Irak

Ende einer langen Ära

Straßenszene im ehemaligen jüdischen Viertel von Bagdad (Februar 2019)

Einer der letzten Juden im Irak ist tot: Der Chirurg Dhafer Fuad Elijahu starb vergangene Woche, wenige Tage vor seinem 61. Geburtstag, in Bagdad. Elijahu war lange Zeit Chefarzt für Orthopädie und Chirurgie am Al-Wasiti-Krankenhaus in Bagdad.

Er galt als sehr beliebt bei Patienten und Kollegen, sagte der in Bagdad aufgewachsene Wiener SPÖ-Politiker Omar al-Rawi, der von der Schwester des Verstorbenen von Elijahus Tod erfuhr. Al-Rawi erklärte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, der Chirurg habe als »Arzt der Armen« gegolten und viele Menschen unentgeltlich behandelt. Auch sonst sei Elijahu sehr sozial eingestellt gewesen. »Er hat während des Ramadans oft freiwillig den Nachtdienst muslimischer Kollegen übernommen, damit sie nach Hause gehen konnten, um zu essen«, berichtete al-Rawi.

Ein namentlich nicht genannter Kollege Elijahus sagte der arabischen Nachrichtenseite »Al-Hurra«, alle hätten den Chirurgen sehr verehrt: »Er war ein Beispiel für Mitmenschlichkeit und Demut.« Er habe nicht nur begüterte Privatpatienten behandelt und sei Menschen immer mit einem Lächeln begegnet – »auch jenen, die sich, weil er jüdisch war, nicht von ihm behandeln lassen wollten«. Der Verstorbene sei gleichzeitig sehr schüchtern gewesen und zeitlebens unverheiratet geblieben, so ein anderer Klinikkollege gegenüber »Al-Hurra«. Nur wenige Menschen, die mit Elijahu in Kontakt kamen, wussten offenbar, dass er Jude war.

Erbe Zwar ist das Tausende Jahre zurückreichende jüdische Erbe im Irak noch sichtbar. Aber mit lebenden Juden haben die 40 Millionen überwiegend muslimischen Einwohner des Landes keine Berührung mehr.

Mit lebenden Juden haben die 40 Millionen überwiegend muslimischen Einwohner des Landes keine Berührung mehr.

Das war noch vor 70 Jahren ganz anders. Bereits zu biblischen Zeiten lebten im einstigen Babylon Hunderttausende Juden. Der Ort Ur Kasdim bei Nassirija war laut der Tora der Geburtsort des Stammvaters Abraham. In der Zeit des Königs Nebukadnezar (597–539 v.d.Z.) wurden Tausende Juden aus Judäa nach Babylonien verschleppt. Nicht alle gingen zurück.

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer und dem Niedergang Jerusalems wurde Babylonien zwischen dem dritten und elften Jahrhundert erneut zu einer Hochburg jüdischen Lebens, und noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts lebten Hunderttausende Juden zwischen Euphrat und Tigris. Sassoon Eskell, 1932 nach der Loslösung von Großbritannien erster Finanzminister des Irak, war Jude. Auch im politischen und wirtschaftlichen Leben gab es zu der Zeit zahlreiche jüdische Persönlichkeiten.

Pogrome Doch schon vor 1948 wurde es für die jüdische Bevölkerung des Landes ungemütlich. Viele irakische Juden fielen den sogenannten Farhud-Pogromen, Lynchmorden und anderen Aktionen zum Opfer. Im Jahr der Staatsgründung Israels lebten noch rund 150.000 Juden im Irak. Im selben Jahr wurde es ihnen offiziell untersagt, Bankgeschäfte zu tätigen, und man entfernte sie aus staatlichen Behörden. Auch die Ausreise war verboten.

Für zionistische Bestrebungen verhängten irakische Schnellgerichte harsche Strafen, bis hin zur Todesstrafe. So wurde der Geschäftsmann Shafiq Ades Ende 1948 in Basra wegen angeblicher Handelsbeziehungen zu Israel gehenkt, obwohl er selbst nicht zionistisch eingestellt war.

1950 hob die irakische Regierung das Ausreiseverbot für Juden auf. Es kam zu einem Massenexodus. Dieser wurde von der Regierung in Bagdad im Anschluss mit Nachdruck befördert, unter anderem durch weitere restriktive Maßnahmen.

Anfang der 50er-Jahre wurden in den vom American Jewish Joint Distribution Committee finanzierten Operationen »Esra« und »Nehemia« mehr als 120.000 Menschen nach Israel gebracht.

Anfang der 50er-Jahre wurden in den vom American Jewish Joint Distribution Committee finanzierten Operationen »Esra« und »Nehemia« mehr als 120.000 Menschen nach Israel gebracht. Ihr Vermögen mussten die meisten von ihnen zurücklassen; der Staat zog es ein.

Nur wenige Tausend Juden blieben dennoch im Land zurück. Ende der 60er-Jahre wurde die Gemeinschaft erneut zur Zielscheibe gewaltsamer Aktionen. Nach der Hinrichtung von neun irakischen Juden wegen angeblicher Spionage für Israel 1969 flohen sukzessive auch die meisten anderen aus dem Land.

Saddam Hussein Während der Herrschaft des Diktators Saddam Hussein gab es immerhin noch eine organisierte jüdische Kultusgemeinde. Sie hatte in einem schönen Gebäude am Tigris ihren Sitz. Doch wer nach Saddams Sturz 2003 durch Amerikaner und Briten auf Besserung gehofft hatte, wurde enttäuscht. Der letzte Vorsitzende der kleinen Kultusgemeinde verließ 2010 das Land. In der neuen irakischen Verfassung fand das Judentum keine Erwähnung.

Nur ganz wenige wie Dhafer Fuad Elijahu trotzten der negativen Grundstimmung und blieben im Land. Vergangene Woche wurde der Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof Habibija in Bagdad beigesetzt. Die Totenwaschung und Bestattung des Leichnams übernahmen seine muslimischen Arztkollegen, darunter der Direktor des Krankenhauses, das Elijahus Mutter einst geleitet hatte. Omar al-Rawi zufolge leben damit im Irak nur noch vier einheimische Juden. Eine davon ist Elijahus Schwester Khalida, auch sie ist Ärztin.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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