Nachruf

Gebäude wie Jazzmusik

Frank Gehry hat den berühmten Aphorismus »Über Musik zu schreiben, ist wie über Architektur zu tanzen« ad absurdum geführt, als er 1996 sein Tanzendes Haus in Prag verwirklichte. Hätte der Ausnahmekünstler sein Leben nicht der Architektur gewidmet, er wäre möglicherweise ein erstklassiger Jazzmusiker geworden. Seine Bauten leben von wilden, schiefen Formen, von Spontaneität und der Kunst der Improvisation. Gehrys unverkennbare Werke »tanzen« in aller Welt – von den USA über Japan bis Deutschland. Mit ihnen setzte der gefeierte und bei manchen auch verhasste Architekt den allzu harmonischen, kantigen und klaren Bauten der Moderne seine Skulpturen in Form fantastisch geformter Häuser entgegen.

Am 5. Dezember ist Frank Gehry im Alter von 96 Jahren nach kurzer Krankheit in seinem Haus in Santa Monica gestorben.

Auf den ersten Blick wirken seine Bauten immer wieder so, als seien sie aus einem Paralleluniversum, einer Welt mit anderen Schwerkraft-Gesetzen gefallen. Schimmernd und glitzernd biegen sie sich mit Titan-Hüllen in den Himmel, mitten in der Bewegung eingefroren.

Form beherrscht den Bau

Gehrys postmoderne Bauweise begeisterte von Beginn an, weil sie den vom Bauhaus propagierten Gestaltungsgrundsatz »Form Follows Function« ins Gegenteil verkehrte: Form muss, wie sein Werk zeigt, keineswegs der Funktion folgen. Im Gegenteil, die Form selbst kann einen Bau beherrschen und für sich Wirkung entfalten. So auch bei Gehrys 1997 errichtetem Guggenheim-Museum im baskischen Bilbao oder der 2003 eröffneten Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, die zu Gehrys berühmtesten Projekten zählen. Die Fragmente dieser Gebäude wirken einzeln betrachtet unorganisiert und chaotisch und folgen in ihrer Gesamtheit doch einem Rhythmus.

Das spanische Guggenheim – ein dekonstruktivistisches (auch wenn er die Zuschreibung nicht mochte), funkelndes Wunderwerk aus Glas, Titan und Kalkstein – ist bis heute ein beliebtes Touristenziel und begeistert auch Menschen, die sich sonst weniger für Baustile interessieren. Architekturkritiker Philip Johnson bezeichnete es als »das großartigste Gebäude unserer Zeit«. Wegen der vielen Kultur-Pilger war bald vom »Bilbao-Effekt« die Rede.

Mit seiner Großmutter baute er in seiner Kindheit aus Holzabfällen kleine Häuser und Städte.

20 bis 30 Modelle baute Gehry für jedes seiner Projekte, eigener Aussage zufolge; was manchmal auch ein zerrissenes und wieder zusammengesetztes Stück Papier sein konnte. Aus der ständigen Suche nach Wegen, um diese komplexen geometrischen Gebilde günstig und stabil in die Welt zu setzen, entstand auch Gehrys eigene Technologiefirma für Design-Software. Die erstbeste Idee zu verwenden oder nicht die bestmögliche Leistung abzuliefern, sei »nicht fair«, sagte er.

Der gefeierte Architekt riet dazu, alle Vorhaben gleich zu behandeln: »Egal, wie klein ein Projekt auch sein mag, behandle es, als sei es das wichtigste.« Und er machte es am persönlichen Beispiel vor: 1977 gestaltete er sein zweistöckiges Haus im traditionellen Bungalow-Stil in Santa Monica in Kalifornien: Dabei zerlegte er das Gebäude bis auf den Rahmen und ummantelte es mit Maschendrahtzaun und Wellblech. Das Haus wirkte, als sei es explodiert. Bald darauf schon baute Gehry weltweit, etwa den Fisch-Pavillon zu den Olympischen Spielen in Barcelona (1992), die Cinéma­thèque Française in Paris (1994) und sein Tanzendes Haus in Prag. Jeder wollte ein Stück von Gehry.

