USA

George Soros als Sündenbock

Der jüdische Milliardär George Soros wird von extremen Rechten für die Proteste und Ausschreitungen in den USA verantwortlich gemacht. Foto: dpa

Die jüdische Organisation Anti-Defamation League (ADL) hat vor einer rasanten Zunahme von antisemitischen Verschwörungstheorien in den Vereinigten Staaten gewarnt. Eine große Zahl rechter amerikanischer Meinungsmacher stelle in den sozialen Netzwerken den jüdischen Milliardär und Holocaust-Überlebenden George Soros (89) als Anstifter der jüngsten Unruhen in den USA an den Pranger.

PROTESTE Auslöser zahlreicher zum Teil gewaltsamer Proteste im ganzen Land war der Tod von George Floyd in Minneapolis am Montag vergangener Woche. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie der 46-jährige Afroamerikaner von mehreren Polizisten zu Boden gedrückt und minutenlang trotz schwerer Atembeschwerden nicht losgelassen wurde, bis er schließlich starb. Viele Beobachter sahen das Verhalten der Polizisten als krasse Form des Rassismus an.

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Gegen die Gewalt und die Plünderungen bei einigen der Protestmärsche zeigte sich in den vergangenen Tagen allerdings eine Gegenbewegung. Präsident Donald Trump machte »linksradikale Kriminelle, Verbrecher und andere« für die Ausschreitungen verantwortlich. Er kündigte an, die »Antifa« als Terrororganisation einstufen zu wollen und notfalls das Militär auf die Straßen zu schicken, um für Ordnung zu sorgen.

VERSCHWÖRUNG Sekundiert wird Trump in seiner polarisierenden Haltung von einflussreichen rechten Kommentatoren. Laut Anti-Defamation League gibt es mittlerweile eine Welle von Falschinformationen, nach denen das Ganze eine gezielt von George Soros geplante und finanzierte Aktion sei.

ADL-Mitarbeiter Aryeh Tuchman sagte, man habe in den letzten Tagen einen »dramatischen Anstieg« von Anti-Soros-Posts in den sozialen Netzwerken festgestellt. »Es ist gang und gäbe, dass rechte Kommentatoren und Meinungsführer alles, was vor Ort passiert ist, Soros in die Schuhe schieben. Sie behaupten, er bezahle die Demonstranten für das Kommen, um so seine angeblich antiamerikanische Agenda voranzubringen,« so Tuchman im Interview mit der »Times of Israel«. Beweise würden keine vorgelegt.

»DEPORTATION« Vor allem auf Twitter sei die Zahl der Anti-Soros-Posts von den üblichen rund 20.000 auf eine halbe Million pro Tag gestiegen. Unter den Usern, die solche kruden Ansichten öffentlich vertreten, ist auch der Schauspieler James Woods, dem auf Twitter 2,4 Millionen Menschen folgen. »Um es klar zu sagen. Unser Problem ist nicht Schwarz gegen Weiß. Unser Problem heute ist George Soros gegen Amerika«, twitterte Woods am Montag und erhielt dafür bereits in den ersten 24 Stunden mehr als 80.000 Likes.

Nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt nimmt der Hass auf den »Sündenbock« Soros offenbar zu. Bei »Fox News« forderte ein Studiogast sogar die Deportation des gebürtigen Ungarn, der als Jugendlicher die Schoa überlebt hatte und seit einigen Jahrzehnten in den USA lebt. »Man hätte diesen Mann schon vor Jahrzehnten ausweisen sollen. Er ist die Zerstörung unserer Zivilisation und eine klare und eindeutige Gefahr für unser Land,« sagte dort der republikanische Aktivist Niger Innis.

CHIFFRE Allerdings, meint Aryeh Tuchman, sei der Stoßrichtung der jüngsten Attacken auf Soros nicht in erster Linie die Tatsache, dass er Jude sei, sondern vielmehr, dass er angeblich versuche, die amerikanische Politik zu beeinflussen. Dennoch führe auch eine solche Theorie oft zu einem Anstieg des Antisemitismus.

»Wenn jemand an eine nicht-antisemitische Verschwörungstheorie glaubt, ist es wahrscheinlicher, dass er auch eine antisemitische Variante davon akzeptieren wird,« so Tuchman. Soros sei in gewissen Kreisen eine Art Chiffre für den angeblichen jüdischen Versuch, die Weltherrschaft zu übernehmen und die Nation zu schwächen.

Bonn/Berlin

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