Analyse

Endlich Freunde

Wochenlang wurde gerätselt, ob der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj anlässlich der Karlspreisverleihung in Aachen nun endlich nach Deutschland kommt. Die letzten Zweifel an seinem Besuch sind erst ausgeräumt, als er am Samstag gegen 22.45 Uhr in Rom ein VIP-Flugzeug vom Typ A319 mit der Aufschrift »Bundesrepublik Deutschland« besteigt.

Normalerweise fliegt die Bundeswehr damit den Kanzler, den Bundespräsidenten oder Minister durch die Weltgeschichte. Für Selenskyj macht sie eine seltene Ausnahme.

In Rom hat der ukrainische Präsident Papst Franziskus und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni getroffen. Nun also erstmal Berlin, bevor es dann weiter nach Aachen geht. Vor einer Woche hatte eine Indiskretion der Berliner Polizei über Planungsdetails den Besuch zwischenzeitlich in Frage gestellt.

Jetzt steht endgültig fest, dass er unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet: Weitgehend abgesperrtes Regierungsviertel, Scharfschützen, versiegelte Gullideckel - Sicherheitsstufe eins, die nur bei Besuchen von extrem hoch gefährdeten Staatsgästen gilt, wie zuletzt dem israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu.

Willkommenspaket im Wert von 2,7 Milliarden Euro

Auf dem Weg über die Alpen nach Berlin wird Selenskyj zeitweise von zwei Eurofighter-Kampfjets eskortiert. Um 00.24 Uhr landet er sicher auf dem militärischen Teil des Flughafens BER in Schönefeld bei Berlin. »Schon in Berlin. Waffen. Starkes Paket. Flugabwehr. Wiederaufbau. EU. Nato. Sicherheit«, twittert er kurz danach. Mit dem starken Paket ist ein Willkommensgruß gemeint, den die Bundesregierung dem Präsidenten bereits am Samstag vorab geschickt hat: Ein neues Waffenpaket im Wert von 2,7 Milliarden Euro mit weiteren Kampf- und Schützenpanzern, Flugabwehrsystemen, Aufklärungsdrohnen und Munition.

Ein Besuch des Präsidenten in Deutschland lohnt sich nur, wenn Deutschland was zu bieten hat, war von ukrainischer Seite immer wieder kolportiert worden. Mit dem Paket ist die Bundesregierung dieser Erwartung gerecht geworden. »Das ist eine sehr wichtige und starke Hilfe, vielen Dank, Olaf, dafür«, sagt Selenskyj, als er am Sonntagmittag im Kanzleramt neben Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht. Zuvor hatte er kurz bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorbeigeschaut, dann Empfang mit militärischen Ehren vor dem Kanzleramt, Gespräch mit Scholz, Pressekonferenz.

Sweatshirt und Cargohose neben Anzug und Krawatte

Selenskyj trägt Sweatshirt und Militärhose, Scholz Anzug und Krawatte. Die Stimmung ist entspannt, Scholz sagt dem »lieben Wolodymyr« weitere Unterstützung für den Abwehrkampf gegen die russischen Angreifer zu, solange dies nötig ist. Selenskyj lobt die deutsche Hilfe. »Wir werden daran arbeiten, dass wir Deutschland auf den ersten Platz bringen bei der Unterstützung«, sagt er mit einem Augenzwinkern. Kein Wort mehr von Zurückhaltung und Zögerlichkeit des Kanzlers bei der militärischen Hilfe.

In den ersten Monaten nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine war das noch ganz anders. Unvergessen ist die Videobotschaft Selenskyjs im Bundestag wenige Wochen nach Kriegsbeginn, als der Präsident den Kanzler um mehr militärische Unterstützung anflehte. »Lieber Herr Bundeskanzler Scholz, reißen Sie diese Mauer nieder. Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die Deutschland verdient.«

Scholz war für Selenskyj lange der Buhmann - bis zur Panzer-Wende

Noch im Februar dieses Jahres beschwerte sich Selenskyj in einem »Spiegel«-Interview über den Kanzler, obwohl Deutschland zu diesem Zeitpunkt bei der militärischen Hilfe schon vorne dabei war: »Ich muss Druck machen, der Ukraine zu helfen, und ihn ständig überzeugen, dass diese Hilfe nicht für uns ist, sondern für die Europäer«, sagte der ukrainische Präsident.

Wenige Tage später änderte die Zusage deutscher Leopard-2-Kampfpanzer aber so einiges. Deutschland schmiedete eine internationale Panzer-Allianz zur Unterstützung der Ukraine und brachte sogar die USA dazu, ihre Abrams-Panzer zu versprechen. Das neue milliardenschwere Waffenpaket tut nun sein Übriges dazu, dass Scholz für die Ukraine längst nicht mehr der Buhmann ist, was militärische Hilfe angeht. Der Deutschland-Besuch des Präsidenten markiert eine Wende im deutsch-ukrainischen Verhältnis. Und Scholz ist nicht mehr der Herr Bundeskanzler, sondern der Olaf für Selenskyj.

Differenzen bei Kampfjets

So ganz auf einer Wellenlänge sind die beiden aber dann doch noch nicht. Selenskyj bat Deutschland auf der Pressekonferenz, eine Koalition mit anderen Partnern zur Lieferung moderner Kampfjets zu bilden. Russland habe derzeit ein Übergewicht im Luftraum, sagte er zur Begründung. Scholz machte deutlich, dass er derzeit keine Waffen neuer Qualität bereitstellen wolle. Er verwies auf die deutsche Unterstützung der Ukraine bei der Luftverteidigung. »Das ist das, worauf wir uns als Deutsche jetzt konzentrieren.«

Die Antwort dürfte Selenskyj nicht gefallen. Aber Druck will er an diesem Sonntag nicht auf Scholz ausüben. Auf die Frage einer ukrainischen Journalistin, ob die deutsche Militärhilfe denn ausreiche, scherzt er: »Noch einige Besuche, und dann ist es ausreichend.«

England

Maccabi-Fan-Bann: Ministerin entzieht Polizeichef das Vertrauen

Ein Bericht zum Agieren der West Midlands Police beim Ausschluss von Fans des israelischen Vereins Maccabi Tel Aviv vom Spiel gegen Aston Villa hat schwere Fehler zutage gefördert

 15.01.2026

Irak

Humor als Waffe

Elizabeth Tsurkov berichtet über ihre 903 Tage als Geisel einer pro-iranischen Terrormiliz und was ihr beim Überleben half

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  13.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Zwei Torarollen hat das Feuer vollständig zerstört. Der Verdächtige wurde vom FBI gefasst. Er bezeichnete das Gebäude während eines Verhörs als »Synagoge Satans«.

 12.01.2026 Aktualisiert

Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Vor 125 Jahren traf der FC Bayern bei seinem ersten Auslandsspiel auf den legendären DFC Prag – und unterlag 0:8. Nach dessen Auflösung 1938 geriet der jüdische Verein fast in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren wird er von Enthusiasten wiederbelebt

von Kilian Kirchgeßner  11.01.2026

Armenien

Offene Arme in Jerewan

Juden finden in einer der ältesten Städte der Welt Sicherheit und Gemeinschaft. Ein Ortsbesuch

von Stephan Pramme  11.01.2026

Sport

»Absoluter Holocaust«: Fußball-Kommentator sorgt für Eklat

Der Ex-Torwart Shay Given hat die Amtszeit des Trainers Wilfried Nancy bei Celtic Glasgow mit dem industriellen Massenmord der Nationalsozialisten verglichen

 11.01.2026

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026