Brooklyn/Tel Aviv

Frieden unterm Strejml

Die zwei großen Dynastien der Belzer und Satmarer Chassidim haben vergangene Woche nach mehr als 30-jährigem Streit das Kriegsbeil begraben. Auf dem Höhepunkt des Konflikts zwischen den Satmarern unter ihrem in New York lebenden Oberhaupt Rav Moshe Teitelbaum und den in Israel ansässigen Anhängern des Belzer Rebben Rav Rokeach war es sogar zu Straßenkämpfen zwischen den beiden Gruppierungen gekommen. Man sprühte sich gegenseitig Hakenkreuze auf die Synagogenwände, der Belzer Rebbe musste unter Polizeischutz gestellt werden und soll wohl zeitweise sogar eine kugelsichere Weste getragen haben.

Wie konnte es so weit kommen? Die beiden Rabbinerdynastien der aus Ungarn stammenden Teitelbaums und der Rokeachs aus der Ukraine waren vor der Schoa in ihren Weltanschauungen einander recht ähnlich. Sie begannen erst in den 50er-Jahren auseinanderzudriften, als beide Rabbiner versuchten, ihre durch den Holocaust beinahe ausgelöschten chassidischen Gemeinschaften außerhalb Europas wieder aufzubauen.

Den Satmarer Rebben verschlug es dabei nach Brooklyn, den Belzer in die Ahad-HaAm Gegend von Tel Aviv. Und während Satmar eine zunehmend antizionistische Linie verfolgte, arrangierte sich Belz mit dem israelischen Staat. 1955 kandidierte er sogar für die Knesset – und ignorierte die Warnungen des Satmarer Rebben. Auch hatte der Belzer kein Problem damit, vom israelischen Staat Subventionen anzunehmen – was der Satmarer verdammte und ihn dazu veranlasste, die Politik des Belzers mit dem Tanz ums Goldene Kalb zu vergleichen. Damit war der Frieden dahin.

Strassenkämpfe Zum tatsächlichen Bruch kam es um das Jahr 1980, als sich die Belzer von der durch Satmar dominierten Eda Haredit lossagten, der weltweiten Dachorganisation der charedischen Juden. Der Belzer Rebbe wollte sich in Sachen Halacha kein Diktat der Satmarer mehr gefallen lassen und mit dieser Aktion den Belzer Ruhm der vergangenen Tage wieder auferstehen lassen.

Von Seiten der Eda Haredit folgten als Reaktion wütende Briefe, Boykotte und Plakataktionen. Bei einer Reise des Belzer Rebben nach Williamsburg, dem Sitz des Satmarer Rebben, kam es zu Straßenkämpfen zwischen den beiden Gruppen. Zurück in Israel hielt der Belzer Rebbe vor seinen Anhängern eine Drascha, die den endgültigen Bruch zwischen den beiden Gruppen besiegelte: Er bekannte sich zur Teilnahme an der israelischen Politik, zur Stärkung der Belzer Gemeinschaft und zum Widerstand gegen »die Mächte des Bösen«.

Der Konflikt geriet damit außer Rand und Band: Rabbiner beider Seiten wurden auf offener Straße angegriffen, ihre Familien gemobbt. Die Satmarer riefen zu einer besonders gemeinen Racheaktion gegen den Belzer Rebben auf: Telefonterror am Schabbat.

Frauen Erst nach dem Tod des alten Satmarer Rebben Moshe Teitelbaum im Jahr 2006 und der endgültigen Machtübernahme seines Sohnes Ahron begann sich eine Annäherung der beiden Lager abzuzeichnen. Vielleicht geschah dies auch dank der stillen Einflussnahme zweier Frauen, die seit knapp 32 Jahren unfreiwillig getrennt waren: Sasha Teitelbaum, die Ehefrau des Satmarer Rebben Ahron Teitelbaum, ist die Schwester von Sarah Rokeach, der Frau des Belzer Rebben Ysachar Dov Rokeach. Beide sind Töchter des berühmten Wischnitzer Rebben Moshe Yehoshua Hager sel. A., der vergangene Woche in Bnei Brak beerdigt wurde.

Die beiden Frauen hatten es irgendwie geschafft, trotz des Streits ihrer Häuser in Kontakt zu bleiben, und drängten die beiden Schwäger nun zu einer Versöhnung. Auch hat Rav Rokeach seine Belzer Chassiden inzwischen zur weltweit viertgrößten chassidischen Fraktion gemacht und seine Machtposition gefestigt. Mit seinen 64 Jahren ist der Rebbe müde von den Auseinandersetzungen und sinnt auf Versöhnung.

So ließ er im Januar eine Gesandschaft von zehn Dajanim an den Grabstätten der Satmarer in New York Abbitte leisten. Es wurden Tehilim gesagt, und das Ganze endete als wirkungsvolle PR-Aktion auf YouTube. Bei seinem Besuch in Israel Ende Februar schaute der Satmarer Rebbe dann bei seinem Schwager auf einen Plausch vorbei. Es kam zwar nicht zu emotionalen Wiedersehensszenen, aber die beiden saßen bei Tee und Keksen zusammen und sprachen über Gewichtiges und Wahrhaftiges.

Wie die Seifenoper weitergeht? Nun, in den nächsten drei Jahren werden einige Belzer Enkelkinder große Hochzeiten feiern. Man hört, der Platz des Satmarer Rebben sei angeblich schon reserviert – am Haupttisch.

USA

»Wenn es nötig wird, wollen wir bereit sein«

Die Familie Wertheimer durchlebt das Dilemma unserer Zeit: Wo fühlen sich Juden noch sicher?

von Sebastian Moll  25.08.2026

ESC

Moroccanoil steigt als Hauptsponsor aus

Die israelische Kosmetikmarke hat ihr Sponsoring des Musikwettbewerbs nach sechs Jahren beendet.

von Nicole Dreyfus  25.08.2026

Mythos

Wie lange Haare zum männlichen Machtsymbol wurden - Vom biblischen Samson zum norwegischen Haaland

Seine blonde Mähne wurde zu seinem Markenzeichen - ebenso wie seine reichlichen Tore. Nun hat der norwegische Stürmer Erling Haaland sich die Haare abrasiert. Verliert er damit seine Macht? Vorbilder legen das nahe

von Johannes Peter Senk  25.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  25.08.2026 Aktualisiert

Österreich

Exodus über die Alpen

Zehntausende Juden flohen nach der Schoa über die Hohen Tauern nach Italien und weiter nach Palästina. Heute folgen ihre Nachfahren und andere Wanderer der historischen Route

von Pascal Beck  24.08.2026

Russland

Putins Doppelschlag gegen Jabloko

Die einzige Antikriegs-Partei wurde von der Wahl ausgeschlossen und ihr Anführer zu mehr als elf Jahren Straflager verurteilt

von Alexander Friedman  24.08.2026

New York

Gouverneurin Hochul fordert Mamdani auf, sich weniger auf Israel zu konzentrieren

In einem Interview legt die Gouverneurin des Bundesstaats New York dem Bürgermeister der gleichnamigen Metropole nahe, seinen Fokus auf das »Handwerkszeug der Stadtregierung« zu legen

 23.08.2026

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Philanthropie

Lauder-Stiftung lässt Förderung jüdischer Schulen in sieben europäischen Städten auslaufen

Zum Abschluss der jahrzehntelangen Förderung stellt die Ronald S. Lauder Foundation noch einmal 75 Millionen Dollar bereit. Die Strategie: Hilfe zur Selbsthilfe

 21.08.2026