdient schon Beachtung und Anerkennung.

Ein zentraler Aspekt kam in vielen Beiträgen immer wieder zur Sprache: die Lebensbedingungen von Juden als »Dhimmi«. Trotz der durch diesen Status auferlegten Einschränkungen entwickelten manche von ihnen durch ihre intimen Kenntnisse der Scharia-Gesetze ein sehr genaues Gespür für vorhandene Grauzonen und Interpretationsmöglichkeiten, wodurch sie sich Handlungsspielräume erschlossen und als Akteure auftreten konnten.

Beispielsweise im Jemen, wie Kerstin Hünefeld von der Freien Universität Berlin zu berichten weiß. »Auf Basis sogenannter pseudo-epigrafischer Schreiben deuteten jemenitische Juden im 17. und 18. Jahrhundert Verbote vorsichtig, aber geschickt in Rechte um, indem sie vermeintlich authentische Dokumente produzierten, in denen die engen Beziehungen zwischen dem Propheten Mohammed und den Juden im Kernland des Islams hervorgehoben wurden.«

Jerusalem Auch Miriam Frenkel von der Hebräischen Universität in Jerusalem verweist auf diese frühen Formen eines jüdischen Empowerment durch Strategien, die auf eine Bewahrung der eigenen Traditionen und die Abwehr gegenüber den Forderungen nach einem Übertritt zum Islam abzielten. Wie das konkret aussehen konnte, demonstrierte sie am Fall der Geniza im Besitz der Universität Cambridge.

»Es ist eine Art erfundene Bill of Rights aus dem 10. Jahrhundert, die zahlreiche Privilegien nennt, welche der Prophet Mohammed der jüdischen Gemeinschaft von Chaibar als Zeichen seiner Dankbarkeit für ihre Unterstützung in militärischen Auseinandersetzungen und aus Respekt vor Safiya, einer seiner Ehefrauen, die jüdischer Herkunft war, gewährt haben soll.«

Großen Aktualitätsbezug hatte der Beitrag von Orly Rahimiyan, einer Expertin für religiöse Minderheiten im Iran von der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva. Sie beschäftigte sich intensiv mit dem Bild von Juden im Iran im 20. Jahrhundert in den Medien sowie der populären Kultur und ging dabei der Frage nach, »auf welche Weise judenfeindliche Einstellungen in der muslimischen Tradition, wie sie im Koran, den Hadithen und Debatten über das Recht zum Ausdruck kommen, immer wieder an die Realitäten ihrer Zeit angepasst wurden.«

Stereotype Rahimiyan greift drei gängige Stereotype auf, den »gierigen Juden, den smarten Juden sowie den Juden, der geradezu magische Fähigkeiten besitzt«. Das Faszinierende an ihren Beobachtungen ist die Tatsache, dass diese in den Zeiten vor der Islamischen Revolution, als kurzfristig eine proisraelische Haltung im Iran vorherrschte, mitunter auch positiv aufgeladen waren, weil eine gehörige Portion Bewunderung vor den echten oder imaginierten Fähigkeiten von Juden mitschwang.

Die Beiträge der Konferenz verdeutlichten auf eindrückliche Weise eines: Es gibt sie nicht, die einzige und wahre Sicht auf die jüdisch-muslimischen Beziehungen. Wie so oft ist die Realität komplex und vielschichtig.

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