Argentinien

Erst Rezession, nun Corona

»Nos Fundimos« steht auf einem Plakat, das in der zweitgrößten argentinischen Stadt Córdoba in den Schaufenstern Dutzender Läden hängt. Auf Deutsch: »Wir machen Pleite«.

Als Argentiniens Regierung am 19. März eine Pflichtquarantäne anordnete, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, mussten die Geschäfte im ganzen Land von einem Tag auf den anderen schließen. Lediglich der Verkauf von Lebensmitteln war noch erlaubt. »Viele Läden stehen tatsächlich vor dem Aus. Ein Teil wird aufgeben müssen«, sagt Tamara Sternberg, Besitzerin von El Emporio Libros, der ältesten Buchhandlung von Córdoba, zu der auch ein Verlag gehört.

Sternberg ist Sprecherin von Red de Empresarios Unidos, einer Initiative von rund 3000 Kleinunternehmern. Mit jedem Tag der Pflichtquarantäne ist ihre Situation verzweifelter geworden. »Es ist ja richtig, dass die Regierung die Gesundheit der Argentinier schützen will«, sagt Unternehmerin Sternberg. »Aber zugleich wird unsere Wirtschaft immer kränker. Manchen Händlern geht es so schlecht, dass sie kaum ihre Familien ernähren können.«

SORGE Weil die Regierung von Präsident Alberto Fernández frühzeitig weitgehende Ausgangsbeschränkungen verhängte, hat die Pandemie in Argentinien bisher deutlich weniger Opfer gefordert als in vielen anderen Ländern. 6265 Infektionen meldeten die Gesundheitsbehörden bis zum Dienstag dieser Woche. 314 Menschen sind am Coronavirus gestorben. In der Bevölkerung herrscht großer Konsens darüber, dass die strikten Maßnahmen angebracht waren.

»Wir fühlen uns alleingelassen, sind für die Politik unsichtbar.«

Buchhändlerin Tamara Sternberg

Aber mindestens ebenso groß ist die Sorge um die Wirtschaft, die bereits vor Ausbruch der Pandemie in einer tiefen Krise steckte. Die vierjährige Regierungszeit des Liberal-Konservativen Mauricio Macri endete im Dezember mit Rezession, Milliarden neuer Staatsschulden, einer anhaltend hohen Inflation und mehr als 35 Prozent Armut.

TALFAHRT »Im Grunde war Argentiniens Wirtschaft schon seit acht Jahren auf Talfahrt – und dann ist das Coronavirus über uns hereingebrochen«, beschreibt Pablo Kaplun die dramatische Situation. Er ist Tamara Sternbergs Mann und Mitinhaber von El Emporio Libros. »Unser Land hat keinerlei Ersparnisse, um die Folgen der Pandemie wirtschaftlich aufzufangen. Und genauso geht es den meisten Firmen und Geschäften.«

El Emporio Libros ist ein Familienbetrieb. Tamaras Vater Moisés Sternberg, vor zwei Jahren verstorben, hatte ihn 1941 gegründet. Mit einem Zeitungsstand im Zentrum von Córdoba fing alles an. Einige Jahre später eröffnete Moisés Sternberg die erste von zwei Buchhandlungen. 2003 kam der Verlag hinzu.

»Mein Vater hat viele argentinische Krisen mitgemacht, aber niemals eine solch große Ungewissheit, wie wir sie jetzt erleben«, sagt Tamara Sternberg. Die Situation sei beängstigend, die argentinischen Kleinunternehmer fühlten sich alleingelassen. »Wir sind für die Politik unsichtbar. Offenbar hat keiner unserer Regierenden je einen kleinen oder mittelständischen Betrieb geführt.«

STAATSKASSE Das Problem: Argentiniens Staatskasse ist leer. Das Land ist hoch verschuldet, es bemüht sich in diesen Tagen, in zähen Verhandlungen mit seinen Gläubigern einen Default zu vermeiden. Die Regierung musste die Gelddruckmaschine anwerfen, um einerseits das Gesundheitswesen für die Pandemie zu rüsten und andererseits die Hilfen für Bedürftige aufzustocken, die wegen der Quarantäne derzeit nicht im informellen Sektor arbeiten können.

Auch den Arbeitgebern greift die Regierung unter die Arme: Für mehr als eine Million Beschäftigte zahlt sie vorübergehend die Hälfte des Lohns. Zugleich hat der Peronist Alberto Fernández für 60 Tage Entlassungen wegen der Corona-Krise verboten – per Dekret.

Zwölf Angestellte hat El Emporio Libros, Kündigungen will Inhaberin Tamara Sternberg unbedingt vermeiden. Aber die Lohnzuschüsse der Regierung hält sie als Nothilfe für unzureichend, weil davon nur Firmen mit Personal profitierten – aber keine reinen Familienbetriebe.

ONLINE-HANDEL Jorge Grinstein ist Besitzer von zwei Geschäften für Elektro- und Computerzubehör in der Hauptstadt Buenos Aires. Todovisión hat 16 Angestellte, und Grinstein weiß schon jetzt: um Entlassungen wird er nicht herumkommen. Seine Einnahmen sind seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen drastisch eingebrochen. Dabei ist es der Firma gelungen, einen Teil des Geschäfts online abzuwickeln.

Seit Anfang der Woche sind die Ausgangsbeschränkungen etwas gelockert.

Der Internethandel, in Argentinien zuvor eher schwach entwickelt, sei durch die Ausgangssperren sprunghaft angestiegen, erzählt Unternehmer Grinstein. Er glaubt, dass diese Veränderung von Dauer sein wird. »Wegen der Pandemie hat der Handel eine Vollbremsung vollzogen. Wer keinen Sicherheitsgurt anhatte, wird durch die Scheibe fliegen.« Will heißen, vor allem Betriebe, die nicht auf den Verkauf im Internet eingestellt waren.

Grinsteins Prognose ist düster: »Bald werden wir jede Menge leerer Läden sehen. Auch viele Firmen und Restaurants werden die Corona-Krise nicht überleben.« Denn der Unternehmer erwartet auch nach der Rückkehr zur Normalität keine rasche Reaktivierung des Konsums. Schließlich verdienten viele Argentinier während der Pflichtquarantäne wenig oder gar nichts, außerdem sei mit Gehaltskürzungen zu rechnen.

AUSGANGSBESCHRÄNKUNGEN Anfang dieser Woche sind die Ausgangsbeschränkungen im ganzen Land gelockert worden. Am strengsten sind sie nach wie vor dort, wo es die meisten Coronafälle gibt: im Großraum Buenos Aires. Aber auch dort hat ein Teil der Geschäfte inzwischen geöffnet – allerdings keine Shoppingcenter, Bekleidungsgeschäfte oder Friseursalons.

In der zweitgrößten Stadt Córdoba hat das Unternehmer-Netzwerk Red de Empre­sarios Unidos durch den Druck seiner #NosFundimos-Plakate dazu beigetragen, dass die Läden wieder aufmachen dürfen – wenn auch nur nachmittags. Der Andrang hielt sich zunächst in Grenzen. Um die schwierige Zeit überstehen zu können, fordern die Geschäfte und Firmen Steuer­erleichterungen. Die Buchhändlerin und Verlegerin Tamara Sternberg bemüht sich um Optimismus: »Unser Betrieb hat schon so viele Krisen überlebt – hoffentlich schaffen wir es auch dieses Mal.«

Vereinte Nationen

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