Geboren wurde Gehry am 28. Februar 1929 als Ephraim Owen Goldberg im kanadischen Toronto. Sein amerikanischer Vater war in New York City als Sohn russisch-jüdischer Eltern zur Welt gekommen, seine polnisch-jüdische Mutter stammte ursprünglich aus ŁódŹ in Polen. Als Kind verbrachte Gehry viel Zeit mit seiner Großmutter Leah Caplan, die die Kreativität ihres Enkels unter anderem dadurch förderte, zusammen mit ihm aus Holzresten aus dem Baumarkt ihres Mannes stundenlang futuristische Häuser und Städte zu bauen. »Ich weiß nicht, warum sie das gemacht hat, aber es ist mein Leben geworden«, sagte Gehry, als er 2008 die Art Gallery of Ontario umgestaltete. »Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen, bis ich 17 war – ein Haufen emotionales Zeug ist damit verbunden.«

Goldberg zu Gehry

Der Baumarkt seines Großvaters, wo Gehry häufig den Schabbat verbrachte, sollte sich in seiner bis dahin in der modernen Architektur unüblichen Verwendung von Wellblech, Maschendrahtzaun, unlackiertem Sperrholz und anderen »alltäglichen« Materialien wiederfinden. Von seinem Vater wiederum habe er das Zeichnen gelernt, während seine Mutter ihm die Kunstwelt erklärte. »Die kreativen Gene waren also vorhanden«, sagte Gehry vor einem Vierteljahrhundert dem »Time Magazine«. »Aber mein Vater hielt mich für einen Träumer, der es zu nichts bringen würde. Meine Mutter hingegen glaubte, dass ich nur schüchtern sei. Sie hat mich immer angespornt.«

Seinen Nachnamen Goldberg änderte er 1954 in Gehry, weil seine erste Ehefrau Anita Snyder Antisemitismus fürchtete. Gehrys Familie war deshalb schon einmal umgezogen. Allerdings vergebens. 1947 emigrierte sie schließlich in die USA und ließ sich in Kalifornien nieder.

Sein jüdisches Erbe und der familiäre Hintergrund als Einwanderer hätten seine Architektur-Philosophie geprägt, erfuhr Barbara Isenberg in ihren Interviews für das Buch Gespräche mit Frank Gehry. Er habe traditionelle Formen oft auf eine Weise neu interpretiert, die seine multikulturelle Erfahrung widerspiegelte. Seine Werke wurden als Verkörperung einer »Kritik des Konsumdenkens« beschrieben, da sie sich den Erwartungen an Luxus widersetzten und den Fokus auf Kreativität legten.

Er entwarf einzigartige Bauwerke, aber auch Möbel, Schmuck und Schnapsflaschen.

Neugierde sei Teil der jüdischen Kultur, sagte er 2018 dem »Jewish Journal«. »Ich bin damit aufgewachsen. Mein Großvater hat mir aus dem Talmud vorgelesen. Ich bin mit dieser Neugierde aufgewachsen. Ich nenne sie eine gesunde Neugierde.«

Gehrys Arbeit war immer viel mehr als nur Bauen, es war bildende Kunst mithilfe von Statikern, Ingenieuren, Designern und Investoren. Neue Aufträge bezeichnete er als »Skulptur-Objekte«, als »räumliche Container, gefüllt mit Licht und Luft«. Heute ist Gehrys Handschrift überall auf der Welt zu finden: in der Fondation Louis Vuitton in Paris, im Biomuseo in Panama oder auch im Guggenheim Museum in Abu Dhabi, das nach langer Bauzeit und vielen Verzögerungen voraussichtlich im kommenden Jahr eröffnet werden soll.

Und Gehrys Einfluss reicht weit über die Architektur hinaus: Er entwarf ebenso Möbel, Schmuck und Cognac-Flaschen. 1972 ließ er bereits einen Stuhl »tanzen« und nannte ihn »Wiggle Side Chair«. Er durfte allerdings nicht nass werden, da er größtenteils aus Karton bestand. 2015 designte er seine erste Jacht, die er »Foggy« nannte. Gehry liebte das Meer.

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Im Laufe seiner Karriere erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1989 den Pritzker-Architekturpreis, der als höchste Auszeichnung in diesem Bereich gilt, 2007 bekam er den Jerusalem-Preis für Kunst und Literatur verliehen, und 2016 überreichte ihm US-Präsident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom.

Wie jeder große Künstler hatte auch Gehry Kritiker, die seine Bauten als sündhaft teure Spielereien eines Egozentrikers abtaten, der nur eine große Show hinlegen wolle. »98 Prozent dessen, was auf unserer Welt gebaut und entworfen wird, ist pure Scheiße«, wehrte sich Gehry 2014, als ein Journalist ihn mit dieser Kritik konfrontierte – und zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Es gebe keinen Sinn für Design, »keinen Respekt für die Menschheit oder sonst etwas«, empörte er sich. So exzentrisch und kühn wie Gehrys Bauten konnte der Mann eben manchmal auch selbst sein.

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