Buenos Aires

Elektronisch puzzeln

Buenos Aires, 18. Juli 1994: Bei einem Terroranschlag auf das AMIA-Gemeindezentrum kommen 85 Menschen ums Leben. Foto: Reuters

Montag, 18. Juli 1994, kurz vor zehn Uhr am Morgen. In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires explodiert eine Bombe bei einem Terroranschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina).

Das Gebäude in der Avenida Corrientes liegt in Schutt und Asche. Verstörte, schockierte Menschen irren zwischen den Trümmerbergen umher, unter denen Tote und Verletzte liegen.

Attentat Abraham Lichtenbaum hört die ohrenbetäubende Detonation in seiner vier Kilometer entfernten Wohnung im Stadtteil Villa Crespo. Lichtenbaum ist Direktor des jüdischen Forschungsinstituts IWO, das damals seinen Sitz im AMIA-Gebäude hat. Er entgeht dem verheerenden Anschlag, weil er an jenem Morgen ausnahmsweise später zur Arbeit geht. 85 Menschen kommen bei dem Attentat ums Leben, 300 werden verletzt. »Die meisten Getöteten habe ich gekannt«, sagt Abraham Lichtenbaum.

Die Technologie wurde entwickelt, um geschredderte Stasi-Unterlagen wiederherzustellen.

Das Entsetzen und die Trauer um die Opfer lassen ihn damals seine Verantwortung für das wertvolle historische Archiv des IWO (Idisher Visnshaftlejer Institut) nicht aus dem Blick verlieren.

Forschung Die auf die Dokumentation und Erforschung der jüdischen Geschichte und Kultur in Osteuropa spezialisierte Einrichtung wurde 1925 in Vilnius gegründet. Bereits drei Jahre später eröffneten Intellektuelle und Journalisten eine Filiale in Argentinien, wo seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Zehntausende jiddischsprachiger Einwanderer aus Osteuropa eine neue Heimat gefunden hatten. 1939 entstanden das Archiv und die Bibliothek des IWO Buenos Aires, und 1945 zog das prestigeträchtige Institut in das Gebäude des Gemeindezentrums AMIA.

»Wir bewahrten mehr als 60.000 Bücher auf, ebenso wie die Archive aller jüdischen Zeitungen Argentiniens«, sagt IWO-Direktor Lichtenbaum, »zudem auch private Dokumente und Sammlungen jüdischer Einwanderer und Schriftsteller sowie eine einzigartige Schallplattensammlung.«

Die Bombe von 1994 zerstörte einen Teil der Bestände unwiederbringlich, aber rund die Hälfte der Bücher und ein bedeutender Teil des Archivs konnten – mehr oder weniger beschädigt – gerettet werden. »Das Attentat ereignete sich an einem Montag, und am frühen Freitagmorgen bekamen wir von Justiz und Feuerwehr die Erlaubnis, unser Archiv aus den Trümmern zu bergen«, erinnert sich Lichtenbaum.

Die Bombe von 1994 zerstörte einen Teil der Bestände unwiederbringlich.

»Eine große Gruppe junger Freiwilliger und wir, die Leute vom IWO, waren dann fast 20 Stunden im Einsatz. Wir haben Bücher, Schriftstücke, Fotos und Kunstwerke in einen Lastwagen verladen und in einen Übergangsraum gebracht.«

Geborgen wurden auch Bücher, die Menschen auf der Flucht vor den Nazis mit nach Argentinien gebracht hatten. »Wir nennen sie ›Bücher, die zweimal gerettet wurden‹«, sagt der IWO-Direktor.

Berlin Im fast 12.000 Kilometer entfernten Berlin kann sich Bertram Nickolay noch gut an die Nachricht von dem Anschlag in Buenos Aires erinnern, die im Juli 1994 um die Welt ging. »Ich habe mich damals aber nicht mit der Frage beschäftigt, ob Archive betroffen waren. Ich habe nur die vielen Toten und Verletzten wahrgenommen«, erzählt Nickolay in seinem Büro im Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK).

Nickolay ist promovierter Elektroinge­nieur, sein Spezialgebiet heißt »Maschinelles Sehen«. Und er ist der Erfinder einer Methode, mit der zerstörte Dokumente wieder lesbar gemacht werden können – der sogenannten ePuzzler-Technologie.

»Die Fragmente werden mit einem Scanner erfasst und digitalisiert, und dann setzt der Computer automatisch zerrissene, zerschnittene oder geschredderte Dokumente zusammen«, erklärt er. Wie die Teile eines virtuellen Puzzles also.

Die ePuzzler-Technologie, die für die digitale Wiederherstellung geschredderter Stasi-Unterlagen entwickelt wurde, hat international für Aufsehen gesorgt. 2013 wurde sie mit dem europäischen Innovationspreis EARTO ausgezeichnet.

Zwei Jahre zuvor war ein Argentinier auf den ePuzzler aufmerksam geworden, als Nickolay seine Rekonstruktionstechnologie bei einer Konferenz über Erinnerungskulturen in Mexiko vorstellte. Der Psychoanalytiker Néstor A. Braunstein, ebenfalls Konferenzteilnehmer, erkannte sofort, dass die Methode zur Wiederherstellung beschädigter Dokumente dem Forschungsinstitut IWO in Buenos Aires nützlich sein könnte. »Und so stellte er den Kontakt zum IWO her«, sagt Nickolay.

Seit dem AMIA-Anschlag waren bereits 17 Jahre vergangen, in denen das IWO-Team unter Aufbietung aller Kräfte am Wiederaufbau seines Archivs und der Bibliothek gearbeitet hatte. »Zuerst haben wir das Material geborgen, dann haben wir mit der Reinigung, Restaurierung und Konservierung angefangen und schließlich die Digitalisierung von Bibliothek und Archiv in Angriff genommen«, erläutert Direktor Abraham Lichtenbaum. Doch die Herku­les­­aufgabe wurde dadurch erschwert, dass bei dem Anschlag die Kataloge der IWO-Bestände zerstört worden waren.

Kataloge 2001 stieß die Archivarin Silvia Hansman zum Institut und übernahm die Verantwortung für die Neuorganisa­tion: »Wir hatten zwar keine Kataloge, aber ein thematischer Leitfaden des Archivs war uns erhalten geblieben. Außerdem haben uns Menschen geholfen, die eine minutiöse Kenntnis der Bestände besaßen.« Zwischen 2001 und 2005 gelang es Hansman und ihren Kollegen, 7000 Bücher neu zu katalogisieren.

In den Räumen im Zentrum von Buenos Aires, in denen das IWO untergebracht ist, bis es ein eigenes Gebäude beziehen wird, stapeln sich Pappkartons bis zur Decke. Ihre Inhalte sind das papierene Gedächtnis des osteuropäischen Judentums in Argentinien. Manche Dokumente wurden nur leicht beschädigt, andere sind zerfetzt.

Bei der Auswahl der Stichproben sei es um technische Aspekte gegangen – aber nicht nur.

Als Bertram Nickolay das Institut zum ersten Mal besuchte, war er schnell überzeugt, dass die Voraussetzungen für die Anwendung seiner ePuzzler-Technologie sehr gut waren: »Im Unterschied zu vielen anderen Projekten, die wir machen, haben wir hier den großen Vorteil, dass die Fragmente bereits gereinigt und sortiert sind. Man weiß genau, welche Fragmente in welchen Kartons liegen.«

Nickolays Arbeitgeber, das Fraunhofer-IPK, und das IWO vereinbarten ein Pilotprojekt. 2018 bewilligte das Auswärtige Amt im Rahmen seines Kulturerhalt-Programms finanzielle Unterstützung.

Bei der Auswahl der Stichproben sei es um technische Aspekte gegangen – aber nicht nur, betont Bertram Nickolay: »Wir brauchen immer sehr unterschiedliches Material, um zu sehen, ob unsere Digitalisierung funktioniert. Deshalb haben wir sowohl fein als auch grob zersplitterte Schriftstücke ausgewählt. Aber es ging mir auch um die politischen und historischen Inhalte des Materials. Und da war ich mir mit dem IWO schnell einig, dass die Werke der Journalistin Tania Fuks von großer Bedeutung sind.« Sie überlebte Ghetto und Lager und wanderte nach der Schoa nach Argentinien aus.

schoa IWO und Fraunhofer-Institut würden jetzt gern die kompletten Aufzeichnungen von Tania Fuks rekonstruieren. »Das ist sehr reichhaltiges Material, nicht nur wegen der Erinnerungen an die Schoa, sondern auch wegen Fuks’ kritischem Blick auf die Zeit danach. Diese Schriften sind bis heute nicht erforscht worden«, meint IWO-Archivarin Silvia Hansman.

Nach einer digitalen Wiederherstellung könnte sich das ändern. »Ich habe Verlage gefunden, die interessiert daran wären, Tania Fuks’ Manuskripte als Buch herauszubringen«, sagt Bertram Nickolay.

Zwischen 2001 und 2005 gelang es Hansman und ihren Kollegen, 7000 Bücher neu zu katalogisieren.

Fürs Erste bemüht er sich um Finanzmittel, um die Kooperation mit dem IWO fortzuführen. Das Institut in Buenos Aires und der Erfinder des ePuzzler hätten auch Interesse daran, Archivbestände zu jiddischer Musik und Theater zu rekonstruieren und auszuwerten. Zudem möchte das IWO ein jüdisches Pressearchiv restaurieren und digitalisieren.

Für Bertram Nickolay ist die Zusammenarbeit mit dem IWO eine besondere, denn seit Jahrzehnten ist er ein großer Fan jiddischer Musik. »Wie spannend: Jetzt, am Ende meiner Karriere, trifft sich mein Beruf, das maschinelle Sehen, mit meiner Leidenschaft fürs Jiddische.«

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